Kreuzberger Chronik
Februar 2016 - Ausgabe 176

Geschichten & Geschichte

Die Spiele des Soldatenkönigs (1):
Revuen auf dem Tempelhofer Feld



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von Peter Mülller

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Der berühmte »Soldatenkönig« verfügte über ein wenig ehrfurchterregendes Äußeres. Weder besaß er eine sportliche Figur, noch flößten energische Gesichtszüge etwaigen Feinden Respekt ein. Im Gegenteil, der Soldatenkönig war ein großer Angsthase, doch das friedliche, gut durchblutete Gesicht Friedrich Wilhelms, das der Maler Antoine Pesne 1733 in Öl konservierte, verrät keine Spur jener Panik, die ihn befallen haben soll, als er die Nachricht vom Tod seines Vaters erhielt. Sein bevorstehender Amtsantritt hatte ihn derart in Schrecken versetzt, dass er »sofort nach der feierlichen Beisetzung des Königs die Trauerkleidung mit seiner blauen Uniform vertauscht und sich zu Pferde gesetzt hat, um vor dem Köpenicker Tor die Grenadiere in Augenschein zu nehmen.«

Der neue König war anders als der alte. Hatte sein Vater die Stadtmauer als Zollgrenze und »Akzisemauer« errichten lassen und den künstlichen Wasserlauf des Landwehrkanals für Händler und Bauern mit steinernen Bögen überbrückt, so ließ der Sohn diese Brücken sofort wieder abreißen und durch hölzerne Ziehbrücken ersetzen, um feindliche Soldaten abschrecken und eigene am Desertieren hindern zu können. Maßnahmen wie diese, vor allem aber die Zwangsrekrutierung junger Männer führte dazu, dass in den ersten beiden Jahren seiner Amtszeit 17.000 junge Berliner die Stadt verließen. Ähnlich wie in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts, als Ostberlin die Bürger davonliefen, verschärfte auch Friedrich Wilhelm an den Stadttoren die Kontrollen und verlangte von Fremden einen »Reisepass«. An regnerischen Tagen ermahnte er die Zöllner dazu, bei diesem »trüben Wetter gute Wache zu halten, dass niemand sich aus dem Tore schleiche«, auch auf »Bauernwagen« solle man im Heu nach Deserteuren suchen. »Sehr böse« wurde Ihre Majestät, als es einem »Kerl vom Regiment Braun« gelang, » als Frauenzimmer verkleidet hinauszugelangen« . Der König befahl, in Zukunft »sehr genau acht zu geben auf die großen Frauenzimmer.«

Hatte Friedrich I. sein Geld auf die Gestaltung öffentlicher Plätze und Straßen verwandt, so konzentrierte sich sein Sohn auf die Demonstration militärischer Stärke. Auf der staubigen Handelsstraße, die vom Halleschen Tor zu dem Dörfchen Tempelhof und weiter bis in den Fläming führte, verkehrten jetzt nicht nur Ochsenkarren mit Lebensmitteln und Postkutschen mit Reisenden, sondern auch die Soldaten des Königs, die immer öfter an den zivilen Reisenden vorübersprengten. Nach dem Amtsantritt des Soldatenkönigs wirbelten die exerzierenden Regimenter des Fußvolks ganze Wolken von Staub auf, und am 20. April 1717 wurde die Handelsstraße erstmals zur Paradestraße. Jedes Jahr zogen von nun an auf der damaligen Belle Alliance und dem heutigen Mehringdamm die Frühjahrsparaden hinauf zum Tempelhofer Feld.

Die militärische Prozession wurde zum Höhepunkt im Jahreslauf des Königs von Preußen, der am Tag vor der »Revue« stets über schlaflose Nächte klagte. Benkendorf, ein Zeitzeuge der ersten Berliner Militärparaden, schreibt, dass der König »am Tage der Hauptrevue schon um zwei Uhr morgens zu Pferde saß.« Ebenso schlaflos waren die Soldaten des Soldatenkönigs, die »in größter Stille und Ordnung durch das Kottbusser Tor nach dem Tempelhofer Berg zu ritten, wo der bereits angekommene König« hoch zu Ross »alles an sich vorbeimarschieren ließ.«

Wenn die »Linie der Infanterie gerichtet« und die Fahnen gehisst waren, nahm der König auf einem unbequemen Feldstuhl Platz, »die kleinen Prinzen erhielten von einem Pagen, der zwei Schachteln in der Tasche trug, Butterschnitten, welche sie sich recht wohl schmecken ließen, und nach diesem Frühstücke machten die Regimenter dann ihre Schwenkungen«. Sie gruppierten sich zu verschiedensten Formationen, bis zuletzt die Grenadiere von den Flanken mit hölzernen Granaten warfen, um die geordneten Verbände durcheinander zu bringen und »die Kavallerie scheu zu machen. Das war dann für das Berlinische Publikum ein herrliches Schauspiel.«

Nach diesen, von den Berlinern mit viel Vergnügen, vom wachsamen König aber äußerst argwöhnisch beobachteten Vorführungen begab sich die Kriegsmaschinerie wieder hügelabwärts der Stadt entgegen. Nicht erst vor dem Schloss, sondern bereits vor dem Stadttor mussten die Reiter absitzen und ihre Kleider ordnen. »Die Schuhe der Soldaten wurden abgebürstet, die Gewehre abgewischet, und so rückten sie dann in die Stadt ein«, um sich von der entzückten Damenwelt bestaunen zu lassen, allen voran der Königin mit ihren Prinzessinnen, die schon »am Tore« auf ihren Gatten wartete, was »der König sehr gerne hatte.«

Von hier aus zogen die Heerscharen weiter bis zum Schloss, wo die Königin, die vorausgeritten war, ihren Gatten und seine Soldaten ein zweites Mal bewunderte, was den König ein zweites Mal sehr erfreute. »Das ganze Schauspiel endigte sich abends gegen 5 Uhr ... beim Schlosse in der Gegend der Zimmer des Königs«, wo man zumindest für die Offiziere ein paar »Bänke zum Ausruhen hingesetzt hatte.«

Das Tempelhofer Feld, einst »sonntägliches Ausflugsziel vieler Erwachsener und Kinder zu Erholung und Spiel, zum Lagern und Laufen, zum Sport und Drachensteigen« , war zum Schauplatz der Militärrevuen geworden. 1871 nahm Kaiser Wilhelm I. erstmals die Parade ab, Staatsmänner aus Russland und Österreich waren auf dem Feld zu Gast, bis 1914, fast 200 Jahre nach dem Erstauftritt des Soldatenkönigs, die letzte große Parade auf dem Tempelhofer Feld stattfand, die in einem alten Schulbuch noch einmal genau beschrieben wird. Kaiser Wilhelm II. »trug den Adlerhelm, den weißen Waffenrock mit dem metallisch glänzenden Küraß, die weiße Stiefelhose mit den roten Generalstreifen.« Vielleicht ahnte er, dass es mit den Spielen bald vorüber sein würde, dass ein echter Krieg sich anbahnte: »Die Grüße der Menge ließen den Kaiser teilnahmslos. Ernst, fast kalt blickte er über die Reihen hinweg, und nur selten hob er die Hand zum Gruß.«

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