Kreuzberger Chronik
Februar 2016 - Ausgabe 176

Essen, Trinken, Rauchen

Bier vom Doldenmädel


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von Michael Unfried

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Auf seinem T-Shirt steht: Stoppt den Kiezverkauf! Der Kreuzberger mit dem Slogan auf der Brust steht mit aufgefaltetem Tagesspiegel auf der Straße und liest: »In eine alte Kreuzberger Lieblingskneipe ist ein Braugasthaus eingezogen!« - »Wenn ich das schon wieder höre!« meckert der mit dem Zopf. »Wieso liest du den Scheiß überhaupt?« , fragt der mit dem Irokesen.

»Das war doch nie ´ne Kreuzberger Lieblingskneipe, das war immer leer!«, sagt der mit dem Zopf. »Das war früher ein Nazilokal, deshalb ging da keiner rein. Und dann kam das Oe, so ein Gentrifiziererlokal für die aus dem Viktoriaquartier. Da ging auch keiner rein.«

Trotzdem schlurfen die drei Männer jetzt ins ehemalige Kaiserstein. Sie haben Durst, Gentrifizierung hin oder her.

»90 verschiedene Biere haben die!« , sagt der mit dem T-Shirt.Kaum sitzen die drei Kreuzberger am Tisch, fährt der Zopf mit dem Zeigefinger die Liste mit Bieren aus aller Welt entlang. Er findet das Pale Ale und das Harlem Brake Brown Ale, das Holy Shit Ale, das Manhattan Drawn und das Union Jack und das Peter, Pale and Mary, das an eine amerikanische Band aus den Siebzigern erinnern und ein »Folk American Pale Ale« sein soll, mit »Marille in der Nase und Pinie im Geschmack. Dezente Noten von Orangenzeste unterstutzen die nette Bittere und den trockenen Abgang!«

»Es ist schon erstaunlich, was diese Amis so alles halluzinieren!«

»Was sind eigentlich Orangenzeste?«

»Schrieb doch schon die vom Tagesspiegel, dass das hier keine von diesen verräucherten Buden ist, wo Touris speckiges Essen mit Pils runterspülen! Hier spülen die Japaner und die Amerikaner eben ihre Burger mit dezenten Noten von Orangenzeste und Marille runter« .

»Immerhin haben sie Bockbier!« , sagt der mit dem T-Shirt.

»Aber dass hier ein paar Meter weiter die Bock-Brauerei war und das Bockbier erfunden wurde, steht nirgends!« , nörgelt der Iro.

Der Kellner kommt, ein ganz smarter. »Sie sind sicher dieser nette Ober aus dem Tagesspiegel, gell?« , fragt der Iro.

»Ich hätte gern ein Kreuzberger Tag!« , sagt der Zopf.

»Das haben wir leider nicht!«

»Dann bitte ein Kreuzberger Nacht!« , sagt der mit dem T-Shirt.

»Das haben wir leider auch nicht!«

»Wahnsinn! Da kommen Sie von irgendwoher aus Schwaben oder Bayern nach Kreuzberg, wo einmal lauter Brauereien waren, wo man seit ewigen Zeiten Bier braut, und wo es noch heute ein paar gute Bierbrauer gibt, haben 90 Sorten Biere aus aller Welt und kein einziges Bier aus Kreuzberg! Wenn das mal kein Lokalpatriotismus ist!«

»Dafür haben wir den Kreuzberg Burger!« , sagt der Ober.

»Bulette heißt das hier, junger Mann, Bulette. Und jetzt bring mir mal ganz schnell eine Berliner Weiße.«



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