Kreuzberger Chronik
Dezember 2016 - Ausgabe 185

Kreuzberger
Norbert Bodo Czeslik

Ich hatte nie vor, Weihnachtsmann zu werden


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von Uta Siebert

Titelfoto: Dieter Peters

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»Ich hatte nie vor, Weihnachtsmann zu werden.

Nach Plan lief eigentlich nichts im Leben von Norbert Czeslik. Es hat sich alles irgendwie ergeben. Und doch passte am Ende immer alles ganz wunderbar zusammen. Auch das mit dem Laden. Er ist da nur »hineingeschliddert«, vor 40 Jahren ungefähr, als Aushilfe. Und nie wieder herausgekommen. Am 1. Januar 2002 wurde ihm der Laden überschrieben. »Aber ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem ich nicht gerne in diesen Laden gegangen wäre!«, sagt Czeslik. Der Laden ist sein zweites Zuhause. Kürzlich, als Norbert sich von Christine verabschieden und sagen wollte, dass er jetzt in den Laden gehe, hörte er sich sagen: »Ich geh mal nachhause.«

In den Laden kam er wegen Bettina. Bettina Ryck, der blonden Mitschülerin vom Leibnizgymnasium, in die er sich unsterblich verliebt hatte. Die Unsterblichkeit hielt nur zwei Jahre, denn sie waren erst 16 Jahre alt. Aber die Geschichte mit dem Bastelladen wurde eine unendliche. Der Bastelladen am Mehringdamm gehörte Bettinas Eltern, und weil die Eltern nett waren zum ersten Freund ihrer Tochter, und weil Norbert einer ist, der gerne anpackt, wenn jemand ihn fragt, ob er mal kurz mit anpacken kann, hat er eben ein, zwei Mal die Woche im Laden ausgeholfen.

Natürlich tat er das auch zur Aufstockung des Taschengeldes, das, egal wie hoch es auch ausfiel, nie reichte. Schon damals nicht, als er noch in die Galilei-Schule in der Gneisenaustraße ging; Als in der Melkerei in der Bergmannstraße Nr. 4 noch die Kühe standen; Und als gegenüber, »drei Stufen hoch« noch der Spielzeugladen war, und »der hatte alles, Carrera, Märklin, Modellautos von Schuko... – Da hab ich mein ganzes Taschengeld gelassen.« Wenn dennoch etwas übrig blieb von den paar Mark, dann gab es in der Bergmann Frau Jordan mit ihren großen Gläsern voller Süßigkeiten. Und dann waren da natürlich noch die vielen Kinos: In der Bergmann das Allotria, »wo heute das Cassata ist«, und das Rivoli, wo heute Kaisers ist. Am Mehringdamm war das Prisma und in der Yorckstraße das Yorck, »ein riesengroßer Saal. Aber der wurde irgendwann komplett abgerissen.«

Es war jedenfalls schwer für den jungen Norbert, mit dem Taschengeld durchzukommen. Sobald er aus dem Haus trat, stand er in der Bergmannstraße mit ihren kostspieligen Verführungen. Er konnte nichts dafür, er ist da hineingeschliddert, mit Hilfe einer Hebamme, im Erdgeschoss der Nostitzstraße. Eigentlich dachten alle, Norbert würde ein kleines Christkind, so eine Art lebendiges Weihnachtsgeschenk

werden. Aber Norbert hatte keine Eile, Norbert hatte schon damals keinen besonderen Plan. Also dachte man, er würde ein Silvesterscherz, aber Norbert wartete ab, bis der ganze Trubel vorbei war, Heiligabend, Weihnachten, Silvester, und dann, am 3. Januar, kam er endlich auf die Welt. Als 7. und letztes Kind seiner Eltern. Aber als die erste »Gemeinschaftsproduktion«. Als ein lang ersehntes Wunschkind. Und als ein geborenes Nesthäkchen.

Denn sowohl der Vater als auch die Mutter hatten bereits je drei Kinder, als sie sich kennenlernten. Johann hatte eine Frau geheiratet, die eher den Alkohol als den Mann liebte, und Edith, Norberts Mutter, war »eine ziemlich moderne und lebenslustige Frau«, die vorsichtshalber gleich auf die Hochzeit verzichtet hatte. Das Schicksal entschied, die Kinder der Alleinerziehenden in das gleiche Kinderheim zu stecken, sodass die Eltern sich bei den Besuchen an den Wochenenden eines Tages zwangsläufig über den Weg laufen mussten. So oft, bis der Fleischermeister zur Stenotypistin mit den drei Kindern sagte: »Sollen wir unsere Kinder nicht endlich hier rausholen? Ich gehe arbeiten, und du passt auf sie auf?«

Ein bisschen war es wie im Märchen, wie in einem dieser kitschigen Weihnachtsfilme von Walt Disney. Weil die Wohnung im Erdgeschoss der Nostitzstraße zu klein war für die große Familie, mieteten sie noch die Wohnung im Souterrain dazu, bauten eine Treppe
hinunter und verlegten die Kinderzimmer für die Jungen nach unten. Das Nesthäkchen und die Mädchen blieben oben bei den Eltern. Norbert fühlte sich wohl in dieser ziemlich großen Familie und dieser ziemlich großen Wohnung, die allmählich immer größer wurde, weil die Jungen nach und nach auszogen, die Mädchen nach unten nachrückten, und Norbert hatte irgendwann »ziemlich viel Platz für die Modelleisenbahn.« Irgendwann verließen dann auch die Mädchen das Elternhaus, und es gab sogar noch Platz für Albert in der Nostitzstraße. Norbert hatte schon immer einen Hund haben wollen. So einen, wie ihn sein Freund in Schöneberg hatte. Während seine Schulkameraden noch vom Mopedführerschein träumten, träumte Norbert schon vom Hund. So lange, bis der Vater irgendwann sagte: »Na, dann hol dir halt deinen Albert.« Wenig später war der Fleischermeister »der größte Hundefreund im Kiez.«

Norbert hat sich die Familie und die Wohnung in der Nostitzstraße nicht ausgesucht, er ist da »hineingeschliddert«. Genau wie in den Laden. Aber er wohnt noch immer auf zwei Etagen, zu zweit, mit Christine. »Wir haben einen parkähnlichen Garten, im Sommer, wenn alle schwitzen, ist es bei uns schön kühl, und wir haben gut Platz.« Auch • zur Arbeit hat er es nicht weit. Norbert Czelsik braucht nur fünf Minuten. Zu Fuß. Eigentlich hätte er sein ganzes Leben zu Fuß bewältigen können. Aber natürlich hatte Norbert auch einen VW-Bus und fuhr mit seinen Freundinnen und seinen Freunden nach Frankreich, nach Spanien oder nach Portugal. Wohin politisch korrekte Kreuzberger eben fuhren. Norbert Czeslik ist nicht umsonst in der Nostitzstraße geboren, er ist ein echter Kreuzberger geworden.

Einer, der nie Ladenbesitzer werden wollte. Erst recht nicht Bankkaufmann, wie es die Mutter so gern gesehen hätte. Er hatte auch nie daran gedacht, fünfzehn Jahre lang als Weihnachtsmann mit dem VW-Bus durch die halbe Stadt zu fahren, nur um irgendwann nach Mitternacht mit fünf anderen Weihnachtsmännern »an der Tanke noch einmal nachzufüllen.« Fünfzehn Jahre lang zog er am 24. Dezember den roten Mantel an und drapierte Kissen um seinen Bauch. Er »war ein sehr stattlicher und ein sehr, sehr alter und gebrechlicher Weihnachtsmann. Die saßen wie erstarrt auf dem Sofa, wenn ich hereinkam, keiner traute sich, ein Wort zu sagen!«

Auch zu der Familie mit den sieben Kindern war jedes Jahr der Weihnachtsmann gekommen. Lange merkte der kleine Norbert gar nicht, dass der große Bruder am Heiligen Abend immer so lange in der Badewanne saß. Und dass er immer erst wieder aus dem Badezimmer heraus kam, wenn dieser Bärtige schon wieder weg war. Niemand bemerkte die weihnachtliche Metamorphose des Bruders, bis irgendwann einmal jemandem das offene Badezimmerfenster auffiel.

Eines Tages trat Norbert in die Nikolausstiefel seines großen Bruders, und weil er keine kleinen Geschwister mehr an der Nase herumführen konnte, stattete er auch Gerda einen Besuch ab, der alten Nachbarin im Haus. Er fühlte sich so wohl in der Rolle als Weihnachtsmann, dass er ständig danach trachtete, seinen Wirkungskreis zu vergrößern, und als er gerade wieder einmal frisch verliebt war - so verliebt, wie nur ein 23-jähriger sein kann - klopfte er auch bei Christines Familie an der Tür. Er kannte die Wohnung, hatte der Mutter schon oft die Hand geschüttelt, aber als sie plötzlich diesen riesigen roten Mann vor sich sah, schreckte sie zusammen und versperrte die Tür mit den Armen. Sie wollte ihn partout nicht in die Wohnung lassen und protestierte mit Händen und Füßen: »Wir haben doch gar keinen Weihnachtsmann bestellt!« Doch der gewichtige Himmelsbote schob die Frau einfach beiseite und betrat unter lautstarkem Protest das Wohnzimmer, wo die komplette Familie um den Tisch versammelt saß. »Und dann war da noch ein türkischer Nachbar, der fiel fast vom Glauben ab und wurde so bleich, dass man sich Sorgen machen musste. Es war wunderbar! Ich erkannte alle, aber keiner erkannte mich. Nur Christine fing irgendwann zu kichern an. Die hatte meine Armbanduhr erkannt.«

Die unsterbliche Liebe zu Christine dauerte länger als die zu Bettina. Norbert und Christine zogen irgendwann sogar gemeinsam los, als Weihnachtsmann und als Weihnachtsengel. Und sie waren dabei so eindrucksvoll, dass irgendwann im Sommer Malena Witter, ein Mädchen aus dem Haus, im Laden erschien und mit flüsternder Stimme fragte: »Herr Czeslik, bist du der Weihnachtsmann?«

So ist eigentlich schon ganz schön viel passiert in Norbert Czesliks Leben, das sich auf einem Quadratkilometer zwischen Nostizstraße, Bergmannstraße und Mehringdamm zusammenzudrängen scheint. Seit 55 Jahren wohnt er jetzt in der Nostitzstaße, seit 40 Jahren steht er in der Bastler-Zentrale. Und freut sich immer noch, wenn jemand nach »Mobile-Drähten« fragt, und wenn er dann sagen kann: »Ich weiß da wen, ich rufe gleich mal an.« Oder wenn Frau Braun mit ihren vollen Einkaufstaschen in der Ladentür steht, ohne etwas kaufen zu wollen, sondern weil die Taschen so schwer geworden sind. Dann nimmt er ihr den Einkauf aus der Hand und trägt ihn in den dritten Stock hinauf. »Aber der Laden...!«, ziert sich Frau Braun ein wenig. -»Ach, der Kunde hier passt schon auf!«, sagt der Ladenbesitzer und wirft dem Kunden einen aufmunternden Blick zu. Der Kunde nickt.

Christine steht nun auch schon seit ein paar Jahren hinter der Theke. Sein Weihnachtsengel. Sie haben geheiratet. Um die Unsterblichkeit der Liebe zu besiegeln. Sie passen zusammen, Christine ist auch jemand, der gerne hilft. Sie war immer mitgekommen, als Norberts lebenslustige Mutter eines Tages irgendwie merkwürdig wurde. Immer »Rudi« sagte, wenn Gerda vor ihr stand. »Wobei mich nie das Gefühl verließ, dass sie uns nur ärgern wollte. Sie hatte immer noch den Schalk im Nacken«. Jahre lang kümmerte sich die Familie um die Mutter, aber irgendwann starb sie doch.

Norbert Czeslik wollte niemals Ladenbesitzer werden. »Auch nie Hubschrauberpilot. Wenn es einmal einen Plan gab, dann den, mit Behinderten zu arbeiten. Ich hatte zu denen immer ein ganz normales Verhältnis. Ich hatte schon einen Bruder, um den man sich den ganzen Tag kümmern musste.« Auch die Tochter seiner Schwester hatte kein Glück bei ihrer Geburt. Wahrscheinlich hätte sich Norbert nach dem Abitur eine Arbeit in einer Behinderteneinrichtung gesucht. Aber irgendwie kam dann dieser Laden dazwischen. Jetzt hilft er Frau Koch, die Taschen hinauf zu tragen. Oder er unternimmt mit dem Bruder einen Ausflug. Es ergeben sich immer wieder Gelegenheiten, irgendwie mit anzupacken. Immer öfter sogar, jetzt, da man ins Alter kommt.

Drei Jahre ist es her, da merkte er, dass Christine nicht mehr gleich antwortete, wenn er sie nach etwas fragte. Dass sich ihre Bewegungen veränderten. Es könnte sein, dass Christine eines Tages jemanden an ihrer Seite braucht, der ihr hilft. Dann wäre Norbert wieder genau der Richtige für sie. Und so hat sich in seinem Leben eben immer alles ganz wunderbar gefügt. So wunderbar, dass Norbert Czeslik, wenn er noch an den Weihnachtsmann glauben könnte, auch glauben könnte, dass in seinem Leben vielleicht doch alles irgendwie nach einem geheimen Plan verlief. •

<IMG align="" width="344" height="25" src="Bilder/16_12_img_28.jpg" >»Yorckstraße« von Ernst Volland


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