Kreuzberger Chronik
Dezember 2016 - Ausgabe 185

Geschichten & Geschichte

Rauch über dem Kreuzberg


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von Werner von Westhafen

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Der Streit zwischen den Kreuzberger Rauchern und Nichtrauchern ist Jahrhunderte alt. Noch 2009 verkündete ein Nichtraucher im Tagesspiegel, in Kreuzberg sei »die Luft am dicksten«, was am »Lebensstandard sowie am Bildungsniveau« liege, aber schon Ernst Dronke, ein reisender Schriftsteller, kam 1846 zu dem Schluss, dass Kreuzberg eine ziemlich verrauchte Gegend sei. Das bemerkt er schon im Zug, als er sich der Stadt nähert, die inmitten eines »großen schaurigen Sandmeeres« liegt: »In einiger Entfernung gewahren wir Hüttendächer benachbarter Dörfer, und zur Rechten taucht die Spitze eines Monuments auf einer niedrigen Anhöhe auf: Der Kreuzberg, auf dem die Berliner im Sommer ihre schöne Natur genießen. Noch ein langer, schriller Pfiff, und die Wagen rollen durch eine Reihe von Gebäulichkeiten, an hüttenartigen Tabagien vorbei, und in den Bahnhof hinein.«

Die »hüttenartigen Tabagien«, an denen er Anstoß nimmt, sind die Raucherlokale, die sich in der Gegend zwischen dem Stadtrand und dem Anhalter Bahnhof angesiedelt haben. Doch der Tabakdampf am Kreuzberg war keine Spur, die zum Bodensatz der Unterschicht führte, wie der Autor suggeriert. Dass die Tabagien im Süden der Stadt bei den Brauereien und den Vergnügungslokalen am Kreuzberg und entlang der Hasenheide lagen, war allein auf Rauchverbot in der Innenstadt zurückzuführen.

Nicht immer waren Feuilletonisten derart humorlos. Im April 1922 schreibt ein Autor des in Kreuzberg erscheinenden »Der Tag« über »Die Berliner und den Tabak« und stellt fest, dass kaum ein anderes Genussmittel »solche Begeisterung einerseits und solche Abneigung andererseits« hervorruft wie der Tabak. Dr. Franz Lederer listet auf, wie erbarmungslos die Raucher seit der Einführung des »höllischen Rauches« und des »Tabakteufels« im Jahre 1558 von den Nichtrauchern verfolgt wurden, wie ihnen am Anfang des 17. Jahrhunderts zur Strafe noch »die Pfeife durch die Nase gestochen wurde« -eine Sitte, die bei den Türken sehr beliebt und erfolgreich gewesen sein soll. Die Russen schnitten den Rauchern die Nasen gleich ganz ab.

Die Berliner waren in der Regel weniger martialisch, doch auch hier wurde am 19. Januar 1764 das Rauchen auf den Straßen »als feuergefährlich und daher dem Wohle der Berliner als schädlich« befunden und unter Strafe gestellt. Friedrich der Große erklärte sich sogar bereit, jenen, die heimliche Raucher in den Straßen anzeigten, »eine Belohnung von 25 Talern!« zukommen zu lassen. Er konnte sich die Großzügigkeit leisten, denn die Strafen waren drastisch. Außerdem hatte bereits der berühmte Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. mit der Einführung der Tabaksteuer die Staatskasse einigermaßen füllen können, indem er die Einreisenden an den Stadttoren nach Tabak durchsuchen ließ. Gerade mal »ein Viertelpfund durfte jeder mit in die
Stadt bringen, wer mehr hatte, musste für jedes Pfund zehn Taler Strafe zahlen.«

Wilhelms Gnadenlosigkeit gegenüber den Rauchern scheint unverständlich, da er doch selbst ein leidenschaftlicher Raucher war. Ohne das von ihm gegründete »Raucherkollegium« wären die Vorstadt-Tabagien nie entstanden, in denen zwischen den Tischen »eine große Säule stand« mit kleinen Gaslampen »für die Raucher, die sich daran die Pfeifen anzünden können.« In anderen Gasthäusern kam der Wirt mit dem Fidibus an den Tisch, um seinen Gästen Feuer zu geben, und die »ganz Alten hatten noch ihre Pfeifen in den Gaststuben« hängen. Sobald solche Stammgäste in der Tür erschienen, ließ der Wirt »alles stehen und liegen, um ihnen ihre Pfeifen zu bringen.«

Das Bild in den Tabagien änderte sich, als 1806 spanische Soldaten die ersten Zigarren nach Berlin brachten. Während die Alten bei der Pfeife blieben, stürzte sich die immer revolutionslüsterne Jugend auf den »Glimmstengel« oder das »Tabakröhrlein.« Bei den Biergärten und Tanzlokalen vor dem Halleschen Tor warteten Fliegende Händler mit einer kleinen Lampe oder einer brennenden Lunte und boten mit lauter Stimme ihre »Cigaros mit acec du fö« an.

In der Innenstadt aber blieb das Rauchen weiterhin verboten. Erst 1848, im Zuge der Berliner Revolution, wurde der lautstarken Forderung nach »Freiheit, Gleichgültigkeit und Roochen in Tiergarten« endlich nachgegeben. Zigarrenläden öffneten und hängten Laternen zum Anzünden der Glimmstängel vor den Türen auf, Tabake aus dem Orient und aus Amerika erreichten die Stadt, überall wurde gefachsimpelt und diskutiert. Die Welt bestand nicht mehr nur aus Rauchern und Nichtrauchern, sie bestand aus Zigarrenrauchern, Pfeifenrauchern, neurdings sogar »Cigarettenrauchern!«.

Die Art des Rauchens galt, ebenso wie die Kleidung, »als Spiegelbild des Charakters.« Die Pfeife sei eine »schwerfällige Maschine«, die Zigarre dagegen leicht zu handhaben. Die Pfeife verhalte sich »zur Zigarre wie eine Dame im Reitrock zu einer nackten Schönheit.« Ebenso sei der Pfeifenraucher behaglich und »häuslich«, der Zigarrenraucher dagegen »beweglich und flott.« Die Pfeife verrate den »Sorglosen, die Zigarre den Denker, während die Cigarette zum Sinnbild vornehmer Eleganz geworden ist. Nur der Nichtraucher«, resümiert der Autor, »hüllt seine Persönlichkeit in geheimnisvolles Dunkel«.

Die bodenständigen Berliner in ihren Biergärten am Kreuzberg allerdings philosophierten weniger in den blauen Dunst hinein und vereinfachten die Sache deutlich, indem sie witzelten:

Von Zigarren jibts nur zwee Sorten:

die jekooften und die jeschnorrten. •

Literaturhinweis: Berlin ist das allerletzte – Absagen in höchsten Tönen. Transit Verlag, 2011; Franz Lederer, Der Tag vom 22. April 1922


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