Kreuzberger Chronik
April 2016 - Ausgabe 178

Geschichten & Geschichte

Vom Rinnsteinklauer und vom Nuglisch


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von Ina Winkler

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Die Hausfrauen des 19. Jahrhunderts waren viel zuhause.Einsam waren sie deshalb nicht.


Die Wohlstandsmütter des 21. Jahrhunderts lassen keine großen Wehen mehr über sich ergehen, sie gebären am liebsten mit praktischem Kaiserschnitt. Die biologische Kost für den Nachwuchs bestellen sie vom Sofa aus via Internet. Menschen begegnen sie nur noch nach Verabredung.

So einsam und langweilig war das Mutterdasein des 19. Jahrhunderts nicht. Auch an Tagen, an denen die Hausfrauen weder zum Nachmittagskaffee noch auf den Wochenmarkt gingen, sondern zum Großreinemachen im Haus bleiben mussten, was traditionell vier Mal im Jahr geschah, trafen sie auf Mitbürger, die in der Regel alle männlich waren. Da kamen der Wassermann, der Milchmann, der Lumpenmann und der Sandmann, der Rinnsteinklauer und der Fuhrwerksmann mit dem Nuglisch, und mit jedem von ihnen hielten sie ein Schwätzchen. Nur die Nuglischmänner hielten sich die Damen vom Leib.

Der erste Mann, der den Hausfrauen vor dem Halleschen Tor am großen Waschtag begegnete, war der Sandmann, der mit seinem Wagen auf der Straße vorfuhr und eimerweise weißen Sand aus der Lehmgrube am Kreuzberg verkaufte. Der feine Scheuersand war begehrt, um Böden und Küchengeräte von klebrigem Schmutz zu befreien, und der Sandmann konnte für jeden Eimer einen Dreier einstecken.Als das Drei-Pfennig-Stück endgültig aus dem Verkehr gezogen wurde, erhöhte sich der Preis pro Eimer sogar auf vier Pfennige.

Da die Damen zum Putzen auch Wasser brauchten, stellten sie an Regentagen alle verfügbaren Eimer und Schüsseln im Hof auf, um sich den Weg zu den Wasserpumpen auf der Straße zu sparen. Wohlhabendere Gattinnen konnten sich das Wasser auch vom Wassermann bringen lassen, der mit seinem Hund ein Wasserfass auf einem hölzernen Wagen hinter sich her zog und bis in die Höfe kam. Der Wassermann war einer der beliebtesten Männer bei den Frauen, denn er nahm ihnen für ein paar Pfennige die Last des Wassertragens ab.


Das Bücken und Scheuern jedoch konnte ihnen niemand abnehmen, und auch wenn es polizeilich verordnet war, das Waschwasser im Hof zu entsorgen und nicht auf die Straße zu kippen, schütteten die meisten nach getaner Arbeit das Abwaschwasser der Einfachheit halber durchs Fenster, wo es sich im Rinnstein sammelte und zuerst in stinkenden Schlamm und später in eine trockene Schmutzschicht verwandelte. Damit die Stadt nicht im Schlamm versank, wurden die Bauern, die von den Wochenmärkten mit leeren Wagen wieder aufs Land hinaus fuhren, verpflichtet, je eine Wagenladung Schlamm aus den Rinnsteinen aufzuladen und als Dünger auf die Felder zu bringen, was die Rinnsteinklauer sehr bedauerten. Denn die Rinnsteinklauer stocherten mit »einem eigentümlich geformten Gerät« , einer Art langem Haken mit einem Schöpflöffel, im Schlamm nach versehentlich mit dem Waschwasser entsorgten Wertgegenständen. Aber das einst lukrative Geschäft wurde immer uneinträglicher. »Früher« , klagten die Rinnsteinklauer, seien die feinen Herrschaften noch nicht so fein und ordentlich gewesen, »da fand man doch gelegentlich einen Silbergroschen« oder einen Silberring, aber heute sei man »zufrieden, wenn man einen brauchbaren Wischlappen herausfischt« .

Wesentlich besser verdiente jetzt der Milchmann, der täglich aus Schöneberg herüberkam, und den jede Hausfrau in der Gegend am Halleschen Tor schon an der Klingel erkannte. Der Milchmann Kilian begrüßte seine weibliche Kundschaft höflich schäkernd mit »Madameken« und versäumte es nie, sie sonntags »zum Schönen Berg« einzuladen, wo es »Milch in allen Formen gab: süß, sauer, dick, dünn.« In seinem schönen Garten könnten die Kinder nach Lust und Laune spielen, und zu erreichen sei er auch ganz einfach »mit den neuen, offenen Wagen des Herrn Kremser, die vom Belle-Alliance-Platz abfuhren und gleich bei ihm vor dem Garten hielten.«

Die Frauen liebten den Galan sehr, ihre Männer weniger. Insbesondere Spiekermann, der Milchhändler vom Halleschen Tor, war von den poetischen Einladungen des Schöneberger Konkurrenten gar nicht begeistert und konterte lautstark, aber wesentlich unpoetischer: »Die beste Milch hat Spiekermann, wenn man ihr trinkt wird dicker man« .

Der nächste Herrenbesuch der Hausfrauen war der Scherenmann, der mit Hammer, Amboss und Feilen auf den Hof kam und sich anbot, Messer und Scheren zu schleifen, und kurz darauf erschien der Lumpenmann mit seinem Wagen. Er kam meistens am Nachmittag nach Schulschluss, und wenn er in der Straße auftauchte, riefen die Mütter nach den Kindern. Kurz darauf hörte man »Türen klappern und eilige Füßchen die Treppen hinunter eilen. Aus allen Haustüren kamen Kinder und brachten Stoffreste«, die sich bei den schneidernden Hausfrauen angesammelt hatten. Der »Plundermatz« prüfte die Stoffbündel mit einem kurzen Blick, warf sie in seinen Wagen und öffnete die große Holzkiste, in der es Indianerbilder, Murmeln, Ringe mit Glasperlen und ausgestanzte Puppen- oder Engelbilder und manchmal auch etwas süßes Johannisbrot gab.

Am späten Nachmittag erschien auch der Gassenmeister, der durch die Straßen zog und jenen Unrat, den die Hausfrauen neben der Haustür ordentlich zusammengekehrt hatten, auflas und zur Stadt hinaus fuhr. Danach kam nur noch der Nuglischmann, der letzte Herrenbesuch des Tages. Er erschien am liebsten nach Einbruch der Dunkelheit und wurde von den Hausfrauen eher mit gerümpfter Nase als mit einem Lächeln empfangen. Der Nuglischmann kam, um die Abortgruben in den Häusern zu leeren, damit diese nicht auch noch in den Rinnstein entsorgt wurden. Des üblen Geruches wegen, der aus seinen Kübeln entstieg, nannten die Berliner den stinkenden Wagen nach Berliner Parfumfirma namens Nuglisch. •

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