Kreuzberger Chronik
April 2016 - Ausgabe 178

Herr D.

Der Herr D. braucht ein Ventil


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von Hans W. Korfmann

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oder: Wie man auf den Psychiater kommt.

Der Herr brauchte ein Eckventil. Früher ging er wegen eines Eckventils zum Klempner in der Straße, aber es gab keinen Klempner in der Straße mehr. Also ging er zu Schlumm. Schlumm war eigentlich Schreiner, aber Schlumm hatte alles. Seit die Klempner, die Werkzeugläden und die Haushaltswarenläden aus Kreuzberg verschwunden waren, gab es nur noch Schlumm.

Doch Schlumm gab es nicht mehr. Schlumm wurde jetzt wahrscheinlich ein Café. Also musste der Herr D. trotz des Regens in den Baumarkt am Ende Kreuzbergs mit seinen langen Gängen, in denen es keine Verkäufer mehr gab, die man nach dem Weg fragen könnte. Auf der Suche nach dem Ventil kam er an der Schraubenabteilung vorbei, wo sich eine Schlange gebildet hatte, denn die Kunden mussten ihre Schrauben jetzt selbst abwiegen und etikettieren. Im Grunde war jeder Schraubenkäufer danach ein ausgebildeter Schraubenverkäufer, denn jede Schraube hatte ihren eigenen Preis und ihren eigenen Code, der erst gefunden und dann eingegeben werden musste.

Sehnsüchtig dachte der Herr D. an die bunten Bildchen an den Elektrowaagen der Obst- und Gemüseabteilungen, mit denen Unternehmer schon seit Jahren für noch mehr Arbeitslose sorgten. Ermachte sich auf den Weg in die Sanitärabteilung und fand durch Zufall genau das Eckventil, das er brauchte. In Sekunden war er wieder draußen aus dem überfüllten Baumarkt, und obwohl es noch immer regnete, radelte er gutgelaunt die halbe Stunde nach Hause. Doch als er den Karton öffnete, befand sich ein ganz anderes Ventil in der Verpackung als das auf der Packung abgebildete.

Wütend schwang er sich aufs Rad, fuhr durch den stärker werdenden Regen bis zur Kasse und sagte: »Da war was Falsches drin!« - »Dann tauschen Sie´s doch um!« - »Ich bin klatschnass!« - »Einen Föhn haben wir leider nicht.« - »Ich habe eine ganze Stunde verloren. Die will ich zurück!« - »Zeit haben wir auch nicht zu verkaufen!«

Es dauerte, bis der Herr D. endlich vor dem ersehnten Abteilungsleiter stand. Er ahnte, dass er keine respektable Figur abgab mit seiner nassen Jacke und der Pfütze unter den Schuhen. »Da war was falsches drin!« , sagte er und hielt drohend die Packung hoch.

»Haben Sie nicht gesehen, dass die schon geöffnet war?« - »Die Verpackung war unversehrt.« - »Sie hätten trotzdem kontrollieren müssen, was drin ist.« - »Sie wollen doch nicht im Ernst, dass jeder hier seine Verpackung aufreißt und nachsieht, ob auch drin ist, was draufsteht?« , fragte der Herr D. und dachte, gewonnen zu haben. Doch der Abteilungsleiter hob nur die Schultern und kehrte ihm den Rücken zu.

Der Herr D. schrieb viele Briefe, eine Antwort erhielt er nie. Wenn er Freunden die Geschichte erzählte, erntete er mitleidiges Lächeln. Und als er dem Psychiater diesen Traum schilderte, in dem er Berge von Verpackungen aus Regalen riss, verordnete er ihm ein Schlafmittel.


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