Kreuzberger Chronik
April 2016 - Ausgabe 178

Geschäfte

Die Berliner Arroganz


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von Saskia Vogel

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Ein Kleidergeschäft, das keines sein will. Und ein Münsteraner, der zum Berliner wird.

Fanz ungeniert nennt sich dieser Laden »Berliner Arroganz«. Vor der Eingangstür verschränkt eine mannshohe Bär-Figur demonstrativ die Arme. Der Bär macht einen auf Türsteher, auf großkotzigen Großstädter. Er passt irgendwie nicht in das Vorderhaus des idyllischen Fachwerkhofes mit seinen hübschen Ateliers, der englischen Sprachschule und dem kleinen Frisör. Er passt überhaupt nicht hierher. Der ganze Laden wirkt wie ein Fremdkörper mit dem von blauem Neonlicht angestrahlten Firmenlogo, das so tut, als wäre die kleine Solmsstraße eine Art Boulevard, »so ´ne breite Straße mit ´ner zweiten Spur« zum Parken, sagt Georg.

Der übellaunige Bär steht nicht nur am Eingang des Klamottenladens, er findet sich auch auf dem Mülleimer neben dem Eingang und als »Kunstdruck« auf den Sweatshirts und vermeintlich ausgebeulten Jogginghosen im Schaufenster. Manchmal trägt der Bär eine Krone, manchmal eine rosa Schleife, wobei die rosa Variante natürlich für Mädchen, nicht für Jungen gedacht ist. Auch für die harten Jungs von der Bundes- oder der Feuerwehr gibt es Textilien mit Bären: Auf den Shirts der »Berliner Helden« trägt der Bär dann ein Barett oder einen Helm mit eigener Zugnummer.

Neben »Klamotten« gibt es in dem neuen Laden natürlich auch den ganzen anderen »Schnickschnack« für Touristen, die etwas Berlinerisches mitbringen möchten: Tragetaschen, Sticker und Aufkleber mit Bären. Doch der Arroganz ist es eigen, immer etwas Besonderes sein zu müssen, und damit auch jedem dahergelaufenen Provinztouristen klar ist, dass dieser Laden etwas besonderes und mehr ist als nur ein Kleider - oder ein Souvenirgeschäft, spricht man im Kleiderladen nie von Kleidern, sondern immer von »Klamotten« , und nie von Souvenirs, sondern eben von »Schnickschnack«.

»Weeß ick, kenn ick, hab ick ooch« , provozieren die Modedesig-ner auf ihren Kapuzenpullovern. Und weil alles echt Berlinerische immer irgendwie Anstoß erregt, wird sogar der Berliner Hundehaufen vermarktet. Glücklicherweise schmückt er keines der Lätzchen, die die Berliner Arroganz für die jüngsten Nachwuchsberliner im Sortiment hat. Die bockigen Kleinen haben nur bockige Bären auf ihrem Esslappen. Gewebt wurden die Babylätzchen natürlich aus ökologisch und sozial korrekter Baumwolle aus Afrika, Sklavenarbeit kommt auch für arrogante Mini-Berliner trotz aller Arroganz offensichtlich nicht in Frage. Die Erwachsenen-Klamotten allerdings sind weder bio noch fair und werden im Berliner Demo-Schwarz, oder aber in grellen Neonfarben angeboten. Mit Sprüchen wie: »Ick bin Berliner. Du nich!«

Georg ist weniger schnoddrig. Obwohl er Berliner ist. Aber Georg ist eben Geschichtslehrer. Auf seinem Weg zur Arbeit kommt er täglich durch die Solmsstraße und ärgert sich täglich aufs Neue über die Arroganz der »Arroganz« . Die Berliner seien nämlich gar nicht arrogant, sondern nur stolz auf ihre Herkunft. Er empfände es als unsympathisch, wenn der Ur-Berliner sich von den Zugezogenen abgrenze, oder wenn die Hauptstädter sich in Sachen Lebenskunst für begabter halten als Münsteraner. »Auch die Kreuzberger, die die Reinickendorfer aufgrund ihrer vermeintlichen Provinzialität bedauern, kann ich überhaupt nicht leiden!«, sagt Georg. Das Individuum zähle, nicht die Postleitzahl im Personalausweis.

Georg kennt sich aus mit der Geschichte der ehemals kaiserlichen Reichshauptstadt. Der Bär erscheine seit 1280 im Wappen der Stadt, das sei sein Geburtsjahr. Bei der Berliner Arroganz aber dürfe man sich schon ab 1988 als »Berliner Original« bezeichnen – und einen entsprechenden Vermerk auf die Brust drucken lassen. Auch wenn man bezüglich der Identitäts-Definition des Berliners vielleicht noch ein bisschen unsicher ist.

Es gehe, schreiben die Geschäftemacher aus der Solmsstraße, nicht »um etwas Bestimmtes«, sondern um den »Berliner als solchen«. Und dann fallen im Text die üblichen, schon vor Jahren vom schwulen Bürgermeister in die Runde geworfenen Schlagwörter »arm, aber sexy«, »Dreck und Stolz« und natürlich auch die »Ehre«.

Foto: Dieter Peters
Trotz der plakativen Hundehaufen und des derben Türstehercharmes: Im Laden selbst ist alles nett und bieder. Hier stapelt sich die »Sportswear« nicht in ausrangierten WG-Regalen, sondern in gutbürgerlichem Ikea-Weiß. Und trotz aller versprochenen Arroganz wird jeder so freundlich begrüßt, als wäre er in Münster anstatt in Kreuzberg. »Jou, wie kann ich helfen?« rappt der junge Blonde im Takt der ohrenbetäubenden Beschallung und schaut von seinem Laptop hoch.

Der Blonde könnte Dero sein, das »Mädchen für alles« . Und weil Dero Träume erfüllen möchte, und weil jeder Mensch seine ganz eigenen Träume hat, gibt es in dem Kleiderladen, der kein Kleiderladen sein will, eine Magnetwand, auf der sich die Berliner Helden ihre ganz individuellen, unverwechselbaren T-Shirts selbst gestalten können, die dann in acht Minuten bedruckt und in neun Minuten fertig zum Anziehen sind. Da wird der Käufer zum Designer. Und mit der dazu passenden Türstehervisage sogar noch zum Berliner.

Zur Kreation der unverwechselbaren Berliner Identität steht neben einigen literarischen Ergüssen vor allem der Schriftzug »Berliner Arroganz« in allen möglichen Ausführungen zur Auswahl, nebst dem Konterfei des bockigen Bären, den man nach Belieben mit allen möglichen Accessoires ausstaffieren kann, indem man die einzelnen Elemente solange an der Magnettafel hin- und herschiebt, bis der perfekte Berliner fertig ist. Da wird der Münsteraner nicht nur zum frechen Berliner, sondern fast schon zum Designer. Auf jeden Fall aber zum Werbeträger der Berliner Arroganz.


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