Kreuzberger Chronik
Dez. 2015/Jan. 2016 - Ausgabe 175

Strassen, Häuser, Höfe

Die Friesenstraße Nr. 15


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von Werner von Westhafen

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Die Geschichte eines heute unscheinbaren Eckhauses

Es ist ein großes, trauriges Haus, das da gegenüber der alten Königin Augusta Kaserne mit ihren roten Backsteintürmchen steht. Als eines der letzten trägt es noch den grauen Schleier der Nachkriegsjahre, diesen rauen Putz aus grobem Mörtel, mit dem man die von den Bomben verschonten Häuser Berlins nach dem Krieg schnell wieder einkleidete.


Foto: Dieter Peters
Vor ein paar Jahren noch war das italienische Restaurant mit seinen Tischen an der Ecke zur Schwiebusser Straße einer der letzten ruhigen Sonnenplätze im südlichen Kreuzberg. Da standen auf der anderen Straßenseite noch Bäume, hinter einer kleinen Mauer arbeiteten in den Remisen und Schuppen der ehemaligen Pferdeklinik Handwerker, in einer Kolonie von Schrebergärten, die sich bis zum Columbiadamm hinzog, beugten sich Gärtner über Blumen- und Gemüsebeete. In den Wohnungen über dem Lokal wohnten Studenten, noch heute zeugen die urwaldähnlichen Strähnen von Klettergewächsen, die vom Balkon im ersten Stock zu wuchern scheinen und den Eingang des Ecklokals umranken, von ihrer Liebe zur Natur. Einige von ihnen zogen erst aus, als die Schrebergärten gerodet und die Neubauten hochgezogen wurden, die ihnen das Licht raubten.

Das Restaurant aber ist geblieben. Seit dem Jahrtausendwechsel trägt es den italienischen Namen Kreuzbergs: Montecroce. Vorher überzeugte Gottfried Jost an der Ecke zur Schwiebusser Straße die Berliner von den Vorzügen der schwäbischen Küche. Der Name seines Restaurants - »Kulisse« - bezog sich auf die »Studententheater« , die sich in den späten Siebzigerjahren im hinteren, lang gestreckten Teil des Ecklokals an der Schwiebusser Straße eingerichtet hatten.

1979 betrat zunächst das »Theater In Kreuzberg« , kurz »TIK« , die Bretterbühne. Zwei Jahre später erneuerte sich die Schauspieltruppe und nannte sich »Junges Theater« . Als Anfang der Achtziger die Hippies von ihren Indienreisen zurück nach Berlin kamen, zog das erfolg-

reichste Theaterprojekt an der Straßenecke ein und wählte einen Namen, der ein bisschen buddhistisch klang: »KAMA.«

Mit einer »Edith-Piaf-Revue« legte das Musiktheater einen furiosen Start hin, sogar die Travestie-Moderatorin Lilo Wanders soll dort aufgetreten sein. Sowohl die Gäste des Musiktheaters als auch die Musiker und Schauspieler fanden im Restaurant nebenan die geeignete Kulisse für die obligaten Diskussionen nach den Aufführungen. Das Eckhaus an der Friesenstraße wurde zur stadtbekannten Adresse.

Zehn Jahre später kam für das KAMA das Ende. 1995 schrieb die Berliner Zeitung vom »Theater in finanzieller Not« , doch der Senat lehnte Subventionen wegen der »hohen Professionalität« ab. Jetzt stehen im Theatersaal wieder Tische und Stühle, so wie früher einmal, ganz am Anfang der Geschichte des Hauses in der Friesenstraße.

Die begann, als das alte Tempelhofer Feld noch den kaiserlichen Garden als Exerzierplatz diente. Schon damals eröffnete gegenüber der Kaserne das »Restaurant Schornstein« und bot den Männern in ihren Uniformen eine friedliche Abwechslung vom kriegerischen Alltag. Um 1910 herum wechselte das Lokal den Besitzer und nannte sich zehn Jahre lang »Restaurant Hohenzollern« . Auf dem Feld fanden die ersten Fußballspiele statt, sonntags ließen Kinder Drachen steigen, Frauen breiteten Decken aus und luden zum Picknick ein. Aus den Speiselokalen am Rand des Feldes, das damals noch bis zur Schwiebusser Straße reichte, wurden allmählich Vergnügungslokale, und aus dem »Restaurant Hohenzollern« wurde das »Tanz-Restaurant-Friesenschlößchen« . Wo viele Jahre später die Studenten Theater spielten, drehten sich in den Goldenen Zwanzigern die Paare im Tanzschritt.

Foto: Postkarte
Schon damals stand der Tresen gleich am Eingang, an den Wänden aber hingen Hirschgeweihe, auf den Tischen im Speisesaal lagen weiße Tischdecken. Das Essen muss gut gewesen sein, »Gute Küche, bestgepflegte Biere« ließ der Wirt auf eine Postkarte des Schlösschens schreiben, und Polli schrieb im Frühjahr 1942 auf die Rückseite dieser Karte: »Liebe Eltern, liebe Ruth, Habe hier prima! gegessen.«

Die Zeiten des Tanzens waren irgendwann vorüber. Aus dem Tanzlokal wurde eine Nazikaschemme, im Keller war eine Folterkammer, und noch in den Fünfzigerjahren sollen schlechte Verlierer im hauseigenen Schießstand unter dem Lokal den Krieg geübt haben. In den Siebzigerjahren dürfte auch dieses traurige Kapitel beendet gewesen sein, das alte Friesenschlößchen hieß jetzt schlicht »Mampf« und war ein Studentenlokal, in dem die Söhne des Wirtschaftswunders nicht nur mampften, sondern auch reichlich viel Bier tranken.

Das alles ist längst Vergangenheit. Manchmal kommt noch einer der alten Gäste des »Mampf« von irgendwoher aus dem ehemaligen Westdeutschland und wundert sich, wie vornehm und teuer alles geworden ist. Aber auch das wird eines Tages Vergangenheit sein.

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