Kreuzberger Chronik
Dez. 2015/Jan. 2016 - Ausgabe 175

Essen, Trinken, Rauchen

Pelmeni und Tschak Tschak


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von Horst Unsold

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Zwei Mädchen stehen vor der Theke. »Das heißt Baschkirien...«
»Nee, Baschikiristan!«
»Aber es heißt doch auch Kirgisien…«
»Oder Usbekistan…«

Die Mädchen sind öfter hier. Nur mit der Sprache kommen sie durcheinander, in der Vitrine dagegen kennen sie sich aus. Sie kommen wegen der süßen Apfeltaschen mit Mandelsplittern. »Die kosten nur einen Euro und schmecken super lecker« . Manchmal nehmen sie auch das »mit dem Reis und rotem Quark und Aprikosen« .

»Das mit dem Reis und rotem Quark und so heißt Guladja. Und Euer Baschkirien heißt Baschkortostan!« , sagt die Frau mit der roten Haube. »Die Baschkiren kommen aus Baschkortostan. Das ist eine russische Provinz. Wir waren Nomaden, immer auf dem Pferd, und wir machen hier alles selbst, sogar die Limonaden, genau so wie unsere Großmütter, ach, wie unsere Urgroßmütter, den Teig, die Füllungen, alles, wir kaufen nichts. Probieren Sie mal!«

Die junge Frau spricht schnell und viel und aus voller Überzeugung. Es ist, als müsse sie ihr Land, ihre Kultur, ihr Leben verteidigen. »Wir machen alles ganz frisch, jeden Morgen um sechs. Und mittags gibt es Fischsuppe mit Lachs oder Gulasch oder Borschtsch mit Pampuschki oder baschkirische Buletten. Für vier Euro!«

»Könnte ich bitte noch so ein Hatchapuri haben?« , fragt eins von den Mädchen. Vorsichtshalber nimmt sie den Zeigefinger zu Hilfe und sagt: »Das da, das so wie ein Croissant aussieht!«

Der Kellner von der Destille kommt herein. Auch er kennt sich aus. Seit er Pishka kennengelernt hat, vergeht kein Tag ohne Pishka. Er deutet auf Beljarch und Smetannick, er kann diese komplizierten Namen einfach nicht aussprechen. Im Gegensatz zur Sekretärin aus dem Büro nebenan, die scheinbar fließend Baschkirisch spricht: »Tabikmak sind Eierkuchen. Und Kurnik sind kugelförmige Piroggen, aber die kennt ja jedes Kind!«

»Und Tschak Tschak« , fragt ein junger Mann, der gerade erst herein gekommen ist und offensichtlich noch nie in Baschkortostan war. »Mit Honig übergossene Nudeln!« - »Und diese ganzen Teigtaschen, die Snoikas und Warenikis und Pelmeni.« - »Ach, Pelmeni!« , sagt die Sekretärin, »die kennt doch jeder! Das ist die baschkirische Götterspeise.« Die Sekretärin hat ihre Sprachkenntnisse aus der Speisekarte. Dort steht, dass die Pelmeni erfunden wurden, als die Baschkiren noch Tieropfer bringen mussten, und da sie nicht so viele Tiere hatten, packten sie ihr Fleisch in kleine Teigrollen, die so schmackhaft wurden, dass die Götter ihnen künftig sehr, sehr wohlwollend gesonnen waren.

»Und was heißt eigentlich Pishka?« , wollte nun eines der Schulmädchen wissen. Aber das wusste selbst die Sekretärin nicht.




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