Kreuzberger Chronik
Dez. 2015/Jan. 2016 - Ausgabe 175

Kanzlei Hilfreich

Die Verspätung


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von Kajo Frings

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Jens Hilfreich war stets pünktlich. Nur einmal verspätete er sich. Um knapp eine Stunde. Und schon entstand ein Kind.

Jens Hilfreich fühlte sich verantwortlich für Ayse Karakurt. Weil er vor ungefähr 18 Jahren nicht auf die Uhr geschaut und die Mittagspause um 45 Minuten überzogen hatte. Seine Mandanten, Frau Özdemir und Herr Karakurt, hatten die Zeit im Wartezimmer dazu genutzt, sich über ihrer beider Scheidungsverfahren zu unterhalten, und sich einige Tage später wieder getroffen.

So wurde Frau Özdemir schwanger, und Herr Karakurt bestand darauf, dass das Kind seinen Namen trug. Nur von Eheschließung wollte er nichts wissen. Der Anwalt stellte klar, dass er im Streit um Umgang und Unterhalt ausschließlich Frau Özdemir vertreten werde. Dass Herr Karakurt spielsüchtig war und regelmäßig sein Gehalt verzockte, durfte er Frau Özdemir nicht verraten. Aber für Ayse legte er eine Akte an, und immer wenn Herr Karakurt auftauchte, weil ein Unfallschaden zu regulieren war, wanderte der eingetriebene Betrag in die Unterhaltsakte. Und wenn Frau Özdemir Geld brauchte, kam sie vorbei und erhielt Bares.

Aber Herr Karakurt hatte weder Glück in der Liebe noch im Spiel. So kam das Fremdgeldkonto von Frau Özdemir erheblich ins Minus. Eines Tages erschien Ayshe im Büro. Sie war fast schon eine Frau und wollte wissen, ob der Unterhaltstitel auf sie umgeschrieben werde, wenn sie erwachsen wäre. Hilfreich musste bejahen, merkte aber an, dass es nur recht und billig wäre, wenn sie die Unterhaltsrückstände später ihrer Mutter zukommen lassen würde. Das solle man nicht seine Sorge sein, antwortete Ayse ebenso akzentfrei wie schnippisch.

Eines Abends erschien die weinende Frau Özdemir. Ihre Tochter, für die sie so lange gesorgt habe, sei zum Vater gezogen, und der schleppe sie nachts in die verräucherten Spielklubs in den Hinterzimmern der türkischen Cafés in der Zossener Straße. Hilfreich rief einen Kenner der Szene an. Ja, da sei einer mit einer sehr jungen Frau unterwegs, und seitdem die bei ihm wäre, würde er fast nur noch gewinnen.

Jens verschwieg der besorgten Mutter das Ergebnis seiner Ermittlungen. Doch eines Tages erschien die Tochter mit ihrem Vater im Büro und erkundigte sich nach dem Rückstand der Unterhaltszahlungen. Hilfreich sprach von etwa 30.000 Mark. Daraufhin schob Ayse eine Plastiktüte voller Bargeld über den Tisch und bat darum, es mit der Unterhaltsvorschusskasse und den Schulden bei der Mutter zu verrechnen. Außerdem solle Hilfreich der Mutter bitte ausrichten, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, sie würde nur so lange spielen, bis sie unter das Erwachsenenstrafrecht falle.

Jens Hilfreich fühlte sich verantwortlich für Ayse Karakurt, seit 18 Jahren schon. Aber Jens Hilfreich war Anwalt, kein Familientherapeut, und schüttelte den Kopf: »Ayse, ich denke, davon müssen Sie Ihre Mutter schon persönlich überzeugen!«


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