Kreuzberger Chronik
September 2012 - Ausgabe 140

Literatur

Warten auf Ahab


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von Leander Sukov

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Im Herbst scheint die ganze Stadt manisch depressiv zu sein: lässt sich hängen, wenn sie sich aus ihrem Himmel, dem Himmel über Berlin, einen hinter die Binde gießt, wirft sich in hektischen Aktivitäten an jeden, dessen sie habhaft werden kann, diese Riesenstadt, diese Stadt der Zwerge und des Mittelmaßes, diese verbaute, verrunzelte Stadt fickt ihn mit tausend Dildos, gemacht aus Clubs, Geschäften, Seen, Stadtwäldern, Straßenschluchten, Plätzen. Fickt mich dann auch, macht mich aber nicht raus aus meiner Melancholie, nicht so, wie man jemanden raus macht aus einer Schale, gebiert mich nicht neu, lässt mich immer die Alte sein. Macht nichts, lüge ich mir vor. Macht nichts! Kommt noch! Noch sei ich, sage ich zu mir, zu sehr an Land, an Dorf also, noch nicht auf dem Meer aus Menschen und Häusern, noch – mir fällt Melville wieder ein – sei ich nicht auf der Pequod, fahre nicht durch die wahren Stürme, noch sei gar kein Ahab in Sicht. Aber er, sage ich mir, würde schon kommen. Und dann wird alles anders, wenn ich erst, die einzige Überlebende meiner vielen Ängste, treiben würde auf dem Sarg durch die Stadt – und habe keine Vorstellung davon, was das wäre, wie das wäre, wie das wird. »Noch einen Wein, bitte.« Draußen zerbricht noch immer Himmelrotzundwasser glänzend auf Pflaster und Teer. Drinnen füllen Gespräche den Raum, wispern ihn voll, lachen in ihn hinein. Und darin ich. Das kann ich nicht lange – hier sitzen, allein am Tresen, wieder. Einsam, vollständig einsam zwischen diesen Menschen. Also zahle ich, haue ab, tauche zur U-Bahn hinunter und tauche auf am Mehringdamm. Rausche ihn hinauf, in die Bergmannstraße. Wie ich das hasse, wenn ich es schon sehe. Diese zwanghaft unbiedere Biederkeit, diese grün-alternative Idylle, alles verlogen, alles Krieg in Jugoslawien, alles Hartz-IV-Verursachung, alles Pfannkuchengesicht, alles Zynismus unter der Camouflage von Wahrhaftigkeit, sozialem Engagement und ökologischer Obsession. Trotzdem ziehe ich mir hier einen Espresso rein, lese in irgendeiner Zeitung irgendwas, stiefle wieder los. Dämmerung jetzt schon. Alles schön grau. Dieses Grau, wisst Ihr, das noch nicht so sehr ins Schwarze schlägt, dieses Stahlgrau, unterlegt mit letztem Sonnenlicht; das macht die Farben intensiver, dunkler, kontrastreicher. Jedes rote Auto sieht aus wie aus einer Fotografie. Es ist sechs Uhr jetzt. Ein langer Nachmittag für mich, ohne Fluchten in soziale Netze, Videopages, Chats, ohne Flucht in Schlaf und Träume, selbstproduzierte Orgasmen. Ich fühle mich mit einem Male stark. Ganz selten ist dieses Gefühl. Und so schreite ich aus (ja, ja, das ist schon ein gutes Wort für meine Art von Gang nun, das könnt Ihr mal glauben!), setze mit weiten Schritten meinen Weg ohne Ziel fort.

Entnommen aus: Leander Sukov, Warten auf Ahab oder Stadt Liebe Tod, erscheint demnächst im Verlag Kulturmaschinen


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