Kreuzberger Chronik
September 2012 - Ausgabe 140

Herr D.

Der Herr D. und die Sportler


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. hatte von Sportlern keine gute Meinung. Die Anmietung einer Sporthalle zur körperlichen Verausgabung oder den kostenpflichtigen Besuch eines Fitnessstudios empfand der Herr D. als Indiz gesellschaftlicher Dekadenz. Aber als er eines Tages im Prinzenbad tatsächlich die zwanzig Jahre jüngere Liebich in ihrem knappen Bikini sah, und als die Liebich zu allem Unglück auch noch ihren zwanzig Jahre älteren Kollegen in der Badehose sah, beschloss der Herr D., Tennis zu spielen.

Doch schon auf dem Weg zur »Schnupperstunde« kam dem gemütlichen Radler D. ein Sportler in die Quere. Genauer gesagt: ein Radrennfahrer. Der Herr D. sah, wie die rechte Hand seines Kontrahenten zum Sturzhelm griff und das Visier noch ein bisschen tiefer ins Gesicht zog. Als der Rennfahrer auf zehn Meter herangekommen war, rief er: »Du weißt wohl nicht, wo rechts ist, was?«

»Du bist rechts!«, rief der Herr D., nicht ohne die berechtigte Hoffnung, dass der Fahrtwind in den Ohren des Kontrahenten die Stimme des Herrn D. übertönen würde. Dann radelte er betont gemütlich, eine Hand in der Hosentasche, die andere am Lenker, weiter den Columbiadamm entlang, immer auf der linken Seite, und ignorierte all die strafenden Blicke dieser gehetzten und notorisch übellaunigen Leute mit ihren Sonnenbrillen und Sturzhelmen und Radlerhosen mit eingebautem Sitzkissen. Früher, dachte der Herr D., waren die Berliner weniger stromlinienförmig und systemkonform.

Da hörte er hinter sich ein Surren. Es kam ganz zweifellos von einem Radfahrer, der sich ebenso auf der falschen Straßenseite befand und die Straßenverkehrsordnung ebenso ignorierte wie der Herr D. selbst. Gerade wollte er sich nach dem Geistesverwandten umdrehen, da war der Kontrahent auch schon neben ihm, überholte, bremste scharf ab und stellte sein Rennrad quer über den Weg, als wäre es ein Polizeiauto aus einem Actionfilm.

Der Rennfahrer sagte: »Ich bin nicht rechts. Ich komme aus der ehemaligen DDR!«

»So war das ja gar nicht gemeint...«, sagte der Herr D. »Ich hab doch nur gesagt, dass Sie eindeutig auf der rechten Seite waren...«

»Und Sie waren eindeutig auf der falschen Seite! Sie glauben wohl, die Straßenverkehrsordnung gilt nur für Autofahrer...«

»Naja«, sagte der Herr D., »Aber jetzt entschleunigen Sie mal etwas. Entspannen Sie sich! In der Turnhalle gibts Yoga. Und da drüben auf der Flughafenwiese liegt halb Berlin und döst vor sich hin!«

»Diese Hälfte von Berlin hat mich noch nie interessiert. Der Westen hat doch vierzig Jahre lang verschlafen! «

Nach dieser kleinen innerdeutschen Auseinandersetzung fuhren die Männer weiter ihrer Wege. Der Herr D. aber beschloss, auf die Schnupperstunde zu verzichten und sich stattdessen auf die alte Flughafenwiese zwischen die Gänseblümchen zu legen. •


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