Kreuzberger Chronik
Oktober 2012 - Ausgabe 141

Essen, Trinken, Rauchen

Sas im Nil


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von Saskia Vogel

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Wer mit einem 9 Monate alten Kugelbauch gerne in glühender Hitze leidet, der fährt am Besten in den Wüstenstaat Sudan. Oder geht er geht zum sudanesischen Imbiss „Nil“, der seinen Glaspavillon am Kottbusser Damm – und damit am heißesten Platz von ganz Kreuzberg errichtet hat. Bis zum Anschlag hat der junge Unbekümmerte hinter dem Tresen seine Bob-Marley-Mucke aufgedreht, so dass einem die Ohren wegfliegen. Er bedient tanzend, wippt beim Kochen rhythmisch den Kopf hin und her. „We‘re jammin‘ … and I hope you like jammin‘, too“. Sas versteht er nur schwer: „Einen Haloumi-Teller, bitte.“ „Einen was?“, ruft er zurück. „Einen Haloumi-Teller.“ „Im Brot?“ „Nein. Porzellan statt Weizenmehl.“ Sas muss lachen.

Dem „Nil“ hat Sas schon immer den besten frittierten Grillkäse der Stadt bescheinigt, was ohne Zweifel an der dick-rahmigen Erdnuss-Sauce und der nicht minder rahmigen „Aswad“ Auberginen-Creme liegt. Ihren Teller balancierend kann Sas sich einen schattigen Platz an einer tischlosen Bank neben einer Spanierin erkämpfen. „Ist hier noch frei?“ Missmutiges Achselzucken. Dabei sollen die Spanier doch so nett sein! Gerade jetzt, wo wir als Delegierte des europäischen Kontinents gemeinsam im Sudan speisen?

Nett ist lediglich der reinrassige deutsche Schäferhund, der sich zu den Sandalenfüßen seiner iberischen Herrin niedergestreckt hat. Mit verschmierten Augen schaut er Sas gierig auf den Teller und müffelt mit seinem Pelz fröhlich gegen die Sommerhitze an. Süßlich. Sas „ist nicht gut“. Sie liebt den „Nil“ Imbiss. Wie oft hat sie hier schon heißhungrig gegrilltes Tilapia-Fischfilet mit Schwarzkümmel verschlungen? Omega3-Fisch soll ja für Schwangere gesund sein! Brütend heiße Hunde, die keine relevanten Fettsäuren liefern, mag Sas nicht.

Vor Hitze und Ärger über ihre missliche Lage bekommt sie Bluthochdruck, Ödeme und Wadenkrämpfe, und zu allem Überfluss hat sie sich auch noch die braune Erdnuss-Sauce über die Umstandsbluse gekleckert. Sie hat ja keinen Tisch, sondern balanciert den Teller über ihrem Walfischbauch. Ihre relaxte „Ich bin im Mutterschutz und habe nix zu tun“-Stimmung droht zu kippen. „Zahlen bitte!“ vermeldet sie gereizt in Richtung „And I hope you like jammin‘, too“- Pavillon.

„Was?! Noch einen Haloumi Teller?!“ ruft der Unbekümmerte aus dem Bob-Marley-Getöse zurück. Da naht disziplinierte Hilfe in Gestalt eines betagten sudanesischen Herrn. Im traditionellen Kaftan-Gewand baut er sich mächtig vor Sas auf, zeigt auf ihren Bauch und bestimmt: „Bauch ohne Tisch, das geht nicht.“ Und baut flink einen kleinen Klapptisch vor Sas auf. Das findet die aber nett! Jetzt kann sie wenigstens ohne Schmieren essen. Und der Hund? Der ist immer noch gierig. Ist vielleicht aber auch nur eine freundlich müffelnde Fata Morgana auf dem Asphalt. •

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