Kreuzberger Chronik
Oktober 2012 - Ausgabe 141

Reportagen, Gespräche, Interviews

Die Steppe


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von Hans W. Korfmann

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Sie liegt am Rand von Kreuzberg, in der Mitte der Stadt: die Spielwiese der Berliner. Doch die Stadt will einen Park.


Noch ist alles grau. Ein dünner, feuchter Nebelschleier hängt im schulterhohen Gras. Nur in der Ferne, am anderen Ende der Ebene, wo eine Reihe von Bäumen den Horizont begrenzt, mischt sich eine erste Spur von Rot ins Morgengrauen. Dann steigt die Sonne auf. Nirgendwo ist sie früher zu sehen als hier, nirgendwo sinkt sie später als über der Steppe in der Mitte der Stadt. Dunkel zeichnen sich gegen das Morgenrot die Gestalten großer, weit in den Raum greifender Eichen ab. Erste Schatten krächzender Krähen streifen durch das Bild, und am südlichen Rand der Ebene zieht klein wie eine Spielzeugeisenbahn die Lichterkette einer S-Bahn vorüber. Auf einem der wenigen asphaltierten Wege, die durch die weite Wiesenlandschaft führen, sitzt ein Fuchs. Er wartet auf den kleinen Mann, der ihm morgens das Frühstück bringt. „Der hat auch schon was am Bein, so wie ich. Aber er kann jetzt nicht mehr jagen, deshalb bring ich ihm was.“ Der Fuchs und der Rentner gehören zu den ersten auf dem alten Feld, das einst zwischen der kleinen Stadt an der Spree und dem Dörfchen Tempelhof lag. Später landeten die ersten Flugzeuge auf der holprigen Wiese am Stadtrand. Inzwischen ist der stillgelegte Flughafen mit der internationalen Kennziffer THF von Häusern und Straßen eng umschlungen und liegt im Zentrum einer Millionenstadt. Der einst größte Flughafen der Welt ist zu einer der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt geworden. Und zur, beliebtesten Spielwiese der Berliner.

Am Himmel stehen Drachen in allen Farben und Formen, Modellflugzeuge kreisen über der Wiese, Streetsurfer kreuzen mit ihren Segeln auf den 2,3 Kilometer langen Landebahnen durch das Wiesenmeer, Spaziergänger, Radfahrer, Rollschuhläufer, Jogger, Kinder und Mütter mit Kinderwagen. Hunderte sind auf der Rollbahn, es „ist erstaunlich, dass nichts passiert. Es gibt keine Regeln, keine Straßenverkehrsordnung, aber es funktioniert trotzdem!“ Einmal nur landete einer der Segler bei ihnen im den Gurken, erzählt Christian Puder vom Stadtteilgarten Schillerkiez am Ende der Rollbahn.

Christian geht mit seiner Gießkanne zu den Tomaten. „Das ist ein kleines Stück Freiheit, ein Ansatz von Anarchie hier.“ Zwischen den Blumen, Kürbissen und meterhohen Stangenbohnen der mobilen Gärten krabbeln Babys, sitzen in ausgedienten Sofasesseln und aus Hölzern zusammengenagelten Liegestühlen Mütter in der Sonne. Ein Mann spielt Geige, von Ferne klingt ein Saxophon über die Wiese. Gegenüber steht ein nackter Yogi schon seit fünf Minuten auf dem Kopf, während seine Freundin vom Lotussitz aus den Blick über die Weite der Landschaft gleiten lässt. Der 1000 Quadratmeter große Schillerkiezgarten ist ein Treffpunkt im Grünen, eines der sozialen „Pionierprojekte“, die sich auf der Freifläche bis auf weiteres ansiedeln durften. Ihre Verträge sind jederzeit kündbar. Für den Fall, dass die Stadt eines Tages einen Rosengarten in der Steppe anlegen möchte.

Immer mehr Touristen kommen und stellen die gleichen Fragen. „Wir haben schon überlegt, ob wir eine Sprachbox installieren, mehrsprachig, damit wir nicht so viel reden müssen“, sagt Christian. Frank erzählt, dass gestern einer aus Togo da war, „und der fragte das Gleiche wie das ZDF letzte Woche.“ Die Neugierigen kommen aus aller Welt, sie wollen wissen, wer ihnen das erlaubt hat, und warum niemand diese Tomaten klaut, wo es doch gar keinen Gartenzaun gibt.
Doch die wachsende Beliebtheit des „Parks der Tempelhofer Freiheit“ ist dem Senat ein Dorn im Auge. Er will mehr als nur eine Wiese, auf der sich jeder wohl fühlt. Er möchte Wege in die Wildnis schlagen, Sport- und Spielplätze bauen und die Steppe mit einem künstlichen See anreichern. „Mitten in der Steppe, so ein Blödsinn!“, sagt eine Kreuzbergerin, die auf ihren Inlinern gerade Pirouetten dreht. Aber der Senat will einen Park. Für 61,5 Millionen. Und einen Kletterberg will er auch. „Einen Kletterberg brauch ich so dringend wie ein Loch im Kopp!“, sagt die Skatekunstläuferin.
„Das ist unsere Spielwiese, und nicht die von irgendwelchen Architekten. Häuser brauchen wir hier nicht!“, sagt Michael Stachowicz, der Lust auf eine Brezel im Biergarten am Steppenrand hatte. „Jedes Haus, das hier gebaut wird, ist eins zu viel.“ Doch der Senat hört nicht auf Stachowicz. Er will bauen. 60 Hektar von der 380 Hektar großen Tempelhofer Freiheit sollen zu Wohnquartieren in exklusiver Lage werden: Wohnen am Rand der Steppe – in der Mitte der Stadt.
Beständig erklären deshalb Stadtplaner, Architekten und Manager der stadteigenen Gartenbaufirma „Grün Berlin“ und der eigens gegründeten „Tempelhof Projekt GmbH“ den Berlinern, dass alles noch schöner werden müsse. Dass die Berliner in einer Umfrage den Mangel an Toiletten, Bänken und Spielplätzen beklagt hätten. Dass die Befragten nur ein Kreuzchen hinter „See“ und „Kletterberg“ machen konnten, und dass es kein Kreuzchen für „Steppe“ gab, verschweigen die Statistiker. Die Planer „lassen sich nicht bremsen“, wie die Morgenpost schrieb, der Europaradweg soll den Park kreuzen und Tempelhof mit Kreuzberg verbinden, Bäume sollen gepflanzt werden, Sportanlagen entstehen. Die Besucherzahlen seien rückläufig, der Migrantenanteil zu gering. Kinder kämen auch keine in den Park. Ein Volkspark müsse den Bedürfnissen Aller gerecht werden und könne nicht nur Landebahn für Drachenflieger sein.
Es ist Nachmittag geworden, mmer mehr Menschen ziehen über den Columbia-Damm, ausgerüstet mit Taschen, Decken, Picknickkörben und Sonnensegeln, mit Inlinern, Bällen, Boulekugeln und Schachspielen, mit Frisbeescheiben, Federballschlägern, Lenkdrachen und Modellautos, mit Freunden und Besuchern aus aller Welt. Sie sind braun oder weiß oder schwarz, tragen Turbane, Baseballkappis, Kopftücher und Strohhüte.
Nur ungern geben die Verantwortlichen zu, dass der stillgelegte Flughafen weit mehr Besucher anzieht als irgendein anderer Park der Stadt. Dass die kulturlose Brache, die unstrukturierte Wildnis, dieses 380 Hektar große Nichts in der Mitte der Stadt attraktiver ist als jeder teure Designerpark. 30.000 Besucher haben die Mathematiker des Senats an schönen Tagen gezählt. „Viel zu wenig für so eine große Fläche“, erklärt der Geschäftsleiter des städtischen Gartenbetriebs. Doch die Zahlen sind nur Schätzungen. „80.000 Besucher an einem Wochenende sind keine Seltenheit!“, sagt der Landschaftsarchitekt Hermann Barges von der „Demokratischen Initiative 100% Tempelhofer Feld“. Und im Herbst vor zwei Jahren, als der blaue Streifen des Thermometers noch einmal weit über die 20 Grad kletterte, sollen sogar
250.000 Menschen da gewesen sein. Ein Hauch von Woodstock lag über dem alten Acker.

Auf der Grillwiese vor dem Halbkreis des Flughafengebäudes steigen Rauchfahnen in den Himmel. 22 Männer in kurzen Hosen kämpfen um einen Ball. Schon Germania 1888, Deutschlands erster Fußballclub, hatte seinen Spielplatz auf dem Tempelhofer Feld. Die große Wiese war schon immer Spielwiese. Kupferstiche zeigen Damen, die in langen, wehenden Kleidern und mit Drachen an der Leine über das Feld laufen, Männer mit Picknickkörben und Schmetterlingsnetzen. Erste Fotografien zeigen den Start von Heißluftballons und anderer unbekannter Flugobjekte. „Dieses Feld war immer ein Experimentierfeld“, sagt Hermann Barges. „800 Jahre lang. Und das wird es auch mindestens noch 800 Jahre lang bleiben!“ Vor einer Woche startete die Initiative auf dem Gelände mit einer Unterschriftenliste. Barges ist optimistisch: „Nicht der Mensch ändert die Orte, sondern die Orte verändern den Menschen.“

Auch Burghard Kieker ist optimistisch. Der Chef von Visit Berlin ist so etwas wie Berlins heimlicher Tourismussenator. „Wir haben bald 3 Millionen Besucher im Jahr, das sind Pariser Dimensionen! Und diese Leute müssen verteilt werden, die dürfen nicht nur um den Reichstag kreisen.“ Auch Kieker hat Visionen und träumt von Cafes und exotischen Gärten auf dem Dach des viertgrößten Gebäudes der Welt, von einem Freilufttheater und Tangotänzern auf den Hangars. Aber die Wiese würde er unberührt lassen. „Kürzlich war ich mit einer Gruppe brasilianischer Feuilletonisten hier, die sagten: „So was hat doch keine andere Stadt der Welt: 2,3 Kilometer freie Sicht.“

„Das ist wirklich ein ganzer Himmel, von Horizont zu Horizont, mitten in der Stadt“, schwärmt Lothar Köster. „Jedes Mal, wenn ich hier bin, ist das wie ein kleiner Urlaub.“ Köster war es, der 2010 die Idee hatte, eine Bürgerinitiative ins Leben zu rufen zur „Rettung des Paradieses“ und eines Ortes, der „weltweit einmalig und unwiederbringlich“ ist.

Es wird allmählich dunkel über der Wiese, in den Häusern am Rand der Steppe glimmen Lichter auf. Elegant hängt die Sichel des Mondes über der Silhouette der Stadt. Im hohen Gras lässt sich wieder der Herbstnebel nieder, nur vom Asphalt der Rollbahn steigt wie eine leise Erinnerung an den Sommer noch Wärme auf. Ein Radfahrer fährt ohne Licht, mit einem Radio am Lenker, aus dem Ravels Bolero tönt. Die Nacht ist dunkel in der Mitte Berlins - da wo es in anderen Städten am Hellsten ist.

Noch immer sind Menschen unterwegs, streifen umher, leises Gelächter dringt herüber, eine Gitarre klingt, Feuerzeuge leuchten, der Schein eines Telefons: menschliche Leuchtfeuer in der Steppe. Und in der Ferne zieht wieder der Lichterzug der S-Bahn vorüber. Michael Stachowicz, einer der letzten Spaziergänger an diesem Abend, sagt: „Gebt den Berlinern ein paar Quadratmeter Platz. Gebt ihnen ein paar Dächer, eine Tankstelle, Häuser, Bunker, Hinterhöfe - sie werden etwas daraus machen! Sie haben fünfzig Jahre lang gelernt, in Ruinen und Brachen zu leben.“ Auch auf dem stillgelegten Flugplatz, der letzten großen Brache Berlins, ist längst neues Leben entstanden. •


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