Kreuzberger Chronik
Oktober 2012 - Ausgabe 141

Mein liebster Feind

Vierzehnter Brief


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von Katja Neumann

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Allerwertester Herr Frings, der gekränkte Tonfall Ihres letzten Antwortschreibens gibt mir zu denken. Vielleicht sollten wir unseren Briefwechsel beenden, bevor es Ernst wird. Ich habe gestern Nacht schon darüber nachgedacht, mich bei Ihnen zu entschuldigen. Und das kann doch der Sinn einer Jahre lang gepflegten Brieffeindschaft nicht sein!

Wenn ich Ihr fortgeschrittenes Alter ansprach, dann nicht in der Absicht, Sie zu kränken, Herr Frings. Als gute Berlinerin bin ich ein Freund der direkten Rede, diplomatische Umschweife liegen mir nicht, und wenn ich Sie als Greis bezeichnet haben sollte, dann meine ich das genau so. Das Alter ist schließlich keine Schande, und ich verstehe nicht, weshalb Sie gekränkt sind.

Wenn jemand einen Grund hat, beleidigt zu sein, dann bin ich das. Mit der Unterstellung, meinen Marx nicht gelesen zu haben, kann ich noch leben. Ich habe in der Blütezeit meines Lebens durchaus spannendere Lektüren gefunden als „Das Kapital“. Womit ich den Wert dieses Werkes keineswegs in Frage stellen möchte. Meine angebliche, von Ihnen unterstellte literarische Vorliebe für Autorinnen wie Ingrid Noll oder Kristin Hunter allerdings kann ich nur als Boshaftigkeit bezeichnen. Und wenn Sie Jan Peter Bremers „amerikanischen Investor“ in eine Reihe mit diesen Damen zu stellen, dann würde ich mich in Acht nehmen: Der Mann wohnt gleich bei Ihnen gegenüber. Glücklicherweise hat er allerdings noch Sinn für Humor – eine Eigenschaft, die übellaunigen Briefschreibern in Kreuzberg leider abgeht.

Ich bin mir sicher, dass Ihnen diese Lektüre einige Freude bereitet hätte, auch wenn es sich um das Buch eines Kreuzbergers handelt, der in den Siebzigern wahrscheinlich der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins beigetreten wäre. Aber Sie lesen natürlich keine Bücher von Kreuzbergern über Kreuzberger. Sie lesen lieber Bücher von Menschen aus der Torstraße. Bücher mit dramatischen Untertiteln wie „Stadt, Liebe, Tod“. So ein Titel würde mich niemals hinter den Ofen locken. Ein grauhaariger Protagonist mit jugendlichen Augen, eine Frau, die sich nachts am Tresen besäuft und vom Ficken quatscht, das habe ich alles schon ein paar Mal gelesen. Und erlebt hab ich es auch.

Ihrer dringenden Empfehlung, Kreuzberg einmal zu verlassen und stattdessen in der Torstraße ein Bier zu trinken, werde ich ebenfalls nicht nachkommen. Ich bin kein Lokalpatriot, aber ich finde in diesem Viertel noch immer Unterhaltung genug. Ich empfinde noch Sympathie für die Kreuzberger. Bei Ihnen aber habe ich das Gefühl, dass Sie einen geheimen Groll gegen das Kreuzbergerische pflegen. Das ist womöglich ein weiteres Indiz für das Fortschreiten der Zeit....

Aber ich möchte Sie nicht wieder kränken, liebster Brieffeind. Ich weiß, Sie sind, trotz Ihrer lebhaften, jugendlichen Augen, ein sensibler, schon ergrauter Herr. Eigentlich ein typischer Kreuzberger!

Mit freundlichen Grüßen aus Kreuzberg– Ihre Katja Neumann.


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