Kreuzberger Chronik
November 2012 - Ausgabe 142

Dieter Peters Kreuzberger
Hans Roth

Sie waren alle schön, jede auf ihre Art


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

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Er wohnt sozusagen in der Beletage, im ersten Stock, zur Straße hinaus. Doch seine Straße ist keine der großen Paradestraßen, es ist die kleine Heimstraße mit ihrem holprigen Kopfsteinpflaster. Auch das Treppenhaus ist bescheiden und ohne viele Schnörkel, die mit Linoleum belegten Stiegen sind schmal, und die Wohnungen sind klein. Die Prominenz des 19. Jahrhunderts wohnte in anderen Straßen und anderen Häusern.

Hans J. Roth öffnet dennoch in schwarzen Schuhen, mit silberner Krawatte, weißem Hemd und grauer Weste. Unangekündigten Besuch empfängt er mit einer vornehmen Zurückhaltung. So hat alles seinen Stil im Leben des Hans J. Roth, die Gewohnheiten, die Möbel, die Kleider, die Worte, auch Freunde und auch die Frauen.

Natürlich waren sie alle schön gewesen, »jede auf ihre Art«, jede unvergesslich. Gabriele aus Bochum, seine erste Liebe. Astrid aus Paris. Barbara aus München. Sakiko aus Japan. Und dann Claudia aus Berlin, Elektra aus Berlin, alle seine letzten großen Lieben kamen aus dieser wunderbaren Stadt Berlin, Franziska, Felicitas, Katrin... Sie waren alle schön und wunderbar, sie hatten Talent und »Temperament«, und sie besaßen eine Sinnlichkeit, die ihm den Kopf verdrehte, die ihn noch in den Siebzigern von Bochum nach Paris lockte, 1980 von Manhattan nach München, 1985 von Mexiko nach Berlin. Es waren immer die Frauen gewesen, nicht die Auszeichnungen der Universitäten, nicht die Professuren, die seinen Lebensweg bestimmten, und vielleicht wäre dieser Hans Roth längst unter die Räder gekommen, hätten nicht all diese Frauen auch eine Eigenschaft besessen, die ihm selbst fehlt: »Die gewisse Bodenständigkeit.« Denn Hans Roth wird ganz leicht, er schwebt ganz einfach davon, wenn er verliebt ist, auch nach 60 Jahren noch, und wenn sie ihn nicht festhielten, wenn sie ihn nicht bei der Hand nehmen und wieder herunterziehen würden, all diese wunderbaren Frauen, dann käme er vielleicht nie mehr zurück, dann entschwände er wie Buschs Fliegender Robert für immer zwischen den Wolken.

Es war natürlich nicht immer einfach, wenn sie ihn auf die Erde zurückholten. Es waren freie Fälle, manchmal Stürze vom Paradies geradewegs in die Hölle. Abgründe taten sich auf. So wie erst kürzlich wieder, mit Felicitas, der Glücklichen, die ihm so viel Glück brachte, Felicitas Liselotte, mit der er fast ein ganzes Jahrzehnt verbrachte, und mit der er im Alter von 52 Jahren sein erstes Kind in die Welt setzte, ein Kind mit dem klingenden Namen Valerie Sophie Charlotte.

»Felicitas saß im Café Lebensart, am Mehringdamm, frühmorgens, eine wunderschöne Frau. Ich trat sofort an ihren Tisch und sagte: Schön, dich wiederzusehen.« Es war ein uralter Trick, aber er funktionierte, sie unterhielten sich stundenlang, verstanden sich sofort, und es wurde tatsächlich »der wundervolle Anfang einer wunderbaren Liebesgeschichte...« Doch jetzt ist der Himmel zu »einem einzigen Schlachtfeld geworden«, gestritten wird um die Tochter. Immer wieder muss Hans Roth den Richter einschalten, nur um die Tochter sehen zu dürfen, immer wieder steht er vor verschlossenen Türen, und er spricht darüber nicht ohne Enttäuschung. »Felicitas ist ziemlich phantasievoll, wenn sie verhindern möchte, dass wir uns sehen.«

Um eine Brücke zwischen all diesen Himmeln und Höllen zu schlagen, greift Hans Roth zu Stift und Papier. Nicht daheim, an seinem geordneten, fast schon gewöhnlichen Schreibtisch. Hans Roth hat Stil, Hans Roth schreibt im Café, mit Füllfederhalter, Krawatte und Gilet. Er gefällt sich in der Rolle des schreibenden Denkers, er war schließlich nicht umsonst in Paris. Aufs Papier fließen Notizen, Essays, Aphorismen, Kurzgeschichten. Zwei oder drei solcher »Werke« schreibt er im Jahr, er hat Zeit, niemand zwingt ihn, seine Gedanken zu verkaufen. Schließlich erhält er jeden Monat eine »kleine Apanage von den Eltern«, die es ihm erlaubt, »eine bescheidene, aber finanziell fast sorgenfreie Existenz zu führen.«

Dennoch wurden einige seiner Zeilen gedruckt. Sogar die New York Times veröffentlichte, als Roth als Gastprofessor in Amerika Philosophie lehrte, Teile seiner »Ode an New York City«. Er hätte in New
Foto: Dieter Peters
Sogar die <I>New York Times </I>veröffentlichte, als Roth als Gastprofessor in Amerika Philosophie lehrte, Teile seiner »Ode an New York City«. Er hätte in New York bleiben können, sie wollten den deutschen Denker, der mit den besten Empfehlungen der Professorin Margherita von Brentano – »Eine Frau, die selbst die abstraktesten Theorien mit einer gewissen Sinnlichkeit verbinden konnte« - in Amerika eingereist war, fest anstellen. Doch feste Anstellungen sind nichts für einen großen Liebenden. Es war Sakiko, die ihn 1980 von New York nach Berlin zurückholte. Auch als ein Angebot aus Harvard kam, war es eine Frau, die ihn davon abhielt, die gut dotierte Stelle anzunehmen. »Als überzeugte Linke wollte sie nicht in die USA. Und ich wollte ja eigentlich auch nie so ein verbeamteter Staatsdiener werden.«
Ihm reichte es, wenn seine Gedanken in der »Gelehrtenrepublik« kursierten, wenn ihn Karola Bloch anlässlich des Todes von Ernst Bloch zur kleinen Trauerfeier in eine Tübinger Weinstube einlud. Es reichte ihm, schon im zarten Alter von 24 Jahren als Assistent an der Seite seiner Professoren an der Freien Universität agieren und sprechen zu dürfen, und anstelle der Professoren vor der versammelten Studentenschaft die Einführungsrede zu Adornos schwer verständlichem Spätwerk der »Negativen Dialektik« halten zu dürfen. Geld spielte in seinem Leben nie eine bedeutende Rolle. Denn immer wieder, wenn er sich entschied, zum Lebensunterhalt die eine oder andere Tätigkeit anzunehmen, trat eine Frau in sein Leben. Sie waren schön, temperamentvoll, intelligent, und vor allem bodenständig. Sie hatten das, was ihm fehlte. Die Schauspielerin Barbara Uhlen sagte: »Du brauchst eigentlich nichts mehr zu machen, mein Hans. Du brauchst mich nur zu lieben.«
Barbara Uhlen lockte Hans Roth nach München, wo er Fassbinder kennen lernte, den Film, die Drogen und den Alkohol. All das, was er an der Universität nicht kennen gelernt hätte. »Durch die Frauen hat sich mir das Leben ganz anders eröffnet als durch die Brille der Philosophie.« Die Frauen lehrten ihn, nicht nur über das Leben nachzudenken, sondern es auch zu leben.
>So ist ein Philosoph, aber auch ein ewiger Liebender aus ihm geworden. Einer, den die Liebe nicht loslässt. Der von der Liebe nicht lassen kann. So sitzt er im Molinari nicht weit von der Bergmannstraße, wo viele schöne Frauen flanieren, und schreibt. »Ich brauche diese Kaffeehausatmosphäre zum Schreiben. Ich möchte gesehen werden und andere Leute treffen. Im Kaffeehaus kommt man dem wahren Menschen näher als im Vorlesesaal.«
Er schreibt Essays, Gedichte, Geschichten, Briefe. Briefe an Helmut vielleicht, einen Beileidsbrief zum Tod von Loki. Es ist eine alte Brieffreundschaft zwischen Hans und Helmut. Hans war noch Student und Helmut noch lange nicht Bundeskanzler und noch lange nicht Herausgeber der ZEIT, da schrieb ihm Hans, dass Helmut sich irre, wenn er glaube, dass Sir Karl Raimund Popper, der Gründer des »Kritischen Realismus«, die Lösung aller politischen Rätsel bereithalte. Er widerlegte den österreichischen Philosophen mit dem deutschen Immanuel Kant.
Helmut antwortete. Und er antwortet ihm heute noch, viele Jahre später. Getroffen haben sie sich nie. Da ist ein Unterschied zwischen dem Leben in Plenarsälen, den Worten über das Leben ,und dem wirklichen und wahren Leben. Manchmal scheint es, als gäbe es keine Verbindung zwischen dem Papier und der Straße. Den Gedanken und den Frauen. Nicht einmal in den kleinen Cafés, in denen sich der Boheme so gerne aufhält.
Manchmal sieht man die große Gestalt des Philosophen Roth die Bergmannstraße auf- und ablaufen. Oder er steht an einer Ecke, als warte er auf jemanden. Steht an einer Ampel und schaut um sich, als suche er. Suche etwas, das er vielleicht vor langer Zeit verloren hat., oder das ihm immer schon und immer noch fehlt. Und dann kommt jemand, mit dem er gar nicht mehr gerechnet hat. Und obwohl er im ersten Moment enttäuscht ist, dass es nicht eine dieser wunderbaren Frauen ist, nicht eine von diesen Frauen, die alle so schön sind - jede auf ihre Art -und die ihm immer so schön den Kopf verdrehen, erscheint ein Freudestrahlen auf dem Gesicht des Hans Roth. Denn es ist ein alter Freund. Einer von jenen, die noch immer gerne zuhören, wenn Hans Roth die Welt erklärt. Und es kann sein, dass der Philosoph und der alte Freund dann noch eine ganze Weile an der lauten Straßenkreuzung stehen und -während ringsum die Autos anhal-
ten und wieder weiterfahren, Touristen Hüte und Postkarten kaufen, der Verkäufer der Obdachlosenzeitung Motz den Passanten die Rote Karte zeigt und Straßenmusikanten Zigeunerlieder spielen, während Immobilienhändler über Quadratmeterpreise diskutieren und Eheleute alltäglichen Streit austragen -über Kant, Hegel, Schopenhauer und das Leben an sich sprechen. •

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