Kreuzberger Chronik
November 2012 - Ausgabe 142

Geschichten & Geschichte

Wein aus Kreuzberg


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von Werner von Westhafen

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Dass einst Brauereien auf dem Kreuzberg Bier brauten, ist hinlänglich bekannt. Doch die Geschichte begann mit Wein

Der kleine Hügel im Viktoriapark, der am Rand des Eisflusses entstand, erhielt von seinen Anwohnern im Lauf der Jahre viele Namen: Ende des 13. Jahrhunderts holten die Berliner Sand und Lehm vom Westhang des »Lehmbergs« oder »Sandbergs«. Als Napoleon anrückte, die Berliner eine Schanze auf dem Hügel aufschütteten und eine Signal-Kanone aufstellten, hieß der kleine Berg »Alarmkanonenberg« oder auch einfach »Lärmkanonenberg«. Und als nach dem großen Sieg über den kleinen Franzosen der Stararchitekt Schinkel den Berg mit einem Denkmal ehrte, auf dessen Spitze ein eisernes Kreuz saß, erhielt Berlins höchste natürliche Erhebung den Namen Kreuzberg.

Viele Jahre aber trug der Berg den poetischeren Namen ´«Kleiner« oder »Runder Weinberg«. Der Berg im Süden der Stadt war so dicht mit Weinreben bepflanzt wie die Südschleifen von Rhein und Mosel. Denn der Berliner Wein war wegen seines »vortrefflichen Geschmacks berühmt«, ganz im Gegensatz zum Wein aus der Mark Brandenburg, der lediglich als »lieblich« bezeichnet wurde. Oder des Frankfurters, der das Prädikat »pikant« erhielt. So wurde der Kreuzberger Tropfen auch in Sachsen, Meißen, Thüringen und Böhmen getrunken, wo die Bedingungen offensichtlich noch schwieriger und der vergorene Saft noch etwas säuerlicher wurde. Auch ins Ausland wurden die mehr oder weniger guten Tropfen vom Kreuzberg exportiert: 1595 verzeichnen die Rechnungsbücher der Stadt einen »Winzer von den Tempelhofer Bergen«, der allein 36 Tonnen Wein für einen Preis von 144 Silbertalern nach Schweden und nach Russland verschifft hatte.
Da das Geschäft mit dem Wein derart florierte, wurde nicht nur entlang der Tempelhofer Berge mit dem Kreuzberg in der Mitte als höchster Erhebung, sondern auch in anderen Stadtvierteln Wein angebaut. 1565 gab es an den seichten Hügeln entlang der Spree 70 Weinberge und 26 Weingärten, aber die meisten von ihnen lagen an der Hügelkette im Süden.

Foto: Kreuzberg Museum
Der Kreuzberg, 1882 entn. aus: »Kreuzberg - Alte Bilder erzählen«, Sutton-Verlag
Deshalb wurde auch die Straße, die am Fuße der Hasenheide und der Tempelhofer Berge entlang bis ins heutige Schöneberg führte, einst der »Weinbergsweg« genannt. Erst am 20. April 1837 erhielt der sandige Privatweg, auf dem die Trauben nach der Lese noch mit Pferd und Wagen abtransportiert wurden, den Namen einer dort ansässigen, respektablen Familie: der Familie Bergemann. Dreißig Jahre später wurde die Bergmannstraße eine öffentliche Straße. Heute ist sie weltbekannt.
Dass einmal die gesamte Hügelkette bis nach Rixdorf voller Wein sein würde, und dass dieser Wein es bis nach Russland schaffen würde, das hätten sich die Mönche vom nahe gelegenen Kloster der Templer trotz ihrer bereits umfangreichen Weinlager in den Kellern und trotz des täglichen Glases inspirierenden Rebensaftes nicht träumen lassen, als sie im 12. Jahrhundert die ersten Stöcke in den sandigen Boden des »Runden Bergs« steckten und ihn zum »Runden Weinberg« machten. Urkunden belegen, dass die Geistlichen 1172 den Wein für das Heilige Abendmahl und den täglichen Gebrauch zu Tisch am heutigen Kreuzberg selbst anpflanzten. Allerdings dürfte der Ertrag je nach der Strenge und der Länge des Winters starken Schwankungen unterlegen haben, und es ist wahrscheinlich, dass die Mönche aus diesem Grund gern Wein aus anderen Gegenden kauften, zumal ihnen die Stöcke in frostigen Wintern immer wieder erfroren. Das veranlasste Friedrich Wilhelm I., einem entschiedenen Gegner jeglicher Faulheit, im Jahre 1737 unter Androhung von Todesstrafe zu befehlen, dass »der bey Austheilung des Heiligen Abendmahls nöhtige Wein von denen Predigern selbst angeschaffet, auch von ihnen selbst in den Kelch jederzeit gegossen, und solches keineswegs mehr durch den Küster verrichtet werden soll.«

Andererseits unterstützte Friedrich Wilhelm wenig später den Anbau von Getreide, das auf den Märkten einen immer höheren Preis erzielte, und versprach deshalb den Bauern Prämien für den Anbau von Weizen. So wurden die schon im 30jährigen Krieg stark dezimierten Stöcke auf dem kleinen Weinberg nach und nach zu Getreidefeldern, und im 18. Jahrhundert hätte der Berg längst Kornberg oder Weizenberg heißen müssen. Allein zwischen 1871 und 1872 schrumpfte die Anbaufläche für den Berliner Wein von 12 auf 9 Morgen.
Heute hat die Gärtnerei Hofgrün am Fuß des Kreuzbergs noch einige Rebstöcke vor einer sonnenbeschienenen Brandwand in dem Boden des Kreuzberges. Auch die Baywobau hat, um ihre Wohnungen besser verkaufen zu können, zur Zierde der Wohnanlage einige Terrassen mit Wein bepflanzt. Von den alten Stöcken oder Sorten, die einmal am Kreuzberg gewachsen sind und die sich bereits an das launische und raue Klima der Region gewöhnt hatten, ist kein einziger mehr vorhanden. Die Pflanzen, die heute dort wachsen, sind alle aus anderen Gegenden Deutschlands, wenn nicht aus aller Welt angereist. Nur auf den Friedhöfen entlang der Bergmannstraße, dort, so erzählte der Friedhofsgärtner Egon Elend vor ein paar Jahren, gäbe es immer noch ein paar von diesen alten Weinstöcken, »die müssten ejentlich noch von janz damals sein.« •

Foto: Günter R. Herzel

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