Kreuzberger Chronik
Mai 2012 - Ausgabe 137

Legenden der 60er

Graetz und die Verschwörung


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von Alf Trenk

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Graetz und die Verschwörung von Alf Trenk

Foto: Alf Trenk
Hinter dem ungewohnten Vollbart erkenne ich ihn nicht gleich, den Kneipier im S-Bahnbogen Tiergarten. Er mich dafür sofort. Das Unverhoffte dieses Wiedersehens entlädt sich in einer Umarmung, einer Geste, die uns damals affektiert erschienen wäre. »Damals« - das muss eine dieser wenigen Lücken in der langen Kette von Gefängnisaufenthalten gewesen sein, die Wolfgang Graetz´ Leben darstellt.

Bei seinem letzten Aufenthalt, Ende der Sechziger, wurde er vorzeitig aus Butzbach entlassen. Der hessische Oberstaatsanwalt, der ihm ein Telefon in die Zelle stellte, hatte sich für den »deutschen Jean Genet« eingesetzt. Jetzt zog es ihn zur neuen Freistatt aller Gesellschaftsrebellen: nach Kreuzberg. Eine aufgegebene Fleischerei macht er zum angesagten Szene-Lokal, von den abendlichen Gästen weiß kaum einer, dass der Mann, der hier Bier zapft, im Gefängnis gesessen, Bücher und rund zwanzig Hörspiele geschrieben hat. Darunter eines, das wie ein Sprengsatz wirkt im Kreis der bundesdeutschen Politiker und Historiker: »Die Verschwörung«. Seine These, die Heldenverklärung der Attentäter vom 20. Juli verschleiere ihr genuines Handicap, nämlich die Identität mit den Attackierten, rührt an ein nationales Tabu. Hannah Arendt und Bernd Gisevius, einer der Verschwörer des 20. Juli, stimmen ihm zu. Andere, wie Erwin Piscator, halten das Stück für politisch inopportun. Der Spiegel schreibt von der «Bombe aus Butzbach» und veröffentlicht auch die Details der schon mit fünfzehn begonnenen kriminellen Karriere von Graetz, Autoeinbrüche, Diebstähle und Scheckbetrügereien, die ihn früh in die Jugendgefängnisse und Arbeitslager brachten. Ein Psychiater beschreibt ihn als gefühlskalten, geltungssüchtigen Psychopathen.

Ende der Sechziger ist es vorbei mit der Kneipe in der »Fleischerei«. Gemeinsam mit Günter Bruno Fuchs pachtet er die legendäre »Meisengeige«. Der Name, ursprünglich als deutungsoffener Phantasiebegriff von Oskar Huth geprägt, lässt kein langes Bestehen erhoffen. Fast ein Jahrzehnt lang verlieren Wolfgang Graetz und ich uns aus den Augen. Dann steht er plötzlich wieder vor mir. Der Bart hat den egozentrischen Michael Kohlhaas in einen gemütlichen Opa verwandelt. Er ist mir plötzlich sympathisch. Ich bestelle einen einfachen Klaren, der kostet 40 Pfennig.

Was bin ich dir schuldig?, frage ich, als wir uns verabschiedeten. -Vierzig Pfennig, sagt er in geschäftsmäßig trockenem Ton und wechselt mir akkurat die hingelegte Mark. In diesem Moment fühlte ich eine eigenartige Beengung. •


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