Kreuzberger Chronik
Mai 2012 - Ausgabe 137

Geschäfte

Möbel aus der Fidicinstraße


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von Horst Unsold

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Sie hatten einen Freund in Indonesien und ein Lager in Stuttgart. Dann kam die Loveparade

Die Kunden, die heute die hinterste Ecke des Hinterhofes in der Fidicinstraße Nummer 40 betreten, könnten noch die von früher sein. Es sind, genau wie früher, weniger die Kreuzberger, die hier vorbeischauen, sondern besser betuchte Berliner, die sich auf der Suche nach etwas Dekorativem für ihre Wohnung, ihr Ferienhäuschen oder ihre Gartenterrasse befinden. Es sind zwar keine Bilder und Skulpturen mehr, wie sie der Kreuzberger Malerkneipier Mühlenhaupt einst hier in seinen Räumen ausstellte, sondern Accessoires zur Wohnungseinrichtung, aber sie dienen einem ähnlichen Zweck: der Behaglichkeit. Die ehemalige Fabrik der Firma Wittenbecher ist voller schlichter, schöner Dinge wie Kerzenständern, Porzellanknäufen,
Foto: Dieter Peters
Kissen und Polstern, altmodischen Tischlampen oder Blechlaternen in Form eines kleinen Häuschens, durch dessen Fenster das Licht einer flackernden Kerze auf das Teakholztischchen mit der Weinkaraffe, den schlanken Gläsern und dem dickbäuchigen Wasserkrug fällt.

Es könnte sich also um eines jener teuren Geschäfte geschäftstüchtiger Geschäftsleute handeln, die sich unweit der Goldader an der Bergmannstraße niederlassen, um gute Geschäfte mit all jenen zu machen, die sich in ihren neuen Eigentumswohnungen und auf ihren Dachterrassen und Sonnenbalkonen nun neu einrichten müssen. Doch das Trio von Room & Garden ist nicht erst in Kreuzberg, seit die Mieten explodieren und die Immobilienhändler Eigentumswohnungen bauen. Das Trio von Room & Garden war auf der Loveparade gewesen, im Sommer 2002. Frank hatte gerade keinen Job und war ohnehin schon in Berlin, und Sandra hatte eine Stelle beim Technikmuseum. Christoph kam eigentlich nur wegen der Technoparty. Aber es war Christoph, der irgendwann fragte: Wollen wir nicht einen eigenen Laden in Berlin aufmachen?

Christoph und Frank kannten sich von der Berufsakademie in Mosbach, wo sie Holztechnik studierten, und handelten schon seit einiger Zeit mit Gartenmöbeln aus Teakholz.
Foto: Dieter Peters
Die exotischen Tische, Sessel und Bänke schickte ihnen ein Studienkollege aus Mosbach. Peter war nach Indonesien ausgewandert, und er verstand genau so viel von Holztechnik wie Frank und Christoph. Es dauerte nicht lange, da hatte er einen regen Handel mit Gartenmöbeln organisiert, und während der Mann vor Ort sich um die Produktion und den Versand kümmerte, sorgte Christoph in Stuttgart für die Verteilung der Möbel an die Händler in Deutschland. An einen eigenen Laden aber dachte niemand, nur in den Sommermonaten veranstalteten sie einen Lagerverkauf in der Halle, in der sie ihre indonesischen Möbel zwischenlagerten. »Im Winter, bei minus 10 Grad, da geht niemand in so ne Halle.«

Nach der Loveparade setzten sich die drei hin, rechneten die Angelegenheit ziemlich genau durch und kamen zu dem Schluss, dass sie gewinnen würden. Sie dachten an einen Laden in der Stadtmitte, aber dort waren die Mieten unbezahlbar. Zuerst dachten sie an Lofts und Fabriketagen, aber sie fanden keine, jedenfalls keine, die bezahlbar gewesen wären. Sie dachten an einen Standort an einer der Berliner Ausfallstraßen, aber da war bereits die Konkurrenz ansässig, an jeder Straße ins Umland stand ein Gartencenter. Also packten sie ihre Möbel in einen Transporter und fuhren mit ihren indonesischen Gartenmöbeln auf Märkte und Ausstellungen in Brandenburg. Jedes Wochenende waren sie in der Markthalle in Riedersdorf, der Bedarf an hölzernen Gartenmöbeln, die nicht aus Plaste und dennoch wetterresistent waren, war im ehemaligen Osten erfreulich groß.

Und dann lasen sie diese kleine Annonce im Tip. 200 Quadratmeter im Hinterhof zu vermieten. Frank fuhr hin und war »sofort begeistert.« Das große Atelier des Kreuzberger Szenemalers war wie geschaffen für die Möbelhändler, im Hof lauter Kunsthandwerker, ein Theater, Blumentöpfe, ein paar steinerne Gartenzwerge vom alten Mühlenhaupt. Eine Idylle.#IMG/1187/L/0 Sie waren die einzigen, die sich auf die Anzeige von Hannelore Mühlenhaupt gemeldet hatten. Heute stünden wahrscheinlich hundert Interessenten in der Tür. »Die Krise war 2003 gerade auf dem Höhepunkt. Das war unser Glück.«

Das Glück scheint ihnen bis heute treu geblieben zu sein. Es hat sich herumgesprochen, dass die Möbel aus der Fidicinstraße ein bisschen besser sind als die der Möbelcenter und der Baumärkte. »Wir könnten natürlich günstiger einkaufen. Aber wir haben einen Anspruch. Wir haben anfangs noch von verschiedenen Werkstätten gekauft, heute ist die gesamte Produktion in der Hand eines kleinen Familienbetriebes. Und der arbeitet sehr sorgfältig.« Die Maschinen sind gut, das Holz ist abgelagert, und gebaut wird nach

Auftrag, in unterschiedlichen Größen und Varianten. »Das unterscheidet uns von den Chinesen oder Vietnamesen«, die containerweise Stangenware aus Teak verkaufen, immer die gleichen Größen und Modelle. Bei Room & Garden sitzen Profis auf den Stühlen, »und manchmal fehlt eben ein einziger Zentimeter, und der Stuhl sitzt sich nicht mehr. Ein Zentimeter kann entscheidend sein!«

Die Drei von Room & Garden sind keine Möbelhändler. Sie sind Bastler und Tüftler, sie entwerfen ihre eigenen Kollektionen, und sie machen ihre eigenen Preise. »Es gibt hier keinen Artikel, von dem wir nicht sagen könnten: Das würde ich mir für das Geld auch kaufen.« •

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