Kreuzberger Chronik
März 2012 - Ausgabe 135

Strassen, Häuser, Höfe

Die Stresemannstraße 30


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von Canset Icpanar

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>Wo heute das Verlagshaus der SPD steht, befand sich einst ein berühmtes Internat. Später das berühmte »Wonaym«.

Das Grundstück neben der SPD-Parteizentrale, auf dem das unscheinbare rote Haus heute steht, war am Anfang des 19. Jahrhunderts noch ein Garten. Es gehörte zur »Plamannschen Erziehungsanstalt«. In dieser Knabenschule, die 1805 von dem Pädagogen Johann Ernst Plamann gegründet wurde, wurden die Söhne preußischer Beamter noch nach den strengen Grundsätzen von Johann Heinrich Pestalozzi unterrichtet.

Neben den Lehren dieses Schweizer Reformpädagogen gehörten jedoch vor allem der Turnunterricht und der deutsche Patriotismus zu den wichtigsten Säulen der Erziehungsanstalt, und obwohl eine neue Form des Unterrichts die Schüler zu selbstständig denkenden Individuen erziehen wollte, entwickelte sich das Institut allmählich zu einer Lehranstalt, in der Leibesübungen und deutschnationale Gesinnung wichtiger waren als die persönlichen Begabungen. Der Ruf der Schule litt, der Umgangston zwischen Erziehern und Schülern wurde zunehmend härter, und Otto von Bismarck, der wohl prominenteste Schüler des ehrwürdigen Internats, den man von einem fernen Rittergut aus Hinterpommern nach Berlin zur Schule geschickt hatte, pflegte Zeit seines Lebens einen ausgeprägten Groll gegen das Haus: »Meine Kindheit hat man mir in der Plamannschen Anstalt verdorben, die mir wie ein Zuchthaus vorkam.« 1830 wurde die Anstalt tatsächlich und abgerissen.

Blick in die ehemalige Königgrätzer Straße, 1908 Foto: Postkarte
Als in den folgenden Jahren der Potsdamer- und der Anhalter Bahnhof gebaut und 1867 auch die Stadtmauer abgerissen wurde, die bis dahin den Garten der »Plamannschen Anstalt« beschattete, entstand zunächst die Königgrätzer Straße, die später den Namen des Friedensnobelpreisträgers und ersten deutschen Außenministers Gustav Stresemann erhielt. Zwanzig Jahre später entstand anstelle der unbeliebten Bildungsanstalt ein Wohnhaus für preußische Beamte, Offiziere und Kaufleute. An der Fassade des Vorderhauses ließ der Rentier August Friedrich Herold eine prächtige Stuckfassade anbringen, während im Hinterhof weiterhin die Pferdestallungen lagen. Jahrelang nutzte ein Tischler das Souterrain als Werkstatt, ein Fahrstuhl wurde angebracht, doch das Haus behielt seinen vornehmen Charakter. Erst Mitte der Dreißigerjahre verlor das großbürgerliche Haus seine Stuckfassade: Ein staatlich gefördertes Programm sah vor, dass die als hässlich und altmodisch geltenden Aufsätze und Ornamente von Wohnhäusern zu entfernen waren.

Auch der zweite Weltkrieg hinterließ seine Spuren, bis heute sind im Obergeschoss die Einschusslöcher zu sehen. Die Bomben hatten das Haus so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass die Behörden keinen Sinn in einem Wiederaufbau sahen und die Genehmigung zum Abriss erteilten. Die berühmten Trümmerfrauen sollten die Steine zum Wiederaufbau anderer Häuser nutzen, doch der damalige Eigentümer, eine mit Immobilen-Handelsgesellschaft, legte Widerspruch gegen den Beschluss ein und setzte den Wiederaufbau des Gebäudes durch.

Einer der ersten Mieter in dem notdürftig wiederhergestellten Haus war die Aktiengesellschaft Telefunken, die 1965 das dritte Obergeschoss anmietete, um in dem vom Krieg gezeichneten Gebäude eines der ersten Berliner Wohnheime für ausländische Gastarbeiterinnen einzurichten. Ein Jahr später wurde dem wachsenden Bedarf an Arbeitskräften aus dem Süden Rechnung getragen, indem auch die ersten beiden Stockwerke zu Wohnquartieren ausgebaut wurden. Seit 1967 wohnten dann insgesamt 193 Frauen, die größtenteils aus der Türkei nach Deutschland gekommen waren, auf dem Gelände der ehemaligen Erziehungsanstalt an der alten Stadtmauer.

Sie wohnten in Mehrbettzimmern, teilten sich Küchen und Bäder und gewöhnten sich ganz allmählich an das Leben in der Fremde. Sie waren Schneiderinnen oder Friseusen, nun standen sie an den Fließbändern der Berliner Elektroindustrie. Doch während die meisten von ihnen all die deutschen Jahre über Arbeiterinnen blieben, die das verdiente Geld in die Heimat schickten, um eines Tages dorthin zurückzukehren, begannen andere, in Berlin Wurzeln zu schlagen, zu studieren, Geschäfte zu eröffnen oder zu heiraten. Was sie jedoch bei alledem einte, war das Gefühl von Heimweh. Ein Gefühl, das auch zweihundert Jahre zuvor schon jener übellaunige Schüler an der Plamannschen Anstalt empfunden hatte, wenn er aus dem Fenster über die Mauer blickte. Der spätere Fürst und Reichskanzler Otto von Bismarck schrieb in seinen Memoiren: »Die Plamannsche Anstalt lag so, dass man auf einer Seite ins freie Feld hinaussehen konnte. Am Südwestende der Königgrätzer Straße hörte damals die Stadt auf. Wenn ich aus dem Fenster ein Gespann Ochsen die Ackerfurche ziehen sah, musste ich immer Weinen vor Sehnsucht nach Kniephof.«

Heute ist aus der ehemaligen Erziehungsanstalt und dem späteren Frauenwohnheim ein Verlagshaus geworden, die SPD gibt in der Stresemannstraße Nummer 30 den Vorwärts heraus. An die bewegte Geschichte des Gebäudes, das inzwischen den Namen »Paul Singer Haus« trägt, erinnert eine kleine Tafel im Hausflur. •

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