Kreuzberger Chronik
März 2012 - Ausgabe 135

Reportagen, Gespräche, Interviews

Von Kindern und Kegeln


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von Horst Unsold

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Inzwischen haben auch Schuldirektoren erkannt: Jonglieren ist mehr als nur ein Sport. Es ist ein Training für Geist und Seele.

Seit einigen Jahren sieht man sie an sonnigen Tagen auf der Wiese am Kreuzberg: Junge Leute, die barfuss, in kurzen Hosen, mit nackten Oberkörpern Körperübungen vollführten, Kegel durch die Lüfte wirbeln lassen, auf Seilen balancieren, auf Händen laufen und die überdimensionalen Zwirnrollen des Diabolos in den Himmel katapultieren. Die jungen Leute, die sich in verschiedenen Sprachen miteinander unterhalten, kommen aus den feuchten Katakomben der Monumentenstraße – einem jener rieseigen, tief unter der Erde liegenden Bierkeller am Kreuzberg, in denen die Brauereien des Kreuzbergs einst ihren Gerstensaft lagerten. Heute befindet sich in den Katakomben der Monumentenstraße Nummer 24 und 23 eine Art Trainingscamp für Jongleure und Artisten.

Katrin wurde auf die Katakomben aufmerksam, als sie ihre Aufnahmeprüfung auf der Hochschule für Artistik in Stockholm machte, wo sich Zirkusbegeisterte einen Titel als »Bachelor« und sogar »Master of Circus Arts« verdienen können. »Jeder kannte die Jonglierkatakomben in Berlin, das war schon damals eine international bekannte Adresse.« Heute unterrichtet Katrin die Katakids, jene Kinder, die früher noch in der Monumentenstraße Räder schlugen und auf Bällen balancierten. Die Kinder fühlten sich wohl im unterirdischen Reich der Keller, aber einige Eltern fanden es in schlicht zu gruftig.

Deshalb trainieren die Kinder jetzt in der Zossenerstraße all das, was für ihre Zirkuskarriere schlicht unerlässlich ist. Katrin, die bei der Turngemeinde in Berlin, auf der Schatzinsel und sogar in einer Grundschule Erst- und Zweitklässler in verschiedenen Zirkuskünsten unterrichtet, trainiert im Juggling Center die Dienstagsgruppe. »Das sind lauter motivierte Kinder, die wissen, was sie wollen. Die kommen und sagen, das ich ihnen endlich die Zündschnur zeigen soll.« Die Zündschnur ist einer dieser so genannten Abfaller, bei denen sich die Artistinnen, die meistens kopfüber an einem Tuch von der Decke oder der Zirkuskuppel baumeln, plötzlich nach unten fallen lassen und erst kurz vor dem Boden wieder in den Schlingen des Tuches verfangen. Paula hängt schon seit einer Viertelstunde da wie ein Faultier und wartet darauf, endlich diesen Trick zu lernen, bei dessen Vorführung ihren Eltern dann hoffentlich für einen klitzekleinen Moment tatsächlich das Herz stehen bleiben soll. Am 18. März wird sie mit ihren kleinen Artistenkolleginnen und -kollegen ihre Kunststücke auf der Schatzinsel vorführen. 60 Kinder werden an diesem Sonntag zum ersten Mal in der Manege eines echten Zirkuszeltes stehen.

Foto: Dieter Peters
Foto: Dieter Peters
Das Programm verspricht Qualität. Schließlich ist der Unterricht im Juggling Center »ganz was anderes« als der Unterricht in der Schule. Zwar lernen auch die Schulkinder in den nachmittäglichen Arbeitsgemeinschaften das, was sie in den vielen Stunden vor den Bildschirmen der Computer gerade wieder verlernt wird: Das Bewegen. Aber im Vergleich zum lauten Sporthallenunterricht herrscht in der Zossenerstraße Stille. Nur ab und zu ist Lachen, ein Kichern oder ein Seufzer der Enttäuschung zu hören. Sie sind erstaunlich leise, diese Kinder mit ihren Tellern, Flowersticks, Reifen oder Kugeln, egal, ob sie auf ihren dicken Wollsocken, in Ballettschuhen oder barfuss durch die Halle laufen. Sie sind fasziniert und konzentriert, jeder Handgriff muss sitzen – nicht nur dann, wenn sie am Trapez hängen und jede Unachtsamkeit zum Absturz führt. Auch später, wenn sie nach 90 Minuten die Geräte wieder wegräumen, sitzt jeder Handgriff.

Auch auf dem internationalen Workshop für Artistiktrainer, der im Februar im Jugglingcenter stattfand, waren die Jongleure konzentriert. Konzentration gehört schlicht dazu, wenn man mehrere Kugeln gleichzeitig hochwirft und auch wieder auffangen möchte. Da kann man keine Witze nebenbei erzählen. Nur Alan kann das. «Vor allem müsst ihr locker bleiben. Es macht es überhaupt nichts, wenn Euch mal etwas runterfällt«, sagt Alan Blim, und wirft seinem Gesprächspartner unverhofft den Ball zu, der prompt herunterfällt. »Es tut nicht weh, wenn ein Ball herunterfällt, also bleibt locker. Ihr müsst verspielt sein, nicht verbissen. Ihr müsst Neues entdecken, nicht in alten Bewegungen stecken bleiben. Das ist der Unterschied zwischen Tanzen und Marschieren. Jongleure tanzen...«

Zu zweit stehen sie sich gegenüber und müssen sich die kleinen roten, weißen, blauen Bälle zuwerfen, zwei, drei, vier von ihnen gleichzeitig. Es gibt Momente, da schwirren dreißig Bälle durch den kleinen Saal mit dem Trapez und den Scheinwerfern unter der Ecke. Sie sprechen Englisch, Spanisch, Deutsch, sie kommen aus Budapest, Prag, Bristol oder Valencia, aus Japan, Irland oder Amerika, und die meisten von ihnen nicht aus der goldenen Mitte dieser Städte und Länder, sondern vom Rand der Gesellschaft. »Zirkus, das war immer außerhalb der Gesellschaft«, sagt Alan Blim, »Artisten standen schon im Mittelalter auf den Marktplätzen, sie waren ständig unterwegs, ständig in Bewegung. Jongleure waren Vagabunden...«

Der Mann, der das sagt, ist Engländer. Er hat Humor, aber er verzieht keine Miene. Die Schüler müssen höllisch aufpassen, damit • ihnen die Pointen nicht entgehen. Nur ab und zu huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Sonst ist er konzentriert, egal, ob er gerade sieben Kegel in die Lüfte aufsteigen lässt oder ob er nach einem geeigneten Wort sucht, um seinen Schülern zu erklären, worum es geht. Im Leben, oder beim Jonglieren.

Foto: Dieter Peters
Alan Blim ist der Chef des Juggling Centers. Er ist in Kenia geboren, in Bristol aufgewachsen und hat in der Nähe von London Wirtschaft und Soziologie studiert, um letztendlich in Berlin zu landen. Jetzt denkt er an Brasilien. Vielleicht, weil ihm die Deutschen zu brav, zu spießig für Zirkusartistik sind. Zwar gab es auch in Deutschland schon in den Achtzigerjahren die ersten Kinderzirkusse, in Köln etwa, wo » es diesen Ökomittelstand halt schon viel früher gab als hier«. Auch die ganzen Waldorfkids mussten natürlich Jonglieren und Balancieren lernen. Die Eltern wussten, wie gut das den Kindern tut. Aber angefangen, sagt Alan Blim, hat das alles woanders: »In Amerika, England, Amsterdam!«

Alan Blim selbst begegnete den fliegenden Kegeln auf der Surrey University in Guildford, 50 km von London. Irgendwann kaufte er sich einen Bus und fuhr nach Deutschland, wo man ihn zu einem Auftritt eingeladen hatte. »Anschließend spielten wir auf der Straße, und da waren dann immer 300 Leute um uns herum!« Eines Tages kam er in die Katzbachstraße Nr. 24. und gründete zusammen mit 30 Kollegen die Jonglierkatakomben. Eine Adresse, die heute Artisten aus aller Welt auf die Sommerwiesen am Kreuzberg lockt. Jetzt ist die Zossenerstraße Nr. 24 hinzugekommen.

Foto: Dieter Peters
Aber Alan will weiter. Er wird mit einem Fuß in Kreuzberg bleiben, aber mit dem anderen wird er weitergehen. Denn Jonglieren hat etwas mit Tanzen zu tun. »Diese braven Eltern, die jetzt hier einziehen und sich beschweren, wenn der Unterricht fünf Minuten später anfängt«, und denen die Katakomben trotz aller Idylle und der spannenden Kulisse dann doch »ein bisschen zu kalt für die Kinder« sind, das sind nicht die, für Alan die Kegel hochwirft. Alan jongliert aus Überzeugung. Für ihn ist Jonglieren »das Leben im Moment.« Und damit das Leben überhaupt. •


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