Kreuzberger Chronik
Juni 2012 - Ausgabe 138

Kreuzberger
Lilo Rudolph

Das werde ich nie vergessen


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von Herbert Witzel

Titelfoto: Privatarchiv

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Als der Krieg nach Breslau kam, war Lilo acht Jahre alt. „Plötzlich waren die Häuser nicht mehr da, nur noch Ruinen, und es roch überall nach Rauch. Das war unheimlich“. Lilo Rudolph hat diesen Geruch nie wieder vergessen.

Die Mutter brachte sie nach Tschammendorf, sie selbst blieb in Breslau und ging weiter in der Schneiderei zur Arbeit. Nur am Wochenende sahen die Kinder ihre Mutter, bis eines Sonntagabends auch der Weg nach Breslau versperrt war: Man hatte die Stadt zur Festung erklärt worden.

Aber der Krieg ließ sich nicht aufhalten. Er kam bis nach Tschammendorf. Zuerst drang nur das Brummen der Motoren von der Autobahn herüber, und „die Leute standen an der Straße und haben gehorcht und gerätselt“, was das wohl sein könnte. „Das sind die russischen Panzer!“, sagte Lilo. Woraufhin die Mutter ihr eine Ohrfeige verpasste, weil ihre die Tochter zu vorlaut war. Aber Lilo hatte Recht: „Wenig später saßen wir dicht zusammengedrängt in der dunklen Wohnstube und beobachteten die Soldaten durchs Fenster. Die Toilette war auf dem Hof, und wir haben uns vor Angst regelrecht in die Hosen gemacht. Meine Mutter musste ständig mit mir auf die Toilette.

Auf einmal wurde die Tür aufgerissen und ein russischer Soldat steht vor uns. Ich hab mich an meine Mutter geklammert, und da hat er uns in Ruhe gelassen. Und dann haben wir eine Woche lang im Kartoffelkeller beim Bauern gesessen. Eine Woche lang so dicht nebeneinander auf den Kartoffeln!“

Irgendwann haben die Deutschen das Dorf zurückerobert. Was auch nicht besser war. Die Mutter trat mit den Kindern die Flucht an, die russischen Tiefflieger schossen, im Schnee lagen die Soldaten, russische und deutsche, „hier hast du einen Arm im Schnee gesehen, da ein Bein. Und im Wald hatte sich der Bürgermeister an einem Baum aufgehängt. Der war ein Nazi gewesen.“

In Braunau kletterten sie auf einen Güterzug, Lilo sah, wie eine Mutter ihr erfrorenes Baby aus dem Zug warf. Lilo war schockiert. Sie durchquerten die Tschechoslowakei, näherten sich der österreichischen Grenze, lebten in einem Schloss. Als die Amerikaner kamen, wurden sie in der Bahnhofshalle einquartiert, später in notdürftig eingerichteten Baracken, bis sie endlich in einem Flüchtlingslager in Esslingen landeten.

Doch die Odyssee war noch nicht vorüber. Ständig zog die Familie von einem Zimmer in ein anderes, von einem Haus ins nächste, einem Ort zum anderen, und Lilo war schon 29 Jahre alt und hatte 2 Kinder, als sie 1963 endlich nach Berlin kam, „mit Wandbett, Kühlschrank, Radio, Hartmut und Udo“. Diesen Kindern, von denen sie nicht einmal genau wusste, woher sie kamen. Sie hatte sich gewundert, als der Bauch plötzlich immer dicker wurde. Fünf Kinder brachte sie im Lauf der Jahre zur Welt. Zehn hatten es werden sollen. Lilo hatte immer von zehn Kindern geträumt.

Berlin war ihr zerstört. Sie mochte diese große Stadt nicht, sie war nur der Liebe wegen gekommen. Doch die Liebe hielt nicht, was sie versprach. Die Hinterhofwohnung war dunkel, und der Mann, den sie liebte, jeden Abend betrunken. Irgendwie war noch immer im Krieg. Sie wollte zurück. Nach Esslingen. Da hatte sie vom Fenster aus auf eine grüne Wiese blicken können. Doch dann kam Marion, das dritte Kind. Und Lilo blieb in Berlin. Seit zwanzig Jahren schon wohnt sie in der Ritterstraße.

Die Männer an ihrer Seite brachten kein Glück. Sie waren Frisöre, Bauarbeiter, kleine Angestellte. Einer war sadistisch, der andere ein Lügner, der dritte ein „notorischer Fremdgänger.“ Und alle zusammen waren „Trunkenbolde“. Sie rochen nach einer Mischung aus Odol, Bier, Zigaretten und billigem Parfum. „Ich hab einen Magnet für Trinker in der Tasche“, murmelt Lilo.

Sie haben die Flaschen immer gut vor ihr versteckt. Sie verstanden es, ihren Hang zum Alkohol zu verbergen, und wenn Lilo dahinter kam, schworen sie der Geliebten, für immer aufzuhören. Sie haben es probiert, ehrlich probiert, aber sie wurden immer wieder rückfällig. Einer von Ihnen hielt zwei ganze Jahre durch – genau so lange, bis Lilo ihn erhörte und ihm die Hand reichte fürs Leben. Auf dem Standesamt sagte er: „Na als Bräutigam darf ich ja wohl mal ein Bier trinken.“ Und damit fing alles von vorne an. Und weil er das ganze Geld durchbrachte, hat sie auch ihn eines Tages vor die Tür gesetzt. 1989 war das, kurz, bevor die Mauer fiel.

Seitdem ist alles anders, Lilo ist allein geblieben seitdem. Die Männer kümmern sie nicht mehr. Aber um ihre Kinder kümmert sie sich noch. Vor allem um Hartmut. Hartmut, ihr Großer, ist ihr ans Herz gewachsen. Hartmut war anders als die Geschwister. „Es fing an bei der Konfirmation. Aber da ich keine Ahnung hatte, habe ich auch nicht so darauf geachtet. Da hieß es immer Junge, jetzt geht`s ins Leben, jetzt bist Du Vierzehn! Hartmut ist dann immer heimlich an den Kühlschrank gegangen. Jedes Mal sah er komischer aus, wenn er wieder ins Wohnzimmer kam.“

Hartmut, der Älteste, trank. Als es zum Streit zwischen dem Stiefvater und dem Sohn kam, setzte der Stiefvater ihn kurzerhand vor die Tür. „Hartmut hatte keine Schuld an dem Streit. Aber er hat halt damals schon ziemlich an der Flasche gehangen.“

Lilo trennte sich auch von diesem Vater und zog von Charlottenburg nach Kreuzberg. In der Nähe ihrer Wohnung besorgte sie Hartmut ein Appartement, sie wollte den Sohn in ihrer Nähe haben. Aber dann ging es erst richtig los. „Einmal“, erinnert sie sich, „hat er an der Wohnungstür geklingelt, und als ich durch den Spion gucke, sehe ich nur Blut. Ich dachte nur: Du lieber Himmel! Aber später dachte ich mir, dass er sich vielleicht nur verletzt hat, damit ich ihn reinlasse. Ich weiß es nicht. Ich habe ihn verarztet und ihm fünf Mark gegeben. Dann ist • er wieder abgehauen. Alles solche Tricks, die er hatte! Aber ich hätte ihn zu jeder Zeit reingelassen, ich bin doch seine Mutter.“ Aber einmal, als Hartmut wieder einmal betrunken bei ihr vor der Tür stand, habe sie Angst gehabt, „richtige Angst! Er stand vor mir und hat die Hand gehoben. Da habe ich zu ihm gesagt: Hartmut, wenn du zuschlägst... - überleg dir das! Dann bist du nicht mehr mein Sohn und ich bin nicht mehr deine Mutter.“

Lilo erlebte mit Hartmut mehr Tiefen als Höhen, manchmal sah sie ihn monatelang überhaupt nicht. „Aber wenn er betrunken war, hat er mir immer Blumen mitgebracht.“ Und dann kam der Tag, als Lilo die Katzen in der Wohnung ihrer Tochter Monika füttern sollte. Sie lief von der Köthener Straße zum Südstern. Da sah sie den Erstgeborenen im Park liegen. „Ich wusste ja nicht, dass er keine Wohnung und keine Arbeit mehr hatte. Das hatte er mir nicht gesagt.“ Zu dem Park ging sie öfter, nach ihrem Sohn sehen. „Einmal hat er gewunken, dann wieder so getan, als ob er mich nicht sieht. Das hat mir ziemlich wehgetan.“

Zwei Monate später klingelte Hartmut bei der Mutter und fragte, ob ihr Angebot noch gelte. Ob sie ihm zur Seite stünde. Lilos Angebot galt noch. Sie begleitete den Sohn zum Sozialamt, und Hartmut bekam eine Unterkunft im Männerwohnheim. Getrunken hat er trotzdem weiter. Er war schon 34 Jahre alt, als er sich endlich entschloss, sich vom Alkohol zu trennen und Hilfe in einer Gruppe zu suchen. „Und da bin ich auch das erste Mal mitgegangen“, erinnert sich Lilo. „Das werde ich nie vergessen.“

Was sie ebenso wenig vergessen wird, sind die ernsten Worte des Arztes, der Hartmuts Wunden behandelte, damals, in Esslingen, als Hartmut noch ganz klein war. Der Arzt war es, der Lilo Rudolph darauf aufmerksam machen musste, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmte. Dass sich der Junge diese Verletzungen unmöglich selbst zugezogen haben konnte. Nur allmählich verstand sie, dass der Vater den Jungen quälte, sobald sie in die Spinnerei zum Arbeiten ging. Acht Jahre blieb sie daraufhin mit dem Sohn allein. Dann kam ein anderer Mann.

Jeden Dienstagabend geht Hartmut in die Familiengruppe der Alkoholikerhilfe in der Marthakirche. Auch seine Mutter kommt oft mit, hilft an den Sonntagen in der Küche aus, wenn im Hof Grillpartys gefeiert werden. Oder sie fährt mit, wenn die kleine Gemeinde einen Ausflug ins Umland unternimmt. Zehn Kinder sind es nicht gewesen– aber eine ewige Mutter ist Lilo Rudolph dennoch geworden. •

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