Kreuzberger Chronik
Juni 2012 - Ausgabe 138

Herr D.

Der Herr D. und die Heimatlosen


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von Hans W. Korfmann

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oder

Vom Sittenverfall in Kreuzberger Häuser


Der Herr D. sah die Nachbarin aus dem Vierten mit unverholener Neugierde an. “Ich habe gehört, die aus dem Dritten ziehen aus. Möchte nicht wissen, was die bekommen haben!”, sagte sie. “Ich schon!”, sagte der Herr D. “Die wollen sogar ne Abschiedsfete feiern!”

“Das möchte ich sehen!”, sagte der Herr D. “Es hat sich doch noch keiner richtig verabschiedet bis jetzt. Die haben sich alle heimlich davongeschlichen. Von wegen, wir lassen uns hier nicht rauskaufen und so...”

Aber sie ließen sich rauskaufen. Denn es ging nun schon seit zwei Jahren so. Seit das Haus in die Hände der Investoren gefallen war. Arbeitskolonnen kamen und gingen, es wurde ein- und um- und ausgebaut, Farbtöpfe wurden über Autos entleert, die Wände beschmiert, von den Stiegen im Treppenhaus hatte man das Linoleum herausgerissen, und überall stank es nach Pisse, weil die Haustür sich nicht mehr schließen ließ. Das Hoffest war schon zum zweiten Mal ausgefallen, weil der Hof ein Schuttabladeplatz geworden war, und weil die Arbeiter die Sträucher und Bäume, die von den Mietern eigenhändig gepflanzt worden waren, alle herausgerissen hatten. Und letzte Woche wurde eingebrochen. Zum ersten Mal seit 90 Jahren.

Aber nicht nur das Haus verkam. Es verkamen auch die Menschen, die darin wohnten. Die Gesellschaft löste sich aus. Diese kleine Hausgemeinschaft, dieser funktionierende Mikrokosmos, brach zusammen. Einer nach dem anderen zogen sie fort, und auch die, die noch da waren, gehörten schon nicht mehr zusammen. Sie waren plötzlich alle heimatlos, Menschen auf der Flucht und auf der Suche, jeder für sich. Es gab kein gemeinsames Dach mehr, sie begannen einander zu misstrauen, heimlich wurden Geschäfte gemacht, und man begann, hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln.

“So ungefähr”, sagte der Herr D. zur Nachbarin aus dem Vierten, “muss es damals auch gewesen sein, wenn Juden im Haus wohnten.”

Die Nachbarin nickte. Da kam die Frau aus dem Dritten. “Ich habe gehört, dass ihr auszieht?”, sagte der Herr D. “Nach Schöneweide!”, sagte die aus dem Dritten. “Von Kreuzberg nach Schöneweide? Das ist aber schon ein Quantensprung, oder?”

“Wir waren jetzt zwanzig Jahren lang im Westen. Das reicht. Jetzt will ich wieder nachhause” – “Na”, sagte die Nachbarin aus dem Vierten, “so schlecht wars doch hier auch nicht, oder“ -“Hmm...”, brummte die aus dem Dritten.

“Was habt Ihr denn als Ablöse bekommen?”, fragte der Herr D.

“Das sagen wir nicht”, sagte die aus dem Dritten.

“Das finde ich aber ganz schön unsolidarisch”, sagte der Herr D.

“Hier gibts doch eh keine Solidarität”, sagte die aus dem Vierten. Und ging dahin zurück, wo sie hergekommen war. •


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