Kreuzberger Chronik
Juli 2012 - Ausgabe 139

Kreuzberger
Roland C. Stegemann

Ich kündige


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von Hans W. Korfmann

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Es gibt Tage im Leben von Menschen, an denen ändert sich plötzlich alles. Für Roland C. Stegemann war es der 16. Oktober 2004. Er hatte in der sonnigen Küche gesessen, Kaffee getrunken, Zeitung gelesen, Zigarette geraucht wie an jedem anderen Morgen auch. Am Nachmittag fuhr er nach Potsdam in die Seerose, wo der Prinz von Preußen ihn zum Geburtstag eingeladen hatte. Auch dieser Nachmittag war unauffällig, nichts deutete darauf hin, dass sich etwas ereignen könnte, das diesen Mann noch einmal aus der Bahn schleudern könnte.

Der Anruf kam am späten Nachmittag. Er flüchtete zuerst in die Kneipe und dann in sein Atelier. Er fand keinen Schlaf, keine Ruhe mehr. »Ich habe acht Jahre lang gearbeitet. Die meisten davon in einem lichtscheuen Souterrain der Schenkendorfstraße.« Es gab kurze Momente des Glücks, wenn etwas fertig wurde, ein Bild, eine Skulptur. »Aber im nächsten Augenblick interessierte mich das schon nicht mehr.« Er musste schon im nächsten Moment wieder weitermachen, weiter sägen, schrauben, malen, bis zur Erschöpfung, acht Jahre lang, unermüdlich. Und kaum einer sah, was er da machte. Der Künstler, der seine Werke auf Ausstellungen in Montreal und St. Moritz gezeigt hatte, der anlässlich des 800jährigen Jubiläums des Hamburger Hafens vor Tausenden von Schaulustigen einen 360 Meter langen Bilderbogen im Hafenbecken installiert hatte, der drei Tonnen Farbe geschluckt hatte, dieser Mann zog sich plötzlich aus der Öffentlichkeit zurück. Roland C. Stegemann steht in seinem Atelier, umgeben von einem Roller aus Holz, der androgynen Figur des Mercurius, der kleinen, noch unfertigen Skulptur eines Jungen, die er auf eine Sackkarre gestellt hat. Er hat versucht, einen roten Faden durch diesen Zyklus zu ziehen. Er hat immer an einen roten Faden geglaubt. Bis zum 16. Oktober war das Leben eine Aneinanderreihung von Kausalzusammenhängen gewesen. Erklärbar. Eine Geschichte, die einen Anfang und ein Ende hatte.

Es war in einer Höhle auf Fuerteventura, wo er den Faden der Ariadne entdeckte, der sich auch in den finsteren Kapiteln des Lebens nicht verlor. Er hatte sich in eine Höhle am Meer zurückgezogen. »Ein Freund ließ mir Wasser und Lebensmittel an einem Seil herunter. Ich malte und malte, aber dann kam der Schirokko, dieser Wüstenwind aus Afrika, und legte einen gelben Schleier aus Sand auf die Bilder.

Malen hatte keinen Sinn hier, also bat ich meinen Freund, mir Stift und Papier zu besorgen. Und dann begann ich, mein Leben aufzuschreiben, rückwärts.« Er tastete sich von Fuerteventura zurück in seine Vergangenheit. Schreibend fand er den roten Faden, am Ende passte alles zusammen. Glücklich zerriss er alle beschriebenen Seiten in kleine Schnipsel und streute sie ins Meer.

Foto: Privat
Foto: Privat
Schnipsel von 1940, wo er in Zernsdorf am See geboren wurde. Schnipsel von der Kindheit im Osten, vom »Organsisieren« und vom »Hamstern. Schnipsel vom »Kopftausch«, der ihnen die Ausreise in den Westen erlaubte. »Weil sich in der Verwandtschaft tatsächlich ein überzeugter Kommunist fand, der unbedingt vom kapitalistischen Westen in das Arbeiter- und Bauernparadies ziehen wollte.« Und Schnipsel, auf denen stand, wie er vom See in Königs Wusterhausen an den Tegeler See kam, und wie auch dort nach dem Regen die Wälder so gut dufteten.

Er schrieb von seinem Vater, dem Kinoreklamemaler. »Ich bekam Freikarten für sämtliche Kinos in der Nähe, das war wunderbar.« Aber der Geruch der Farben, die der Vater noch mit Eiern anrührte, störte. »Es dauerte keine zwei Stunden, und die Brühe stank wie die Hölle. Also habe ich beschlossen, Tischler zu werden. In den Schreinereien roch es nach Wald.« Was dazu führte, dass die Korrespondenz zwischen dem Vater und dem untreuen Sohn für einige Jahre zum Erliegen kam.

Es dauerte auch einige Jahre, bis der Sohn dann doch noch zu den Farben griff. Die goldenen die Sechzigerjahre waren angebrochen, aus dem Tischler wurde ein Ingenieur und ein Architekt, und in ganz Deutschland wurde gebaut, Häuser, Straßen, Autobahnen. Und weil die Deutschen dringend diese Maschinen brauchten, mit denen die Amerikaner endlose Highways planierten, implantierten sie in die amerikanischen Benzinschlucker Dieselmotoren von Mannesmann und verkauften die US-Scraper für 600.000 Mark das Stück. 1965 hatte er das erste Autotelefon in seinem Citroen Pallas, traf sich mit Freunden im Heidelberger Shams und fuhr mit ihnen auf den leeren Straßen Autorennen. Wer als letzter in dem Frankfurter Lokal mit dem Türsteher und den schönen Damen ankam, musste bezahlen. Für alle. »Und ich gehörte damals nicht gerade zu den Verlierern.«

Während eines Zehn-Gänge-Menüs in Oberstdorf aber drehte er sich plötzlich zu seinem Chef um und sagte: »Brodersen: Ich kündige.« Brodersen sah ihn ungläubig an. »Ich kann mich selbst nicht mehr hören! Ich will nicht mehr verkaufen.«

Er solle sich das noch mal überlegen, sagte Brodersen, aber der junge Mann überlegte nicht mehr: Er fuhr an den Bodensee, kaufte sich ein paar Jeans, warf seinen teuren Anzug in einen Gebirgsbach, zerbrach die Brille mit dem schwarzen Rahmen und dem Fensterglas, die er bei den Verkaufsgesprächen aufsetzen musste, um seriöser zu wirken, und zerriss die Schlipsliste, die er immer bei sich hatte, damit er bei einem Kunden nicht zwei mal mit der gleichen Krawatte auftauchte – und machte Urlaub.

»Einen Monat lang hab ich nix mehr geredet. Nur noch mit der Wirtin und im Lokal beim Bestellen. Ich konnte mich tatsächlich nicht mehr hören!«
Doch dann kam der Winter, er musste weiter, über die Alpen, nach Süden. Die Schnipsel der Seiten, die von Cannes erzählen, gehören zu den wichtigsten im Lebenspuzzle des Roland C. Stegemann. Denn als er über die berühmte Croisette spazierte, traf er einen Maler aus Berlin, der den Sommer über in einem Haus im Süden wohnte und Bilder verkaufte, und im Winter in einer großen Altbauwohnung am Mehringdamm über dem Café Wöller saß und malte. Er war es, der den jungen Mann aus Tegel in die Weltlaterne, den Leierkasten und die Malkiste entführte. Bei ihm begann er, wie sein Vater zu malen, mit ihm veranstaltete er auf einem Ruinengrundstück in der Nähe der Fuggerstraße den 1. Berliner Bildermarkt. So wurde aus dem Sohn des Malers ein Maler.

Doch jetzt müsste er sein Leben noch einmal neu aufschreiben. Aber er weiß nicht, ob er den Faden noch einmal wieder findet. Den Faden, den er 1978 auf Fuerteventura fand, und den er am 16. Oktober 2004 wieder verlor. Als er dieses Gestammel seiner Frau am Telefon hörte, aus dem er erst gar nicht schlau wurde. Als das alles plötzlich keinen Sinn mehr ergab. Als ihn das Bild des zerstörten Autos sah, als er zwischen einem Artikel über »Ritterferien in Dahlenburg« und einem Bericht über einen CDU-Politiker von einem »schweren Unfall« las, dass das Auto »gegen einen Baum prallte«, und dass der »16-jährige Beifahrer im PKW getötet« wurde.

Wenige Tage später stand er am Grab des Sohnes. Er hatte einen Baumstumpf gefunden, in den er ganz dezent -so, als drohe es zu verschwinden -ein schlafendes Gesicht schnitt. Er hat dem Sohn hundert Briefe geschrieben nach seinem Tod, »all das, was ich immer noch hatte sagen wollen, wozu ich aber nie kam, weil wir immer so viel Spaß hatten, weil wir immer nur herumgeblödelt haben. Weil ich mir immer gedacht habe, das hat Zeit bis später.« Aber diese Zeit kam nicht mehr. Der rote Faden, an dem das Leben hing, zerriss.

Jetzt steht er da, zwischen seinen Bildern und Installationen. Lauter Vergangenheit. Zwei Jahre hatte er gebraucht, um drei Tonnen Farbe im Hamburger Hafen zu verarbeiten. Dieses Mal hat es acht Jahre gedauert. Nur eine Skulptur ist noch unvollendet: Sie steht auf einer Sackkarre, die niemand anschiebt, von der niemand weiß, wohin sie geschoben wird. Da stehen schon die Turnschuhe und die Jeans eines Jungen. »Conny«, sagt Stegemann. Er wird fertig sein, wenn sie demnächst »Geburtstag« feiern. Weil das Jahr 2012 das Jahr des Drachens ist. Und weil Conny und sein Vater im Zeichen des Drachens geboren wurden. Und dann wird er seine Werkstatt entrümpeln und die Arbeiten aus der Dunkelheit des Souterrains der Schenkendorfstraße herausholen und sie ausstellen.

Verkaufen wird er nichts. Nur eine Versteigerung soll es geben. Für die Kinder der Gelben Villa. Damit wenigstens die Spur eines noch ganz dünnen, roten Fadens erkennbar wird – in dieser wirklich sinnlosen Geschichte. •

Foto: Dieter Peters

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