Kreuzberger Chronik
Juli 2012 - Ausgabe 139

Briefwechsel

Schwarz-Weiß-Malerei


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von Peter M. Böhme

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Peter M. Böhme zu »Mein bester Feind« in der Ausgabe 137

Sehr geehrte Redaktion,
ich muss an dieser Stelle doch eine Anmerkung loswerden zum zehnten Briefwechsel zwischen Frau Neumann und Herrn Frings: Glaubt Frau Neumann tatsächlich, dass, wenn im Ärztehaus Praxen leer stehen und Restaurants wieder geschlossen haben, der Eigentümer »sicheren Gewinn« mit der Immobilie macht? Woher sollte dieser denn stammen, wenn nicht aus Vermietung und Verpachtung?

Was mich daran ärgert ist diese Schwarz-Weiß-Malerei, die sich als Grundtenor auch durch Ihre Hefte zieht: Alles Neue ist schlecht, Investoren sind böse und kassieren ohne Risiko sicheres Geld. So einfach ist es tatsächlich nur in den Kindermärchen.

Ich lese die Kreuzberger Chronik mit gemischten Gefühlen - aber regelmäßig. Die Texte zur Geschichte von Menschen, Häusern und Straßen interessieren mich. Allerdings nehme ich immer wieder - teils direkt formuliert, teils zwischen den Zeilen - den Widerstand gegen Veränderung wahr. Aus meiner Sicht gipfelte das in dem Bericht über das neue Geschäft in der Arndtstraße: Sexy Mama.

Warum wird der Verlust einer Kneipe betrauert, der Neuzugang eines Geschäfts aber bedauert? Natürlich ist dieser Wechsel ein Indikator dafür, dass sich in diesem Kiez die Klientel ändert. Dennoch ist vom Grundsatz her auch jeder Neu-Kreuzberger ein Kreuzberger. Wir sollten diesen willkommen heißen und die Chance, die sich durch den stetigen Wechsel bietet, annehmen. Stillstand kann die Lösung nicht sein. Ob eine Veränderung gut oder schlecht ist, zeigt sich doch darin, wie diese von den Menschen angenommen wird. Da bedarf es dann keiner Vor-Verurteilung neuer Lifestyle-Geschäfte in Ihren Texten. - Mit freundlichem Gruß, Peter M. Böhme


Sehr geehrter Herr Böhme,
ich werde Ihren Brief gerne an Frau Neumann weitergeben.

Aus redaktioneller Sicht muss ich Ihnen allerdings schon jetzt widersprechen. Herr Frings vertritt in der Regel die Gegenposition -und damit auch Ihre. Wir achten immer darauf, beide Fraktionen zu Wort kommen zu lassen. Wir gestatten uns lediglich, eine Meinung dazu zu haben.

Sie haben aber Recht, wenn Sie vermuten, dass wir nicht daran glauben, dass alles, was neu und vermeintlich fortschrittlich ist, deshalb automatisch auch gut und ein Segen für die Menschheit ist. Es gibt viele historische Beispiele für Fehlentwicklungen, die uns immer wieder daran erinnern sollten, jeden Schritt in die Zukunft gewissenhaft zu überdenken. Auch in der Architektur und der Stadtplanung.

Wir gehören deshalb nicht zu der Fraktion, die alles Alte gut und alles Neue schlecht findet. So wie wir nicht per se an den Fortschritt glauben, zweifeln wir auch an der Fehlerlosigkeit des Status Quo. Was aber die Investoren angeht, die in unserem Viertel unseriöse Geschäfte machen, so muss man schlicht schwarz sehen!

Mit freundlichen Grüßen, Hans W. Korfmann

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