Kreuzberger Chronik
Juli 2012 - Ausgabe 139

Legenden der 60er

Mühlenhaupt und die heilenden Bilder


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von Alf Trenk

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Foto: Alf Trenk
Man täte ihm unrecht, reduzierte man ihn auf seine Malerei. Kurt Mühlenhaupt war ein Gesamtkunstwerk, bestehend aus Trödler, Maler, Leierkastenmann, Geschichtenerzähler, Kneipier, Sozialutopist und Sammler. Der richtige Ort und die richtige Zeit fügten diese unterschiedlichen Dinge zusammen. Die härteste Aufbauphase war überwunden, der Nachkriegsgesellschaft stand wieder der Sinn nach lebensverschönernden Dingen. Nach Kunst zum Beispiel, und einem Künstler zum Anfassen, der den erlebnisarmen Bürger in seine Welt mit einbezog. Körperlich und seelisch angeschlagen war er 1946 aus der Kriegsgefangenschaft gekommen. Beim Malen auf den Rieselfeldern hatte ihn Karl Hofer entdeckt und ihm zu einem Studienplatz an der Hochschule für Bildende Kunst verholfen. Ein alter Traum schien erfüllt, aber das machte ihn nicht glücklich. Er hungerte, war menschenscheu geworden, fand keinen Kontakt zu den besser gestellten Kommilitonen. Nach einem Intermezzo bei Schmitt-Rodtluff und zwei Jahren bei Maximilian Debus stellte ihm der die Frage, für wen er eigentlich malen wolle? Kurt notiert die Szene im Tagebuch: »Ich möchte ein großer Maler der Liebe werden.«

»Das ist doch kein Stil!«, sagte mein Meister. »Nein«, sagte ich, »das ist ganz anders. Ein neuer Stil ist erkennbar, wenn er auch den Menschen verändert. Ich möchte, daß ein neuer Mensch entsteht, in dem die große Liebe untereinander in den Vordergrund rückt.« Kurz darauf verlässt er die Kunsthochschule und fällt in eine schwere Nervenkrise. Einige Jahre lang verdient er sein Brot als Schalenbimmler, Leierkastenmann und Händler mit altem Trödel. Der bringt soviel ein, dass es zum Erwerb eines kleinen Werkstatthauses reicht. Die Kreuzberger Künstler machen es rasch zur Stätte ihrer Diskussionen, Feste und Trinkgelage. Als ihm das zuviel wird, verlegt er das Treiben in eine ramponierte Arbeiterkneipe, den »Leierkasten«. Die früheren Gäste aber, die Fabrikarbeiter, zu denen er Kontakt sucht, bleiben aus. Nach abstrakten Malversuchen aus Protest gegen den Nazi-Realismus besinnt er sich wieder auf sein humanistisches Ziel und malt - Kunst hin, Kunst her - so, »dass die Leute was mit anfangen konnten«. Erste Erfolge stellen sich ein: Befreundete Ärzte verschreiben depressiven Patienten ein kleines Mühlenhaupt-Bild - einzulösen für je 7,39 Mark beim Maler. Wer die Therapie befolgte, besitzt heute ein kleines Vermögen. •


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