Kreuzberger Chronik
Februar 2012 - Ausgabe 134

Strassen, Häuser, Höfe

Die Oranienstraße Nr. 64


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von Werner von Westhafen

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Das Haus von damals steht nicht mehr. Doch die Lieder und Melodien, die hier einmal entstanden, sind geblieben.

Die Hausnummer 64 in der Oranienstraße war den Berlinern ein Begriff. Selbst die Pferde der Droschkenkutscher fanden es im Schlaf, und die Postboten sprachen noch jahrelang von jenem 7. November, an dem sie über 3.000 Briefe in die Oranienstraße befördern mussten. Hier befand sich der Wohnsitz eines Mannes, der »zum berühmtesten Berliner neben seiner Majestät Kaiser Wilhelm II. geworden war« - schrieben die Zeitungen.

Der Postempfänger war ein »echter Berliner« – was eine hohe Auszeichnung war, da schon damals streng unterschieden wurde zwischen den »jeborenen« und den »jelernten« Berlinern. Dieser Mann aber wurde 1866 in der Holzgartenstraße als Sohn einer gleichfalls echten Berliner Hilfsnäherin geboren, in der Jacobikirche getauft, und in der Adalbertstraße sowie der Eisenbahnstraße wuchs er auf.

Dennoch findet er seinen Weg, lernt das Geigenspiel, übt heimlich Schlagzeug, Horn und Klavier. Eines Tages nehmen zwei Musiker eines Militärorchesters, die zur Untermiete bei der Witwe wohnen, den Jungen als Ersatz für einen erkrankten Fagottisten mit. Seine erste Anstellung findet er am Central-Theater in der Alten Jakobstraße, später dirigiert er im Belle-Alliance-Theater mit über 1.000 Plätzen und einem großen Garten, der jetzt gleich hinter der Kaserne des Garde-Dragoner-Regiments an der Ecke zur neu angelegten Yorckstraße liegt. Am Pfingstsamstag des Jahres 1893 sitzen dort, »eingeklemmt zwischen zwei Pärchen«, zwei Herren, um sich den Dirigenten genauer anzusehen. Wenige Tage später überreden sie ihn, von der Yorckstraße an das Apollo-Theater in die Friedrichstraße zu wechseln. Der unaufhaltsame Aufstieg beginnt, er erhält Angebote aus aller Welt, das Pariser Folies-Bergére steht ihm offen. Doch er bleibt in Berlin.

Paul Lincke hängt an seinem Viertel, seiner Straße. Sie ist seine Heimat. Ein Leben lang bleibt er den fünf Zimmern in der Oranienstraße treu, obwohl die Prominenz in der Stadtmitte residiert, und obwohl man ihm Villen am Wannsee anbietet. Als die Sängerin Ellen Sousa bei ihm einzieht, probt er weiter an seinem Flügel im großen Musikzimmer - obwohl nebenan der neugeborene Sohn schreit. Auch den Musikverlag richtet er nicht Unter den Linden ein, sondern in den großen Räumen im Erdgeschoss der Nummer 64. Trotz abwegiger Lage ist der Apollo-Verlag ein florierendes Unternehmen, in den hohen Regalen lagern nicht nur Noten, Partituren und Texte eigener Werke, sondern auch Arbeiten anderer Komponisten. Mit sicherem Gespür kauft er ganze Verlage auf oder erwirbt die Rechte für den Walzer eines unbekannten Komponisten, der als »Berliner Sportpalast-Walzer« prompt ein Welthit wird.

Der Verlag
Der Musiker
Weniger Gespür beweist Lincke im Umgang mit den Frauen. Eine von ihnen stürmt während einer Vorführung in Paris auf die Bühne, um ihn zu ohrfeigen, eine andere packt, als er durch Süddeutschland tourt, heimlich Kind und Kegel aus der Oranienstraße Nr. 64. Er ist bereits über vierzig, als er sich in die 17jährige Lilly verliebt. Sie reisen nach Paris, Nizza, Ägypten, aber als er sie eines Tages samt den im Zimmer verstreuten Kleidern in einen Schrank schiebt, nur weil ein wichtiger Gast vor der Tür steht, ist auch diese Geschichte zu Ende. So zumindest berichtet es das Tagebuch von Frau Neuhaus, der Haushälterin, die dem Komponisten immerhin vier Jahre lang die Treue halten konnte.

Sie wohnte »nur wenige Minuten« von der 64 entfernt, erledigte auf dem Weg zu ihrem Arbeitgeber die üblichen Besorgungen, »Bäcker, Milchhändler, Zeitungsstand«. »Gegen halb elf klingelte Herr Lincke und verlangte Frühstück...«, zu Mittag verließ er das Haus, um »in das nahegelegene Lokal von Gruban und Souchay an der Ecke Prinzenstraße zu gehen«. Abends spielte er Skat – nicht ohne zwischen Kontra und Re aufzuspringen, um einen Stift aus der Jacke zu ziehen und ein paar Noten zu notieren.

Frau Neuhaus´ Aufgabe war es, mit dem Staubwedel durch den »langen Korridor« zu gehen und durch das lilafarbene Schlafzimmer mit dem großen, »eleganten Betthimmel« zu wedeln. Der Salon war in Mahagoni, die Wände mit »schweren, roten Schleifen aus Rips, Moirée und Sammet«, das Arbeitszimmer aus schwarzer Eiche. »Es war nicht ganz einfach, eine gründliche Generalreinigung zu besorgen, denn wir durften an seinem Schreibtisch nichts aufräumen. Er ließ den Staub seines Arbeitszimmers fürwahr historischen Wert erreichen.«

Im Juli 1943, als immer mehr Bomben vom Himmel fallen, folgt der Komponist einer Einladung nach Marienbad, wo er die »Frau Luna« dirigieren soll. Viele der originalen Noten lässt er in seinem Tresor in der Oranienstraße zurück. Als er heimkommt, gibt es die Nummer 64 nicht mehr. Er hat es erwartet. Schon wenige Monate später stellt der Arzt eine Lungenentzündung fest. Man möchte den Kranken auf eine Bahre legen, aber er besteht auf den aufrechten Gang. Er zieht ein weißes Hemd über, wählt eine passende Krawatte, steckt sich eine Zigarette an, grinst und und sagt: »Wenns schon sein muss – mit nem bisken Dampf jehts besser.« Es sind seine letzten überlieferten Worte.

Die Nachricht seines Todes ging um die Welt. Vielleicht hörte er sie. Schließlich war es eine seiner liebsten Beschäftigungen, stundenlang vor dem Weltempfänger zu sitzen, wo alle zwanzig Minuten eines seiner Lieder gespielt wurde. Als ein Brüsseler Sender anlässlich seines Geburtstages ein Konzert »Zum Todestage des Komponisten« ankündigte, schrieb Lincke aus dem »Himmel, Venus-Ecke Milchstraßen-Allee: Ich finde es reizend, dass Sie (...) meines Geburtstags so herzlich gedenken. Da Petrus einen Rundfunkempfänger hat, werde ich auch weiter mit Vergnügen meine Musik hier oben mit anhören...«•

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