Kreuzberger Chronik
Februar 2012 - Ausgabe 134

Geschichten & Geschichte

Krawalle am Moritzplatz


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von Michael Unfried

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Mieterproteste gibt es nicht erst seit der Invasion gieriger Investoren. Sie gehören zur Geschichte Kreuzbergs.

Das Haus mit der Nummer 64 war ein berühmtes Haus. Nicht nur jenes Musikers wegen, der das Lied von der Berliner Luft erfand, sondern auch wegen eines pfiffigen Kneipenwirtes, der das Haus bereits drei Jahre vor der Geburt des Operettenschreibers in die Schlagzeilen brachte, weil er beinahe eine Revolution angezettelt hätte.

Es war die Zeit, als die erste Berliner Mauer noch stand: Die von Schiffern, Handelsreisenden, Kriminellen und anderen unerwünschten Eindringlingen gefürchtete Akzisemauer, die den Stadtkern von den Siedlungen der Vorstädter abgrenzte. Bereits 1830 hatte das Polizeipräsidium verfügt, dass »die nötigen Mannschaften jeden Augenblick bereitstehen« müssten, um die Tore der Mauer schließen und »gegen Unordnungen auftreten zu können, die in den (..) Vorstädten der Widersetzlichkeit von herausgewiesenen Mietern entstehen könnten...«

So wurde die Mauer schon früh zur Grenze zwischen Arm und Reich, und wie heute mussten schon damals jene Mieter, die keine gutbezahlte Arbeit hatten, das Stadtzentrum verlassen. Doch nicht nur Unerwünschte hielt die Mauer fern. Im Sommer des Jahres 1863, als es in der Oranienstraße zu Kämpfen zwischen Mietern und Ordnungshütern kam, schloss die Polizei das Cotbusser Tor und das Wassertor, um eine Flucht der Randalierer zu verhindern. Eine Taktik, die hundert Jahre später anlässlich der 1. Mai-Demonstrationen ihre Renaissance erlebte. 1863 wurden 426 Personen verhaftet, über hundert Mieter vor Gericht gestellt - und es gab Tote und Verletzte.

Die Wohnungsnot hatte ihren Höhepunkt erreicht, die Hausbesitzer schlossen nur noch Mietverträge für drei Monate ab, die jeweils zum Quartalsende ausliefen. Fast die Hälfte der Einwohner – 1863 waren es 49,6 Prozent - befand sich an den ersten Tagen eines neuen Quartals auf Wohnungssuche. Tausende zogen mit ihrem Hab und Gut, mit Kindern und Tieren auf der Suche nach einem Zimmer durch die Straßen, immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Mietern und Wohnungseigentümern. Das Gericht konnte die vielen Klagen nicht mehr bewältigen, weshalb im Juli 1863 sogar ein Sondergremium zur Schlichtung der Mietstreitigkeiten eingesetzt wurde.

Doch im Fall des Schneidermeisters Steffen, dem Besitzer des Hauses in der Oranienstraße Nr. 64, kam das Gericht nicht weiter. Steffen hatte gegen den Schankwirt Schulze geklagt, mit dem er einen Fünfjahresvertrag über das Erdgeschoss und die erste Etage abgeschlossen hatte. Schon im zweiten Jahr erhöhte der Hausbesitzer die Jahresmiete von 400 auf 450 Taler. Als Steffen sah, dass sein Mieter nicht faul war und mit der Gastwirtschaft und dem Tanzsaal, den er im Erdgeschoss eingerichtet hatte, einige Taler verdiente, kündigte er dem frechen Mieter, der nicht nur trank und tanzte, sondern seine Wäsche in der Wohnung trocknete, einen Hund besaß, Fässer im Hausflur lagerte, den Herd durch eine Kochmaschine und den Kachelofen durch einen eisernen Ofen ersetzte. Das Gericht suchte sich von den vielen möglichen Kündigungsgründen den gusseisernen Ofen aus, der im Mietvertrag ausdrücklich untersagt gewesen sei. Schulze, noch immer nicht faul, hängte daraufhin für die Freunde und Freundesfreunde seines Lokals ein Plakat an die Tür, auf dem zu lesen stand: »Warnung: Wegen Aufstellung eines eisernen Ofens in meiner Wohnung ist mein Lokal durch Exmission geschlossen.« Das fanden die Stammgäste nicht lustig, Passanten blieben stehen und lasen die Bekanntmachung. Das Papier erregte so viel Aufsehen, dass der Wirt auch in anderen Bezirken plakatierte, um die Bürger darüber aufzuklären, welche Gefahr das Aufstellen eiserner Öfen barg. Da der Tag dieser Aktion zufälligerweise mit dem letzten Tag des Quartals, und damit dem Tag der Wohnungsräumung, zusammenfiel, fanden sich wahre Menschenmassen vor der Oranienstraße Nr. 64 ein, die den Abtransport des Mobiliars, insbesondere des eisernen Corpus delicti, mit lauten Unmutsbekundungen begleiteten. Sie drangen in Steffens Wohnung ein, zerschlugen die halbe Wohnung, ließen vom Kachelofen des Vermieters nur mehr Scherben zurück und zerschlugen sämtliche Fensterscheiben. Während sich Schulze mit verschränkten Armen zurücklehnen konnte, wanderten die Massen zum Moritzplatz, und als die Polizei erschien, kannten die Massen nur noch einen Ruf: »Reißt die Hunde von den Pferden – schlagt die Hunde tot.«

So dokumentierte es anderntags die Berliner Gerichtszeitung. Sie hielt auch fest, dass am darauf folgenden Tag noch mehr Menschen zur Oranienstraße kamen. Am Abend des 1. Juli sollen 10.000 Protestler auf dem Moritzplatz gewesen sein, über die berittenen Polizisten ging ein Steinhagel nieder, und als die Reiter zum Säbel greifen wollten, wurden sie von der Masse regelrecht verprügelt.

In der Oranienstraße, der Wassertorstraße und der Dresdner Straße errichteten die Mieter Sperren, woraufhin der Polizeipräsident eine Ausgangssperre verhängte, Lokale, Läden und Wohnhäuser mussten verschlossen bleiben. Dennoch eskalierten die Kämpfe, bis die Polizei sich entschloss, das Wassertor und das Cottbusser Tor zu verschließen, um der Randalierer habhaft zu werden. Es gab Tote und Verletzte, erst nach fünf Tagen beruhigte sich die Lage.

Der Moritzplatz in friedlichen Zeiten - Foto: Postkarte
Dennoch zeigte der Aufstand der Mieter eine Wirkung. Die Neue preußische Kreuzzeitung sprach vom »sozialen Typus einer Revolte«, das »Wohnungsproblem« drang ins allgemeine Bewusstsein vor. Was aus dem Wirt in der Oranienstraße Nr. 64 wurde, der den Stein ins Rollen gebracht hatte, ob der inzwischen stadtbekannte Kneipier es mit einer neuen Gastwirtschaft in einer anderen Gegend am Ende zu Wohlstand und Reichtum gebracht hat, ist nicht überliefert.•


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