Kreuzberger Chronik
Februar 2012 - Ausgabe 134

Essen, Trinken, Rauchen

Zeitsprung an der Randlage


linie

von Peter Unsold

1pixgif
Sie liefen ratlos auf der Bergmannstraße entlang, sahen in alle Lokale, gingen hinein, fragten nach, kamen wieder heraus. Da plötzlich sagte der eine: »Ich weiß, wo wir rauchen können. Raucherlokale gibts hier auf der Bergmannstraße nicht mehr. Hier ist alles bio. Wir müssen nur kurz über den Berg da!«

Also bogen die jungen Männer von der Methfesselstraße in den Park ein, wanderten über die regennassen Wege bis zum Denkmal und auf der anderen Seite wieder herunter. Monumentenstraße.

»Sind wir hier eigentlich noch in Kreuzberg?«, fragte der Anglistikstudent, als sie an die Brücke kamen. Die Gegend war so finster und menschenleer wie die Themse zu den Zeiten Edgar Allan Poes. Nur die Scheiben des Lokals an der Ecke waren hell erleuchtet und beschlagen vom Atem der Menschen, die drinnen saßen und feierten. Auf den Tischen standen Fleisch und Wein, die Gäste lachten.

»Hinter der Brücke beginnt Schöneberg.« sagte der Ortskundige. »Das hier ist ein Niemandsland. Hier kommen keine Touristen her.«

Keiner der Gäste sah vom Teller auf, als die Studenten das Martinique betraten. Sie waren damit beschäftigt, Stücke des Spanferkels zu zerkleinern, dessen Überreste den Anglisten irgendwie an die Spuren jenes kannibalischen Festmahls erinnerten: Ein Anblick, der selbst den leidgeprüften Robinson auf seiner einsamen Insel einst nachhaltig erschütterte.

»Das ist was anderes als diese kleinen, gut aussehenden Fleischportionen von der Bergmannstraße, die überall auf der Welt gleich schmecken. Man sollte öfter mal ans Ende von Kreuzberg kommen!«

»Eigentlich ist das hier eher was zum Trinken. Und zum Fußballgucken. Wenn Fußball ist, dann versammeln sich hier immer ein paar Fußballfreaks, wegen der großen Leinwand. Und weil es hier nicht so voll ist, und das Bier ist auch bezahlbar. Wieso die heute plötzlich alle essen, weiß ich auch nicht.«

Die Studenten stellten sich an den Tresen, der Wirt schob ohne überflüssige Worte zwei Bierkrüge hin, die Tresenkraft räumte die Spanferkelreste von den Tischen und zog die Leinwand herunter.

»Fußball! Hab ich doch gesagt!«, sagte der Ortskundige. Aber dann ging das Licht aus, und wenige Minuten später verschlang Mick Jagger das Mikrophon, schüttelte die Löwenmähne, im Publikum lächelte John Lennon. Es war das Jahr 1968, und die Stones traten nicht im Madison Square Garden auf, sondern in einem Zirkus– vor kaum mehr Publikum, als jetzt hier im Martinique zum Spanferkel versammelt war.

Die Freunde blieben bis zum Morgengrauen, rauchten und spielten Billard im Nebenzimmer. Und als sie sich über den Berg hinweg auf den Heimweg machten, sagte der Ortskundige zu dem Ortsunkundigen: »Na, war doch gut, oder?« - »Schon. Aber wieso hast du mir das eigentlich nicht früher schon mal gezeigt.« •

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2018, Berlin-Kreuzberg