Kreuzberger Chronik
Februar 2012 - Ausgabe 134

Reportagen, Gespräche, Interviews

Einzug der Banalitäten


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von Michael Unfried

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Fünfzig Jahre stand alles still. Jetzt kann sich Berlin nicht retten vor Investoren. Ein zu lang geratener Kommentar.

Städte verändern sich. Erst werden sie aufgebaut, blühen auf, dann kommen die Erdbeben, die Kriege, die Investoren. In Berlin kam zunächst der Krieg. Er hinterließ ein Trümmerfeld. Dann kamen die Investoren. Sie hinterlassen neue Betonklötze und menschenleere Altbauten. Sie kaufen die letzten Kriegsbrachen, um mit den begehrten Quadratmetern Geschäfte zu machen. Mit freundlicher Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Denn an jedem Euro, den Immobilienhändler verdienen, verdient die Stadt mit.

Die Antwort der Investoren auf Kritik ist stets die gleiche: »Städte verändern sich«. Als könne man keinen Einfluss nehmen, als handele es sich um ein Naturgesetz. Doch es handelt sich nicht um die Willlür der Natur, sondern um die Willkür des Menschen.

Dass die Politik nicht eingreift in diese Prozesse, die sich so nachhaltig zum Nachteil der Menschen auswirken, ist ein Skandal. Seit der Wende verkaufen Berliner Politiker die Stadt stückchenweise an die Meistbietenden. Mehr noch: Sie liefert die Einwohner an die Investoren aus. Und unterstützt die Geschäftsleute bei der Vertreibung jener Berliner aus ihren Wohnungen, die dieser Stadt in all den schwierigen Nachkriegsjahren die Treue gehalten, die sie am Leben gehalten haben. Die diese Stadt, die in den Sechzigern allmählich aus den Ruinen auferstand, so liebenswert machten.

Doch die Zeiten, als Elisabeth Flickenschildt noch voller Sympathie vom Berliner »Pflaster der Hippies und Träumer« sprach, als der Ku´damm noch ein Laufsteg der Alternativen und keine Ansammlung internationaler Geschäfte war, als überall in Berlin im Schatten der Mauer Räucherstäbchen, indische Gewänder, Silberschmuck und Patchouli verkauft wurden,
Foto: Silke Mayer
als James Brown mit einer weißen Limousine in der Kantstraße vorfuhr, um sich in einem Laden neben dem Theater des Westens ein paar Jeans zu holen, diese Zeiten sind jetzt endgültig vorbei. Der Charme dieser Stadt ist dahin. Wo einst kleine Buchläden, Antiquariate und Secondhandläden waren, stehen heute »Kulturkaufhäuser«, und dazwischen kleine, als Boutiqen getarnte Filialen internationaler Modehäuser.

Von Neukölln bis nach Schöneberg, vom Hermannplatz bis zu den Yorckbrücken wird Kreuzberg umgebaut. Die Neue Welt ist verschwunden zwischen einem zweistöckigen Baumarkt, Supermärkten und Parkplätzen, von der Atmosphäre des berühmten Ausflugsortes an der Hasenheide nichts mehr zu spüren. Am anderen Ende, wo die alten Eisenbahnbrücken über die Yorckstraße zum einst größten Kopfbahnhof der Welt führten, wird der backsteinerne Postbahnhof abgerissen, um Platz für den Zementklotz eines Kaufhauses zu machen. Selbst zwischen die Gründerzeithäuser in der Bergmannstraße quetschte man Supermärkte und ein Ärztezentrum. Die Bergmannstraße, einst »ein einziger Laden verteilt in fünfzig Hinterhöfen« und eine »riesige Trödelmeile«, hat ihren Charme verloren.

Die alte Markthalle, einst tatsächlich das Zentrum des Geschehens, sieht aus wie die Lebensmittelabteilung von Karstadt, und die lange Zeile von Imbissen an der Glasfront erinnert an die Fressemeilen der Grünen Woche. Neben der Passionskirche, über die Gott bislang noch schützend seine Hand halten kann, hat sich die Post in eine Art Kaufhaus verwandelt mit Bäckerei, Biosupermarkt, Yoghurtbar und einem Weinhandel, der aussieht, als befände er sich im Lafayette. Im ersten Stock residieren Immobilienhändler und vermieten »flexible Flächen für Gastronomie und mehr« und »Appartements, hochwertig saniert«, zum »Wohnen auf Zeit«.

Und die Stadt verdient mit. »Es gibt Leute«, spottete der Bürgermeister anlässlich seiner Wiederwahl mit Seitenblick auf die Grünen, »die wollen eine Käseglocke über Berlin stülpen« -und hatte damit viele lachende Gesichter unter den Stadtplanern und Investoren auf seiner Seite. Allerdings wäre die Käseglocke immer noch besser als die Abrissbirne.

Doch es wird weiter abgerissen und kernsaniert. Denkmalgeschützte Altbauten erhalten neue Aufbauten, in die alten Mauern werden riesige Löcher geschlagen, der moderne Mensch will Glas. Berlin verliert sein Gesicht, sieht bald aus wie Köln und Hannover. Dabei hatte Berlin die einmalige Chance, aus den Fehlern anderer zu lernen, fünfzig Jahre lang machte der Fortschritt vor der Stadt. Der Fortschritt, der in unzähligen Städten überall auf der Welt zu Ghettos, zu Betonburgen und Problemzonen in Randvierteln führte.

Foto: Silke Mayer
Die Stadt hatte ihre Chance. Sie hat sie verpasst. Sie hat sich kein Beispiel genommen an spanischen Städten, wo selbst Supermärkte und McDonaldfilialen komplett hinter mittelalterlichen Fassaden verschwinden. Lediglich kleine Schilder dürfen verraten, dass sich in hinter den historischen Kreuzgängen eine schnöde Drogeriefiliale befindet. Allein in der international berühmten Bergmannstraße dagegen wurden in den letzten Jahren gleich bei mehreren Häusern die Fassaden im Erdgeschoss eingerissen, um Platz für die modernen Glasfronten von Reisebüros, Supermärkten, Restaurants und Cafés zu schaffen. Die einstige Trödelmeile sieht aus wie eine Geschäftsmeile in Frankfurt am Main. Kreuzberg ist auf dem Weg zur Normalität, wird Durchschnitt. Und die Politik feiert den Durchschnitt, als wäre es ein Fortschritt. Sogar der Regierende Bürgermeister kam, als am Moritzplatz das alte Bechsteinhaus – ein Name, der einst von Berlin aus die Welt eroberte - umgebaut und in »Aufbauhaus« umbenannt wurde. Gemeinsam mit den Investoren ließ er sich fotografieren, ein Standbild der Selbstzufriedenheit.

Das viel gelobte Haus der Kreativen ist nichts anderes als ein Kaufhaus. Und auf Profit aus. So wie Karstadt und das KDW Teile ihrer Konsumtempel weitervermieten, so hat auch der Investor am Moritzplatz die Ecken und Nischen des 17.000 Quadratmeter großen Betongebäudes an Subunternehmer weitergereicht: Da gibt es das »Nähinstitut« mit Nähmaschinen und kompetenter Beratung, einen Hifi-Laden, aus dessen Lautsprechern sich Dylan anhört, als hätte er nie geraucht, und ein Möbelgeschäft, dessen Sirene schon Alarm schlägt, wenn jemand eintritt. Als habe man Sorge, die Sofas könnten eingesteckt werden wie die Bleistifte von Modulor.

Es gibt ein Café und einen Buchladen im Erdgeschoss, sowie den ersten kulinarischen Buchhandel Berlins mit Kochbüchern- so groß,
Foto: Silke Mayer
dass jeder Literaturbuchhändler neidisch wird. Unter dem Dach von Coledampfs Companys residieren lauter Firmen mit klingenden Namen wie »beumer und lutum«, »essbare landschaften« oder »kochkunst«. Ganze Armeen verschiedenster Pfeffermühlen marschieren bei einem Küchenausstatter auf, um auch den letzten Kreuzbergern klarzumachen, dass die Zeiten der WG-Küchen mit Töpfen und Pfannen vom Flohmarkt vorüber sind. Die Pfannen der Kochkünstler haben Stiele aus Kupfer, und die Luxusknoblauchpresse kostet so viel wie einst der Silberschmuck in den Indienshops, und auch das Publikum im Restaurant ist zahlungskräftig.

Die meisten Quadratmeter im Aufbauhaus aber gehören einer Firma, die einst mit ein paar Quadratmetern in der Gneisenaustraße begann. Was immer die berühmten Kreuzberger Kreativen suchten: Bei Modulor, einer Mischung aus Schreibwarenladen und Bastelgeschäft, fanden sie alles: Spitzer, Radiergummis, Stifte, Papiere in allen möglichen Farben und Stärken, Folien, Kunststoffe, Kork, Farben, Tusche, Tinte... Jetzt ist Modulor groß geworden, nennt sich »Planet Modulor« und ist so schick wie ein Laden in Mitte. Das alternative Bastelgeschäft ist zum Bauhaus geworden, hinter den Kassen steht der Packtisch mit Klebebändern, Scheren und Papier – genau wie im Heimwerkerparadies am Hermannplatz. Die Regale sind meterlang und die Gänge so breit wie bei Ikea – breit genug für die gigantischen Einkaufswagen. Anders als in der Gneisenaustraße, wo die Kreuzberger in der sympathischen Enge zwischen den Regalen voller Leidenschaft suchen und forschen konnten, ist jetzt alles durchgeordnet und so übersichtlich beschriftet wie bei Dussmann in der Friedrichstraße. An den Kassen am Moritzplatz gibt es Diskretionszonen, an denen es so brav zugeht wie am Bankschalter und beim Kindergartenausflug. Alles ist Reglement, ein Strich auf dem Boden markiert die Spur der Warteschlange, der Punkt am Ende jene Stelle, wo der Kunde warten muss, bis der Kassierer ihn aufruft: »Der nächste bitte.«

So hält nun auch am Moritzplatz, im alten Zentrum des Kreuzberger Widerstandes, die Normalität Einzug. Die Politik freut sich. Doch die neuen Bauten und Geschäfte markieren den bedauernswerten Einbruch des Banalen ins Außergewöhnliche. Sie markieren nicht das Ende der Nachkriegsjahre, sondern das Ende einer Legende. Der Legende von Kreuzberg. •

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