Kreuzberger Chronik
Februar 2012 - Ausgabe 134

Legenden der 60er

Rudi Lesser und die Koteletts


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von Alf Trenk

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Foto: Alf Trenk
Rudi Lesser, über einem Schachzug brütend, öffnet beim Eintritt der neuen Gäste das Schloss seiner dicken Aktentasche. Einer der beiden springt schwanzwedelnd herbei und verschwindet blitzschnell mit einem saftigen Kotelett. Seinem zweibeinigen Begleiter bleibt nur noch, dem Spender für den Wiederholungsfall eine Tracht Prügel zu versprechen...

Eine Szene, wie sie den Besuchern der Nulpe in den 70er Jahren vertraut ist. Stoisch erträgt der Maler die Drohungen des düpierten Halters, stoisch wird er zum Wiederholungstäter. Kaum einer der meist jugendlichen Gäste weiß Näheres über den Mann, mit dem sich trotz Abstands an Alter und Lebenserfahrung wie mit seinesgleichen reden lässt. Was er sagt, kommt aus innerer Überzeugung. Ist er anderer Meinung als sein Gesprächspartner, wendet er ihm die Handflächen zu und schwenkt sie mit einem gedehnten »Naaa....jaaaa!!« auf einer unsichtbaren Ebene langsam hin und her. Um dann in Ruhe die eigene Ansicht zu begründen. Nur über Stalin lässt er nicht mit sich verhandeln. Er ist, wie viele Gegner der NS-Herrschaft, Stalinist.

Als die Nazis 1933 sein Atelier in ein Trümmerfeld verwandeln, sieht er vor sich, was folgen wird - mit jenem nüchternen Blick, der auch seine Kaltnadelradierungen prägt, und der sich vom expressionistischen Zeitgeist unterscheidet. Ohne zu zögern, besteigt er den nächsten Zug nach Dänemark, übersiedelt in die USA, wird Dozent an der Howard University in Washington D.C. und stellt bei Lotte Jacobi in New York aus. 1956 kehrt er zurück. Es ist die Tragik vieler Künstler seiner Generation, zu Beginn des Naziterrors noch in der Entwicklung gewesen zu sein und später quasi als Namenlose zurückzukehren.

Er zieht mit »Plumps«, seinem Hund, nach Kreuzberg, in eine ruinöse Wohnung direkt über dem Leierkasten, wo er auf Fuchs, Mühlenhaupt, die Malerpoeten, stößt. Trotz aller Bekanntschaft mit menschlichen Abgründen macht es ihn fassungslos, als er »Plumps« eines Tages mit gebrochenem Rückgrat auf dem Straßenpflaster findet. Einbrecher haben ihn hinuntergeworfen.

Als die Abrissbirne ihn vertreibt, zieht er in die Solmsstrasse. Radierungen und Lithographien entstehen, eine Auswahl davon zeigt 1970 die Galerie Taube. Bis zu seinem Tod sitzt er täglich auf seinem Stammplatz in der Nulpe, vor sich das Schachbrett, neben sich die kotelettgefüllte Tasche. Beim Hineingreifen fällt ihm jetzt öfter eines aus der Hand, Parkinson macht seine Finger zittrig. Rudi Lesser stirbt am 1. März 1988. Ein Künstler, der noch zu entdecken ist. •


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