Kreuzberger Chronik
April 2012 - Ausgabe 136

Geschichten & Geschichte

Anfang und Ende eines Kanals


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von Werner von Westhafen

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5000 Arbeiter waren nötig, um den Luisenstädtischen Kanal auszuheben. Vieviele ihn zuschütteten, ist nicht überliefert.

Als in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts die Arbeitslosigkeit rasant zunahm, erfand man die ABM-Stellen. Sie waren zeitlich begrenzt und unterbezahlt, und sie sollten für Ruhe sorgen. Allerdings waren diese »Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen« keine pfiffige Erfindung des 20. Jahrhunderts: In der »Höhnenden Wochenschau« des Schauplatz-Theaters sah man im Bau des Luisenstädtischen Kanals Deutschlands erste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Erst ließ man 5000 Menschen einen Kanal ausheben, dann wieder zuschütten.

Womöglich hätte sich die Eröffnung der Schiffpassage noch um Jahre verzögert, wäre nicht die Sorge über die wachsende Unruhe unter den arbeitslosen Berlinern so groß gewesen. Man befürchtete einen Aufstand, weshalb der Magistrat, der bereits die Rehberge von Arbeitslosen umgraben ließ und eine Arbeitsvermittlung eingerichtet hatte, den Finanzminister bedrängte, »es hochgeneigtest zu veranlassen, daß (..) die Arbeiten an der Schiffbarmachung des Landwehrgrabens und die Bauten auf dem Köpenicker Felde (...) so schleunig als möglich beginnen«.

Der Sparminister zierte sich noch ein wenig, doch am 26. März 1848 hatte auch er den Ernst der Lage erkannt und forderte die Baukommission auf, tätig zu werden: »Es ist indes dringend nöthig, auch den Bauhandwerkern, namentlich den Zimmerleuten und Maurern
Zuschütten des Kanals Foto: Kreuzberg Museum
baldthunlichst Beschäftigung zu gewähren.« Ab sofort sollte mit dem Bau von drei Brücken in der Oranienstraße, der Adalbertstraße und der Köpenicker Straße begonnen werden, »ohne den Eintritt des niedrigen Wasserstandes abzuwarten.«

Doch auch nach dem Beginn der Arbeiten wurde die Stimmung auf dem Feld nicht friedlicher, denn unter den Arbeitern waren nicht nur ungebildete Tagelöhner, sondern auch zahlreiche Handwerker, die für 12,5 Silbergroschen zwölf Stunden am Tag eine Schwerstarbeit verrichten mussten. Das führte zu Spannungen innerhalb der Arbeiterschaft, die sich bald in zwei Lager teilte: Die kräftigen Tagelöhner, die auf Akkordlohn bestanden, während die Ungeübten den Tageslohn bevorzugten. Als sich auch noch die berüchtigten »Rehberger« aus dem Wedding einmischten, verhärteten sich die Fronten, und als die Kommission auch noch den Einsatz einer Dampfmaschine zum Abpumpen des Grundwassers beschloss, eskalierte die Situation. Die um ihre Arbeitsplätze besorgten Arbeiter steckten die Maschine in Brand, wenig später schoss eine bewaffnete »Bürgerwehr« auf die Arbeiter am Kanal. 13 Tote wurden auf den Friedhöfen am Halleschen Tor begraben.

Trotz all dieser Hindernisse kamen die Arbeiten voran, schon ein Jahr später war die Verbindung zwischen Spree und Landwehrkanal hergestellt, es fehlte nur noch der Eingang am Wassertor. 45 Jahre später erwies sich das ABM-Projekt als verkehrstechnische Fehlinvestition. Die Eisenbahn eroberte die Welt, die Seestraßen verloren an Bedeutung. Als das Wasser im eilig erbauten Kanal aufgrund eines unzureichenden Gefälles brackig wird, beschließt man, »den Luisenstädtischen« wieder zuzuschütten.

Die Berliner aber haben sich an das Spazieren auf den Uferpromenaden gewöhnt, und als die Pläne von der Zuschüttung konkreter wurden, kam es zu Protesten. Ein Mieter aus der Naunynstraße schrieb, was »Tausende« Luisenstädter dachten: »Die Bevölkerung, zu der auch ich gehöre, und auch die Anlieger, welche gewerbliche und kaufmännische Betriebe am Kanal haben, sind im gesundheitlichen Interesse dagegen, das Wasser in eine Staubwüste verwandelt zu sehen.« Auch der Sachverständigenrat des Magistrats hatte Einwände und merkte an, dass es sich um eine »städtebaulich besonders reizvolle Situation des älteren Berlin« handelte, und »daß die Erhaltung der Wasserflächen im Zusammenhang mit den geplanten Grünflächen durchaus möglich« war. Die Gesundheitsbehörden äußerten »schwerste Bedenken«, da die Staubbindung und Kühlung im Sommer eine wirksame Abwehr gegen Tuberkulose sei, und das Heimatjournal »Die Luisenstadt« entwirft am Ende eines »Abschiedsgrußes« an den Kanal eine ebenso wehmütige wie illusorische Vision: »Prächtige Badeanstalten am Engelbecken und Urbanhafen – entzückende Blumenterrassen vor aufsteigenden Wasserlokalen – auf der 2200 Meter langen Strecke fröhlich jubelnder Bootsverkehr – im Winter die schönste Eisbahn weit und breit! Es wär so schön gewesen. Sic transit gloria mundi.«

Doch am 1. April 1926 kauft die Stadt den Kanal zu einem symbolischen Preis von einer Reichsmark pro Quadratmeter– mit der Auflage, auf seiner gesamten Strecke einen Grünzug anzulegen.
Das Engelbecken heute Foto: Dieter Peters
Wie viele Arbeiter mit dem Zuschütten der neuen Schifftrasse beschäftigt waren, ist nicht vermerkt. Fest steht, dass sich die Umwandlung der Wasserstraße in einen Grünzug viele Jahre hinzog. Und dass es noch heute viele Berliner gibt, die den alten Kanal am liebsten wieder ausschaufeln würden. Doch für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen fehlt den Regierungen des 21. Jahrhunderts leider das Geld. •

Literaturnachweis: Der Luisenstädtische Kanal, Klaus Duntze, 2011; Berlinische Monatszeitschrift, 8/94 und 10/96

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