Kreuzberger Chronik
April 2012 - Ausgabe 136

Mein liebster Feind

Neunter Brief


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von Kajo Frings

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Werte Frau Neumann,
allmählich spitzt sich die Auseinandersetzung zu. Kaum habe ich über die wirkungslosen Bachblüten geschrieben, da übergibt mir die Apothekerin die neue Apotheken-Umschau mit einem Artikel über Homöopathie. Da lautet dann eine Überschrift: „So wirkt Homöopathie beim Zahnarzt“. Ach, endlich eine nachvollziehbare Erklärung von Ursache und Wirkung? Denkste. Welches Kügelchen der Zahnarzt verschreibt, hängt laut dem „homöopathischen Zahnarzt“ Gerd Neuling unter anderem davon ab, ob eine Frau auf dem Weg vom Warteraum in’s Behandlungszimmer „erst umständlich den Inhalt ihrer Beuteltasche sortiert“. Von mir aus können wir wieder ins Mittelalter zurückfallen, wo der Medicus gleichzeitig Quacksalber war? Dann soll er aber auch Quacksalber auf die Visitenkarte schreiben.

Noch hanebüchener, Frau Neumann, finde ich Ihre Argumentation, dass ich „Erbarmen mit Frauen in der Midlifecrisis oder den Wechseljahren“ haben soll, die, anstatt sich gegen die staatliche „Gesundheits“ - Politik zu ereifern, in Bachblüten und anderem Hokuspokus ihr Heil suchen. Es ist ja nun nicht gerade emanzipationsfördernd, wenn Sie die Mitglieder Ihres Geschlechts als „bemitleidenswerte Geschöpfe“ bezeichnen, bloß weil die sich in die einfühlsamen Hände von Schamanen und anderen Scharlatanen begeben. Spricht da nicht doch irgendwie ein Mann aus Ihnen? Aus welchem Grunde denn sollte man die Hoffnung aufgeben, dass sich auch Frauen ernsthafte Gedanken darüber machen, weshalb das Gesundheitswesen so ist wie es ist? Wer davon den Nutzen, und wer den Schaden hat? Aber vielleicht lenkt der Streit zwischen „Alternativ-“ und „Schul-“ Medizin nur davon ab, dass bei beiden das Geschäft mit der Gesundheit ganz gut läuft, und die Angst vor der Krankheit nur das Mittel zum Zweck ist, Geld zu verdienen. Nur der modus operandi unterscheidet sich, aber das ist beim Geschäft mit der Müllentsorgung auch nicht anders, egal ob in Neapel oder Brandenburg.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sollen wir die Geschäfte denen lassen, die daran verdienen, und Bachs Schülern ihre Blüten. Ich finde aber, dass es einen erheblichen Unterschied macht, ob jemand löcherige Socken oder unbrauchbare Pillen verkauft – ich darf Sie da mal an die Hospitalszene in „Der dritte Mann“ erinnern, in der die Folgen von gepanschten Medikamenten gezeigt werden.

Aber da ist noch etwas Frau Neumann, das mich an Ihrem letzten Brief erheblich irritiert: Was soll der Satz: „Haben Sie denn nicht gelesen, dass die Lebenserwartung des Kreuzbergers um drei Jahre geringer ist als die des Wilmersdorfers?“ Natürlich hab ich das gelesen. Deshalb lebe ich schließlich in Kreuzberg, damit ich nicht am Lebensende drei sterbenslangweilige Jahre in Wilmersdorf verbringen muss. •

Ihr Kajo Frings

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