Kreuzberger Chronik
November 2011 - Ausgabe 132

Kreuzberger
Giannis Michelakis

In der Fremde bin ich Grieche, in der Heimat bin ich Fremder


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von Michaela Prinzinger

Titelfoto: Dieter Peters

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Ein silbriger Morgen liegt über der kretischen Messara-Ebene. Zeugen der minoischen Hochkultur, einer lang vergangenen Epoche des Wohlstandes, ragen in jenen wolkenlosen Himmel, der das Herz deutscher Investoren höher schlagen lässt. Solartechnologie gehört in Deutschland zu den Exportschlagern der Stunde. Vor allem jetzt, wo die Griechen an den Rüstungsausgaben sparen und keine deutschen U-Boote mehr kaufen können. Giannis Michelakis blickt auf das aufgeschlagene Tourismus-Magazin, in dem das Land seiner Väter abgebildet ist. Inseln, Strände, weiße Häuser, und auf den Dächern deutsche Solartechnik. Dennoch sind die Deutschen nicht gut zu sprechen auf die Griechen. Giannis Michelakis sagt: »Früher war ich stolz, zu sagen, dass ich Grieche bin. Heute ziehe ich den Kopf ein.«

Verkauft doch Eure Inseln, ihr Pleite-Griechen… und die Akropolis gleich mit!*

Es wundert niemanden, wenn die Besucherzahlen in Griechenland sinken. Die deutsche Presse hetzt, Europa hat den Sündenbock gefunden. An dem griechischen Feinkostgeschäft in der Markthalle herrscht dennoch Hochbetrieb. Giannis Michelakis sagt: »Die Gäste machen schon mal ihre Scherze. Aber wenn sie Hunger haben, dann kommen sie eben doch wieder zum Griechen.« Michelakis wischt sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. Michelakis arbeitet hart. Wenn er am Grill steht, dann kämpft er wie der Heizer vom Totenschiff gegen den Sturm und den Untergang. Es wäre vielleicht eine gute Idee gewesen, sagt Michelakis, Schiebetüren an der neuen Markthalle anzubringen, dann könnte ihn ein sanftes Lüftchen von der Hitze des Grills erlösen. So kommt er ins Schwitzen, unermüdlich wuselt er zwischen Tresen und Anrichte hin und her. Wenn ihn die Kollegen so sehen, rufen sie: »Giannis, nicht vergessen: Wir sind doch die faulen Griechen.«

Wenn wir den Griechen mit Milliarden Euro aushelfen müssen, sollten sie dafür auch etwas hergeben – z. B. ein paar ihrer wunderschönen Inseln. Motto: Ihr kriegt Kohle. Wir kriegen Korfu.*

Oder Kreta. Vorletzten Sommer ist Giannis Michelakis dort gewesen, »nach fast zwanzig Jahren zum ersten Mal wieder bei der Olivenernte zu Hause.« Assimi, »mein Dorf«, liegt in der Messara, einer Hochebene in der Mitte Kretas, in der im Sommer die Hitze steht. Ein Treibhaus ohne Schiebetür, »da wächst alles. Wir haben allein vier Olivenpressen im Dorf, so viel Ölbäume haben sie da, die faulen Griechen.« Und es ist keine leichte Arbeit, das Pflügen, Schneiden, die Ernte im Winter, im Regen, tagelang. Geld gibt es kaum noch für das Öl, das zu den besten der Welt gehört.

Foto: Kreuzberger Chronik
Trotzdem war die »Arbeit im Olivenhain für mich wie Urlaub«, sagt Michelakis. »Wir haben das Öl zur Presse gebracht, ein Stück warmes Brot genommen und es in das frische, grasgrüne Öl getunkt. Das ist unvergleichlich, so etwas gibt es hier gar nicht!« Michelakis’ Augen glänzen, wenn er an seine Insel denkt. »Früher hatten wir auch viel Wein in der Messara, heute wird nur noch für den Eigenbedarf produziert. Die ganze Landwirtschaft wird heute in bestimmten Gebieten konzentriert, in Peza der Wein, in der Messara die Oliven.«

Ihr kassiert für mehr Olivenbäume EU-Subventionen, als in Euer Land überhaupt reinpassen. Offenbar versteht Ihr doch was von Buchführung, (…) denn Ihr habt Eure Bücher so systematisch und geschickt gefälscht, dass die Brüsseler nichts gemerkt haben. In Wahrheit habt ihr den Euro nie verdient.*

Giannis Michelakis ist keiner jener traditionsbewussten Kreter, die noch immer mit Schnurrbart und Fransenkopftuch herumlaufen wie einst die berühmten Freiheitskämpfer. Er fühlt sich nicht besonders heimisch unter diesen pathetischen Kretern mit ihren eitlen Männlichkeitsritualen. So geht es vielen Griechen in der Diaspora. Es gibt da einen berühmten Sänger bei uns, Kazantzidis. In einem Lied singt er: »In der Fremde bin ich Grieche, und in der Heimat ein Fremder.« Damit spricht Kazantzidis vielen seiner Landsleute im Ausland aus dem Herzen. »Ich wollte immer zurückkehren nach Kreta. Aber es hat nie geklappt. Immer wenn ich dort bin, sehne ich mich nach Berlin, und wenn ich hier bin, will ich wieder nach Griechenland.« Aber in Griechenland fühlt sich Michelakis nur noch als Tourist. Die alte Mutter

in Assimi und die paar Olivenbäume sind noch auf der Insel verwurzelt, die haben Kreta nie verlassen und waren ein Leben lang an einem Ort. Michelakis dagegen ist in den letzten zwanzig Jahren achtzehn Mal umgezogen. Seit er 1991 nach Berlin kam und mit einem Freund in einem der Mauerlöcher fürs Erinnerungsfoto posierte, hat er ganz Westberlin abgegrast, irgendwie immer auch auf der Suche nach einem Stückchen Heimat. Einem Ort zum Bleiben. Gefunden hat er ihn bis heute eigentlich nicht.

Auch die Arbeitsplätze hat er öfter gewechselt. Zuerst war er bei Siemens, dann viele Jahre lang als Staplerfahrer auf dem Gemüsegroßmarkt an der Beusselstraße. Schichtdienst. Dort lernte er seinen besten Freund kennen: keinen Griechen, keinen Deutschen, sondern Eyüp, einen Türken. In den Neunzigern eröffnete er seinen eigenen Imbiss, erst in Steglitz, dann in Mitte. »Ich war der Erste, der griechische Pitta und kein Fladenbrot für das Gyros genommen hat.« Das war eine gute Idee, die kleinen Teigfladen waren etwas Originales, es schmeckte nach Griechenland, und alle waren begeistert. Reich geworden ist er trotzdem nicht. Irgendwie ist es schief gegangen, mit • den Griechen und den Deutschen.

Foto: Privat
Das Leben in Berlin war zu verführerisch, Feste wurden gefeiert, nächtelang getrunken und geraucht. Bis eine Polizeistreife den Kreter ausbremste und ihm den Führerschein wegnahm. Das hat ihn aufgerüttelt. »Jetzt verstehe ich, warum die psychologische Untersuchung Idiotentest heißt. Weil jeder ein Idiot ist, der es so weit kommen lässt.« Auch auf Kreta nahm man die Kunde vom Verlust des Führerscheins mit wenig Verständnis zur Kenntnis, sein Bruder wollte ihm sogar das Glas Rotwein verweigern, das nie fehlt beim traditionellen Festessen, mit dem die Kreter ihre Heimkehrer willkommen heißen.

Foto: Privat
Einen Ausflug haben die Brüder dennoch zusammen unternommen. Sie fuhren nach Zoniana, in jenes kleine kretische Bergdorf, das es in die Schlagzeilen sämtlicher europäischer Zeitungen gebracht hatte. Sie wollten wissen, ob die Einheimischen ihre einträglichen Marihuana-Plantagen tatsächlich mit Kalaschnikows gegen die Staatsgewalt verteidigten. Ob das alles stimmte, was man so schrieb. Doch Zoniana sah aus wie ein ganz normales Dorf. Dennoch warfen die Schlagzeilen schon Jahre vor der Krise ein erstes Licht auf die Machtlosigkeit der griechischen Regierung. Aber Kreta ist nicht Griechenland, Kreta ist ein Spezialfall. Die Kreter machen sich ihre eigenen Gesetze, ein Rauchverbot in Kneipen ist undenkbar. Steuern allerdings zahlen die Kreter genau so wenig wie die Athener.

Euretwegen geht der Euro in die Knie. Uns droht die Inflation. Das bedeutet: Was deutsche Sparer auf dem Sparbuch oder in Lebensversicherungen für die Zukunft zurückgelegt haben, wird immer weniger wert. Wegen Euch.*

»Die Reichen müssten sich solidarischer zeigen«, sagt Giannis Michelakis. Nicht nur in Griechenland. Außerdem herrsche noch zu viel Demokratie in Griechenland. Er meint die chaotischen Zustände. Etwas deutsche Ordnung täte gut. »Wir produzieren keine BMWs, aber soviel Grundlegendes stammt aus Griechenland. Schlag ein Wörterbuch auf, dann siehst du, wie viele deutsche Wörter griechische Wurzeln haben. Warum sind unsere Politiker bloß solche Idioten? Die packen sich ihre Taschen voll Geld, die sind bei der Bevölkerung einfach nicht mehr glaubwürdig.« Dann wagt der passionierte Fußballfan einen Vergleich: »In Griechenland gibt´s nur zwei Parteien, Pasok und Nea Dimokratia. Die wechseln sich ab, wie Bayern und Schalke beim deutschen Pokal. Das stagniert, da kann nichts draus werden.«

Alles ist durcheinander. »Mein bester Kumpel«, sagt Giannis Michelakis, »ist ein Türke. Ich habe auch Kontakt zu ein paar Landsleuten, aber deutsche Freunde habe ich gar keine. Nur zu den Kunden habe ich einen guten Draht, die mögen mich.« Dann wendet er sich wieder seinem Gyrosspieß zu, tupft sich die Stirn trocken und fegt, zur Verzweiflung seiner Kollegen, wieder wie ein Wirbelwind durch das Agora in der Marheineke-Markthalle mit seinen hungrigen Deutschen und seinen fleißigen Griechen. •

* alle Zitate: Springer-Presse


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