Kreuzberger Chronik
September 2010 - Ausgabe 120

Kreuzberger
Christoph Heltzel

Irgendwie muss ich was Sympathisches haben.


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

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Es war an der Grenze zu Pakistan, vor ihnen lauter Hippies und eine Gruppe von Pilgern, die schon seit Tagen vor dem Schlagbaum wartete. Christoph Heltzel hatte keine Lust zu warten und ging gleich zu dem »Chefpapagei mit zig Orden und Bändern auf der Jacke, ein ganz wichtiger da hinter dem Schreibtisch«. Es dauerte eine knappe halbe Stunde, dann blies einer in die Trompete. »Das war das Signal für die Grenzposten auf der anderen Seite, uns durchzulassen.«

Irgendwie kamen sie immer durch. Dabei ist Christoph Heltzel kein auffallend freundlicher Mensch. Im Gegenteil, wenn er nicht gerade lächelt, dann hat er ein strenges, eher mürrisches Gesicht. Und Heltzel lächelt nicht oft. Nur hin und wieder huscht ein Schmunzeln über seine Lippen. Reden tut er auch nicht viel. Obwohl er schön erzählen kann. Von den Reisen, die er gemacht hat, »so nebenbei«, Irland, Spanien, Portugal, Türkei, Syrien, Indien, Kaschmir, Nepal, und Kathmandu natürlich, wohin man eben so fuhr in den Sechzigern. Und immer brachte er etwas mit, einen Elefanten, eine Buddhastatue, eine Stupa aus Bodhgaya, wo der große Buddha einst unter einem Baum geboren wurde, gezeugt von einem »weißen Elefanten, da träumt heute noch jede Frau von.« Das ganze Haus ist voller solcher Mitbringsel. Und voller Geschichten.

»Die Stupa hab ich einfach in den Bulli gepackt, und als wir an die deutsche Grenze kommen, fragt der Grenzer: Haschisch, Opium, sonst irgendwas zu verzollen? – Ich sag, dass ich nicht mal Zigaretten rauche, sehen Sie doch mal in den Aschenbecher, da drin sind noch die Maiglöckchen aus dem Himalaja.« Tatsächlich war Christoph Heltzel einer jener wenigen, die monatelang durch Indien zogen, ohne einen Joint zu rauchen. In Afghanistan haben sie ihm wunderbares Haschisch angeboten, Platten mit goldenem Stempel, er hätte das halbe Auto damit vollstopfen können. »Maiglöckchen also!«, sagte der bayrische Grenzbeamte, konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, stolzierte einmal um den VW-Bus herum und sagte: »Aber mit den Reifen fahren Sie bei uns in Bayern keinen Kilometer mehr!« Am Ende durfte Heltzel doch wieder weiterfahren. Wahrscheinlich hatte er kurz gelächelt.

Ohne dieses leise Lächeln, diesen heimlichen Charme des Rotbärtigen wären seine Reisen womöglich anders verlaufen. Vielleicht wäre er ohne das nie aufgebrochen! Es war im Dezember 1961, da stand der frischgebackene Zimmermann in Bayern am Skilift, und neben ihm stand Rolf. Rolf hatte gerade sein Abitur gemacht, und der Vater hatte ihm zur Belohnung eine Weltreise geschenkt. Jetzt suchte er jemanden, der mitfuhr. »Quanta Costa?«, fragte der junge Zimmermann, und Rolf sagte: »Ich lad dich ein«. Es war jedoch der Vater, der ihn einladen musste, und der wollte sich den jungen Mann aus Berlin zumindest einmal ansehen. Also musste Christoph »zum Antrittsbesuch nach Bremen zur Familie Leiffers«. Er »staunte nicht schlecht«, als er in der Blumentalstraße den hauseigenen Mercedes mit Chauffeur vor der Villa stehen sah. Einen Moment lang zweifelte er, ob das Unternehmen gelingen würde. Aber »irgendwie hab ich wohl was Sympathisches an mir«, jedenfalls konnte sich auch Vater Leiffers dem Charme des Zimmermannes nicht entziehen.

Foto: Dieter Peters
Es ging bergauf mit dem jungen Mann aus der kleinen Wohnung in der Waldemarstraße, im Sommer 1963 residierten Rolf und Christoph bei einem Geschäftsfreund des Vaters, einem Teppichhändler in Teheran, im Villenviertel hoch über der Stadt auf 1800 Meter, »überall war Wasser und Schatten, überall wehte ein kühler Wind, und unten, auf 1000 Metern, lag der Bahnhof, im Gewusel, im Staub, in der Hitze... - Teheran ist eine wunderbare Stadt«. Sie waren in Syrien und Jordanien, schlenderten durch die Basare von Isfahan, und hier war es nicht der Charme des Zimmermanns, der sie vor den kleinen Betrügereien bewahrte, sondern der dunkle Teint von Rolf, der, wenn Christoph verhandelte, »immer nur ein kluges Gesicht machte, aber nie ein Wort sprach. So dachten alle, Rolf sei mein einheimischer Diener, der alles kontrolliert.«

Als ein Händler in Isfahan die Kupferkanne auf die Waage legte – »in Persien wurden die Kupferwaren noch nach Gewicht verkauft« – schlug Rolf mit einem Löffel gegen die Kanne. Als der dumpfe Ton erklang, holte der Händler augenblicklich einen Hammer und klopfte die schwere Kalksteinschicht aus dem Innern. Die Kanne steht noch heute im Schrank von Christoph Heltzel. Neben all den anderen Souvenirs, die Heltzel so nebenbei mitgebracht hat. »Es gibt Sammler und Jäger«, sagt er, » ich gehöre wohl zu den Sammlern.« Kein Wunder, dass er sich eines Tages dieses große Haus an der Methfesselstraße anschaffen musste. Wo sonst hätte er dieses Museum einrichten sollen? Häuser haben eine besondere Bedeutung gehabt in Heltzels Leben. Nicht nur, weil er Zimmermann ist. Vielleicht war es auch die Heimatlosigkeit, in die er hineingeboren wurde, 1942 in Berlin im St.
Foto: Dieter Peters
Gertraudenkrankenhaus, der Vater im Krieg, die Mutter mit Kindern auf der Flucht vor den Bomben, zuerst im ostpreußischen Ermland und dann im schlesischen Lommnitz. Am Ende zogen sie wieder westwärts. Seine erste Erinnerung ist eine Szene auf der Landstraße, die Mutter zieht den schweren Leiterwagen durch einen Graben voller Schlamm, den die Polen errichtet hatten, um dem Track der Flüchtlinge das Leben noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon war.

Viel hatten sie nicht dabei, nur das wichtigste. Und Christoph, so erzählte es später die Mutter, sagte: »Ich nehme die Dose!« Drei Jahre war er alt, 68 Jahre ist es her, aber die Blechdose, in der einst einmal Feigen aus Smyrna waren, und in der jetzt »ein Stück Brot oder Kuchen, ich weiß nicht mehr genau«, war, steht noch heute auf dem kleinen Tisch im Lesezimmer. Christoph Heltzel sitzt im Erkerzimmer, umgeben von seinen Erinnerungen, seinen Büchern - Heyerdahl, Hedin, Schopenhauer - all den Beutestücken des Sammlers, den alten Möbeln, Kerzenständern, Bildern, Teppichen, Kleinodien, allem, was sich so nebenbei eben ansammelt im Leben.

Es gab noch ein anderes schönes Haus im Leben von Christoph Heltzel: Mitte der Sechziger zog er von der Sonnenallee in die Freienwalder Straße im Wedding, in das Erdgeschoss eines zweistöckigen Häuschens mit großem Garten und Veranda. Er hatte beschlossen, das Abitur nachzumachen, »weil überall, in jeder U-Bahn, in jedem Berliner Bus Reklame für den 2. Bildungsweg gemacht wurde.« Es war ein richtiges Zuhause, hier glaubte er, nach all dem Reisen einmal länger bleiben zu können. Zumal auch Gunda in die Wohnung und in sein Leben trat. Aber dann wollte die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft das hübsche Häuschen unbedingt für eigene Zwecke nutzen und hat den Zimmermann auf die Straße gesetzt.

Da dieser Christoph aber irgendwie etwas Sympathisches an sich hatte, blieb zumindest Gunda. Gunda, die mit ihm studierte, aber sechs Kinder haben wollte, vielleicht, weil sie selbst aus einer Familie mit vielen Kindern kam, und weil das schön gewesen war, so ein Kindergarten zu Hause. Auch Christoph wollte Kinder, und also haben sie dann »gleich mal angefangen« und nebenbei vier Kinder in die Welt gesetzt, »vier Jungen in fünf Jahren«. Wenn Heltzel von den Kindern spricht, dann ist das einer dieser Momente, in denen ihm ein leises Lächeln über die Lippen huscht. Ein Lächeln, das auch Grenzbeamte, Polizisten oder Richter entwaffnet.

Einen Polizisten allerdings gab es, dem war der passionierte Sammler nie sympathisch. Dummerweise war dieser Polizist Heltzels Nachbar in der Dorfaue, wo er mit Gunda und den Kindern ein kleines Haus bezogen hatte, in der Nähe der historischen Kirche von Alt- Marienfelde. »Das Ganze sah aus wie ein Vierseithof«, ein Ring aus Gebäuden, in der Mitte ein Spielplatz, außen herum die Vorgärten. Doch die Dorfaue war »ein Dorf voller Spießer, lauter nette Leute, einfach grauenhaft!«

Der Grauenhafteste war der Nachbar, dessen Kinder ständig das
Foto: Dieter Peters
Spielzeug von Heltzels Jungs klauten, »und man kann doch nicht den ganzen Tag im Buddelkasten sitzen und aufpassen, dass das Spielzeug nicht wegkommt.« Heltzel passte nicht zu den Spießern, die nach Feierabend »alle zusammenstanden und Bier tranken«, die ihren englischen Rasen vor der Tür hatten, während es bei Heltzels überall exotisch wucherte. Auch heute ist der Garten der Villa am Kreuzberg für viele nur ein verwildertes Stück Land. Dabei ist es wunderbares Stück Natur inmitten der Stadt, mit Quittenbäumen, Maulbeeren, Birnen, die alle gut tragen, mit einer alten Gaslaterne, einem ummauerten Teich, einer hohe Hecke, die vor den Augen Neugieriger schützt. Heltzel hat von seiner Veranda aus alles im Blick, er kennte jede Pflanze, weiß, was ihr gut tut. Schließlich hat der Biologe seine Diplomarbeit über die Waldsimse, lat. Luzula, geschrieben. Die »sieht aus wie ein Gras, hat aber, was spannend ist, manchmal 6 und manchmal 24 Chromosomen. Und diese Simse schafft es, im Gegensatz zu uns Menschen, die bei einem doppelten Chromosom schon stark abbauen, ihre über flüssigen Chromosomen auszuschalten, ohne irgendeine Deformation zu erleiden.«

Es dauerte, aber irgendwann war auch diese Arbeit fertig, und er hatte sein Diplom. Nebenbei aber- eigentlich hat er »immer alles nur so nebenbei gemacht«, baute er das Europacenter, »und das steht heute noch!« Natürlich nicht allein, das war ein Turmbau zu Babel, »Leute aus allen Nationen waren da, Araber, Türken, Griechen...«. Das Leben war wunderbar, tagsüber arbeitete man, abends lente man. Oder auch nicht, denn das Leben in den Kneipen war verführerisch.

Gunda, seine Medizinstudentin, arbeitete inzwischen – neben den Kindern und dem Studium -im Krankenhaus als »Karbolmäuschen«, als medizinische Assistentin, und »träumte vom Gott in Weiß, der dann auch prompt vorbeikam«. So endete die schöne Geschichte der zwei Studenten, die in fünf Jahren nebenbei vier Kinder bekamen, vor Gericht. Als der Richter den Jüngsten fragte, warum er eigentlich nicht bei der Mutter bleiben wollte, zeichnete er eine Schnapsflasche auf ein Blatt Papier. Doch es dauerte, bis die Kinder zum Vater in die Villa ziehen konnten, wo abends die Bierkutscher der Brauerei die Straße herauf klapperten, »im Winter die dampfenden und stampfenden Gäule, das war großartig!« Am Wochenende waren die Pferde auf der Koppel unter dem Schinkeldenkmal, und seine Jungs kletterten über den Zaun, um sie zu füttern.

Sie kommen heute noch oft zu Besuch. In dieses Haus, dessen Fassade noch eine Spur von Hellblau birgt, dessen Dielen knarren, dessen Bleifenster vom Alter schon ganz krumm sind. Das Haus ist der Dreh und Angelpunkt in Heltzels Leben. Ein Ort, an dem er tun kann, was er will. »Freiheit, das war mir immer das wichtigste«, sagt Heltzel. Er empfand sie, wenn er auf Reisen ging. Und wenn er immer alles nur so nebenbei machte, wenn es nichts gab, das ihn gefangen nahm. Er empfand sie auch, wenn er als Zimmermann oben auf dem Dach stand, »da, wo vor mir noch nie jemand gestanden hatte.«

Deshalb konnte er es auch nicht lassen, seinem Haus das kleine Türmchen wieder aufzusetzen, das er auf einer alten Zeichnung der Villa gesehen hatte. Er stand ganz hoch oben, als ihn plötzlich der Schwindel überkam. Er stürzte nicht auf die Straße, er fiel nach innen ins Türmchen. Vielleicht war es Gott, der die schützende Hand über ihn hielt, dem dieser verrückte Zimmermann irgendwie sympathisch war. Auch wenn seitdem der eine Arm ganz müde an ihm herunterhängt, und er wie ein alter Mann durch die großen Räume mit seinen Erinnerungen schlurft. •


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