Kreuzberger Chronik
September 2010 - Ausgabe 120

Reportagen, Gespräche, Interviews

Immer Ärger mit den Nachbarn


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von Michael Unfried

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Die Kinder brauchen Freiräume. Die Architekten auch. Aber Kinder spielen, und Architekten wollen Häuser bauen. Das ist das Problem.



Anlässlich der Fußball-WM im Juni 2006 bekam der kleine Fußballplatz in der Körtestraße Besuch: Zur Eröffnung des angrenzenden Bolzplatzes waren auch Joachim Löw und Jürgen Klinsmann erschienen. Zwar wurden die Fußballstars von den kleinen Kreuzberger Kickern begeistert umschwärmt, doch während Löw fleißig Autogramme verteilte, war Klinsmann reserviert, und als die Fotografen im Sportlerheim Stellung nahmen, verlangte Klinsmann, die Vereinsbilder von der Wand zu nehmen, er lasse sich nicht »instrumentalisieren«. Als der Trainer der deutschen Nationalmannschaft sich ins Gästebuch eintragen wollte, trat der Trainer der Kreuzberger Amateure auf ihn zu und sagte: »Darauf können wir dann auch verzichten!« Und deshalb steht Klinsmann nun nicht im Gästebuch des Kreuzberger Fußballclubs.

Herbert Komnik ist nicht nur der Trainer des S. C. Berliner Amateure, er ist auch der Jugendleiter. Und er ist einer, der sich seine Gedanken macht. Die ehrenamtliche Tätigkeit hat er übernommen, weil seine »zwei Jungs« auch einst jede freie Minute auf dem Sportplatz verbrachten. Weil man auch mal »was zurückgeben« muss, und weil die Kinder in der Stadt Fußball brauchen. Das sahen auch die Polizisten ein, die angerückt waren, um Kinder vom neuen Bolzplatz zu scheuchen, weil es Sonntag war. »Wir sind ja auch froh, wenn die Kinder vom Hermannplatz und vom Kotti weg sind«, sagten sie zum Trainer, der gerade zufällig dort vorbeikam. Aber jetzt solle er die Kinder doch bitte vom Platz jagen. »Die schicke ich nicht weg! Das müssen Sie schon selber machen«, sagte Komnik.

Komnik ist engagiert. Er ärgert sich, wenn freundlich lächelnde Politiker sich neben freundlich lächelnden Fußballstars ablichten lassen, und wenn später dann trotzdem nichts geschieht. Wenn, kaum sind die Pressetermine vorüber, ein Schild am neuen Bolzplatz angebracht wird, das die Benutzung zeitlich einschränkt und älteren Jugendlichen das Spielen ganz untersagt. Davon war nie die Rede gewesen, und natürlich haben die Kreuzberger das Schild schnell wieder abmontiert.

Seit der Einweihung des Platzes sind vier Jahre vergangen, erste Reparaturen sind fällig geworden, doch jetzt fehlen 3.000 Euro. Der Bezirk kann sie nicht aufbringen, Klinsmann, Wowereit & Co sind über alle Berge, die Kinder von der Körtestraße längst vergessen. Komnik meint, über dem Bolzplatz hänge »ein Damoklesschwert am seidenen Faden«, über dem Sportplatz auch. Seit 1920 gibt es die Amateure, aber der Platz an der Körtestraße ist der einzige, der den 20 Jugendgruppen des Vereins zur Verfügung steht. Ohne ihn stünden sie auf der Straße. Im Abseits, wie Fußballer gerne sagen.

Foto: Dieter Peters
Doch seit ringsum Häuser verkauft, saniert und in Eigentumswohnungen umgewandelt werden, ändern sich auch die Menschen im Viertel. Viele, die jetzt aus anderen Städten nach Berlin ziehen, »die haben doch von Berlin keine Ahnung«, sagt einer der kleinen Fußballer, »das sind doch alles Spießer«. Auch Herbert Komnik erinnert sich, dass Fußballspielen in Berlin nie ein Problem war: »Als meine Kinder klein waren, wohnte unter uns eine 75jährige Dame. Und wenn es regnete, dann spielten die Jungs auch schon mal Fußball in der Wohnung«, aber die Nachbarin störte das nicht, sie sagte: »Da merk ich doch wenigstens, dass ich noch lebe!«

Diese Zeiten sind vorüber. Immer öfter müssen Ordnungsamt und Polizei wegen Lärmbelästigung ausrücken. Mit besonderer Besorgnis beobachtet der Trainer der Jugendmannschaft das Geschehen auf dem Gelände des alten Gasometers und Bunkers. Für offensichtlich extravagante Preise sind die sonnigen Luxuswohnungen auf dem zwanzig Meter hohen Betonklotz verkauft worden. »Ich habe ja gar nichts dagegen, dass Leute da oben wohnen. Würde ich auch gern. Aber es ist doch klar, dass jemand, der 700.000 Euro für ne Wohnung auf nem Bunker hinblättert, sich auch einen guten Anwalt leisten kann. Und wenn die Herrschaften auf dem Bunker dann in die Jahre kommen und ihre Ruhe haben wollen, dann können wir hier den Fußballplatz und den Spielplatz und die Kita nebenan vergessen! Die werden uns aufs Tempelhofer Feld schicken, oder aufs Gleisdreieck. Aber das alles ist viel zu weit. Da können die Kinder nicht eben mal kurz rüber zum kicken.«

Paul Ingenbleek, einer der Architekten des Bunkers, ist selbst alter Kreuzberger, und versuchte zu vermitteln. Veränderungen, sagt er, hätten immer auch Nachteile. Er habe Verständnis, dass Anwohner sich beklagen, wenn ein Neubau ihnen die Sonne vom Balkon nehme. Oder wenn es keine Parkplätze mehr gäbe. Aber das Argument, dass die finanzkräftigen Neuzugänge schädlich für das soziale Klima in der Straße seien, lasse er nicht gelten. Die Fichtestraße sei ohnehin zu 80% mit finanzkräftigen Akademikern besetzt.


Auch Kreuzbergs Bürgermeister versuchte zu vermitteln und zeigte Verständnis für die Bedenken der Anwohner, die mit Transparenten und lautstarken Protesten gegen die Siedlung auf dem Bunker revoltierten. Jahrelang stand das Bauvorhaben auf der Kippe, erst am Schluss gab der Bezirksoberste dem Projekt seine Stimme. Bei der abschließenden Diskussion im Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße meldete sich auch Komnik zu Wort. Auf die Frage, was aus dem Fußballplatz werde, erhielt er zur Antwort, der vormittägliche Schulsport sei »sozial adäquat«. Das bedeutete, dass der Vereinsfußball nicht mehr adäquat war und die Nachmittagsnutzung des Platzes zur Disposition stand.


Womöglich dachte man da schon an die Bewohner der Stadthäuser, die in unmittelbarer Nähe zum Sportplatz entstehen sollten. Denn die Architekten wollten nicht nur auf dem Dach des Bunkers bauen, sondern auch möglichst viel vom angrenzenden Grund und Boden nutzen. Heute steht neben dem Gasometer aus dem 19. Jahrhundert ein Gebilde aus dem 21. Die menschlichen Wohnwaben aus Glas und Zement sind von einem meterhohen Metallzaun umgeben, vielleicht der Brandanschläge wegen, die auf die neuen Eigenheime verübt wurden. Die Stadtvillen, die in den ursprünglichen Plänen verzeichnet waren, existieren jedoch bislang nur auf dem Papier. Vielleicht, weil der Widerstand zu groß war. Oder die Nähe zu den Kickern. Wohnungen auf dem Fußballplatz lassen sich schlecht verkaufen. Die neuen Berliner wollen ihre Ruhe.

Deshalb auch hat bereits jeder 3. Fußballverein in der Stadt Ärger mit den Nachbarn, wie der Stern kürzlich in seiner Titelgeschichte »Störfaktor Kind« schrieb. Herbert Komnik erhielt darin das Schlusswort, er sagte: »Wenn ein einziger Nachbar entschlossen genug ist, die Gerichte anzurufen, dann stehen 450 Jugendliche im Abseits.« Und diese zu allem Entschlossenen werden immer häufiger. Egal, ob es die kleinen Fußballer von der Körtestraße sind, ob in einer Kneipe laut gefeiert wird oder ob ein Mann auf der Straße leise Chopin spielt, die »neuen Spießer« fühlen sich gestört, selbst Religionslehrerinnen beschweren sich wegen lärmender Kinder vor ihrer Wohnung und rufen die Polizei. Ganze Straßenfeste werden verboten. Berlin war einmal berühmt gewesen für seine Straßenfeste. Doch die Toleranz im einst toleranten Kreuzberg nimmt ab.

Als Komnik 1980 seinen Trödelladen in der Gneisenaustraße eröffnete, störte sich in Berlin noch niemand daran, wenn Jugendliche mit dem Fahrrad auf dem Gehsteig fuhren. Heute ist nicht nur das Ordnungsamt hinter ihnen her, auch gewöhnliche Passanten, sogar türkische Kinder mahnen die Radler zur Einhaltung der Straßenverkehrsordnung. »Natürlich ist es laut, wenn die Bälle gegen die Fangzäune fliegen. Trotzdem bleibt die Frage: Will ich das hören, oder kann ich das auch überhören? Den Autolärm und die Polizeisirenen überhören ja auch alle.«

Um dem wachsenden Unverständnis für die Kinder entgegenzuwirken, haben die Berliner Amateure unter dem Motto »Zeigt Sportplatzgegnern die Rote Karte!« den Körte-Cup ins Leben gerufen. Eingeladen sind ausschließlich Vereine, die wegen ständiger Lärmbeschwerden um ihre Spielplätze fürchten. 2009 hatte Komnik die erwachsenen Zuschauer mit Trillerpfeifen ausgerüstet, das Pfeifkonzert muss gewaltig gewesen sein. Da haben die Anwohner mal hören können, was wirklich laut ist. Auch in diesem Jahr, am 4. September, findet das Turnier gegen Lärmbeschwerden wieder statt. Der Anpfiff ist um 12 Uhr mittags. Es ist ein Duell, dem sich die Fußballkids stellen. Das Duell der Jungen gegen die Alten. Der Kinder vom Fußballpferch gegen die Erwachsenen in ihren hübsch renovierten Altbauwohnungen. •


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