Kreuzberger Chronik
September 2010 - Ausgabe 120

Herr D.

Der Herr D. und der Bruno


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von Hans W. Korfmann

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oder: Warum der Herr D. sich einen Film auslieh

Der Herr D. mochte Leute nicht, die bei jeder Gelegenheit mit Zitaten glänzten. Ständig zogen sie kluge Sprüche aus ihren aufgeräumten Schubladen. Er hatte den Verdacht, dass sie an den Worten eher die Form als den Inhalt schätzten. Es gab jedoch Redewendungen, die sogar der Herr D. anwandte. Eine stammte von 1974 und war ein Filmtitel: »Jeder für sich und Gott gegen alle.«

Am liebsten waren dem Herrn D. ohnehin jene Mitmenschen, die nur sprachen, wenn sie ein Anliegen hatten. So einer war Bruno. Der Herr D. hatte ihn in der Stadtklause am Anhalter Bahnhof kennen gelernt. Weil sonst niemand da war, setzte sich der Bruno zu ihm. Er sprach davon, dass er ins Krankenhaus müsse, und dass er Angst habe. Ein Krankenhaus sei wie ein Heim. Man könne nicht wissen, ob man da wieder herauskäme. Zwanzig Jahre hatte er in Heimen verbracht, und er sagte: »Den Bruno hat nie einer besucht!«

Bruno hatte keine Zeit für leichtgewichtige Worthülsen. Wenn er sprach, war es ernst. Einmal sah der Herr D. ihn Akkordeon spielen. Es klang, als kämen seine Lieder aus den dunkelsten, einsamsten Tiefen seiner Existenz. Wie ein Leierkastenmann zog er durch die Kreuzberger Hinterhöfe. Jetzt war er doch gestorben. In der Klause am Anhalter trafen sich Freunde. Man hatte Bilder von Bruno aufgehängt, wichtige Leute traten ans Mikrophon, Historiker, Journalisten, Musiker. Bruno hatte nur noch eine Nebenrolle. Die Schauspieler sprachen über die Vergangenheit, wussten nette Anekdoten, immer wieder fielen die Namen Kaspar Hauser und Werner Herzog, und sie erzählten, wie sauer der Bruno gewesen war, als Herzog die Rolle des Woyzeck nicht mit seinem Bruno, sondern mit seinem Klaus besetzte.

Der Herr D. wollte gehen. Doch dann kam Kinskis Wiedergeburt herein, geschminkt, strähnige, blonde Haare, schwarzer Anzug. Kam herein, warf wilde Blicke in die Trauerrunde, griff nach dem Mikrophon, er wolle jetzt mal was erzählen: Wie verkommen dieser Bruno, wie schwul er gewesen sei, was ja keiner hier hören wolle, und dass seine Hosen von Maden, Motten und anderem Getier bewohnt gewesen seien, dass diese Hosen lebten, bebten, sich bewegten, und dass der Bruno zwar ein netter, aber ein schwieriger Mensch gewesen sei. Kinski sprach anders. Aber er sagte auch anderes als die anderen.

Auf dem Heimweg betrat der Herr D. einen Filmverleih und fragte nach diesem Titel: Jeder für sich und Gott gegen alle. Am Abend stand Bruno dann wieder da, so wie er war, und sagte: »Ja, mir kommt es vor -dass mein Erscheinen - auf dieser Welt - ein harter Sturz gewesen ist«. Es klang wie die vollkommene Synthese von Form und Inhalt. •

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