Kreuzberger Chronik
November 2010 - Ausgabe 122

Reportagen, Gespräche, Interviews

Jazz können andere besser


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von Fokke Joel

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Die Kreuzberger haben ihn alle schon einmal gesehen: Den Mann, der mit seinem Klavier spazieren geht. Fokke Joel von der ZEIT sprach mit ihm über die Wirtschaftskrise, über Mozart und über die Probleme mit den Behörden.

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DIE ZEIT: Helmut, was macht Ihnen mehr zu schaffen, die Wirtschaftskrise oder das Wetter?

Helmut: Die Wirtschaftskrise habe ich völlig ignoriert. Aber meine persönliche Wirtschaftskrise ist durchs Wetter entstanden. Die allgemeine Wirtschaftskrise betrifft mich nicht mehr, ich bin Rentner, bin 68 Jahre alt, hab mein kleines Auskommen, und das Ganze mache ich eigentlich mehr zum Spaß und nehme das Geld, was dabei reinkommt, billigend in Kauf.


ZEIT: Dieses Jahr haben Sie spät angefangen zu spielen.

Helmut: Ja, es gab ein paar schöne Tage im April, da hab ich schon gespielt, und dann wurde es aber immer schlechter, und, na ja, dann hab ich halt kein Fleisch gekauft.

ZEIT: Wie groß sind die Strecken, die Sie so am Tag zurücklegen?

Helmut: Mein Klavier steht in der Kreuzberger Bergmannstraße im Hinterhof. Und mein Kreis geht von der Amerika-Gedenkbibliothek zum Viktoriapark bis zum Südstern. Wenn’s einen Berg hochgeht, das vermeide ich. Das mache ich nur, wenn ich mich fit fühle, so als Fitness.

ZEIT: Sie machen nicht jeden Tag die ganze Runde?

Helmut: Nein, ich spiele einen Tag da und den nächsten da. Ich will ja nicht jeden Tag an der selben Stelle spielen, das geht dann den Leuten auf den Wecker.

ZEIT: Ist das nicht ein bisschen umständlich mit einem ganzen Klavier?

Helmut: Nee, das ist es nicht. Das wäre es schon für jemanden,

der sich damit nicht auskennt. Aber ich bin Klavierbauer, und ich habe seit fünfzig Jahren nichts anderes gemacht, als Klaviere und Flügel zu bewegen, zu reparieren, zu stimmen. Wenn die Leute sehen, wie da so ein alter Opa das Klavier schiebt, da kommen immer welche und wollen helfen. Aber ich habe drei schwere Unfälle gehabt, bei Klaviertransporten, immer dann, wenn Leute geholfen haben, die keine Ahnung hatten. Die hatten zwar Muskeln, aber nicht das richtige Gehirn dazu.

ZEIT: Nimmt das Klavier nicht Schaden, wenn man es so durch die Straßen schiebt?

Helmut: Das Klavier wird dadurch nicht besser. Aber weil ich ja Klavierbauer bin, kann ich es jeden Tag nachstimmen. Und wenn denn mal aus Feuchtigkeitsgründen ein Ton klemmt, dann weiß ich, was ich zu tun habe.

ZEIT: Und wenn es anfängt zu regnen?

Helmut: Dann habe ich schon einen großen Schirm dabei, der hat einen Durchmesser von vier Metern. Außerdem habe ich eine Plane im Klavier hinten drin, damit kann ich jeden Wolkenguss überstehen, problemlos. Wenn ich ihn rechtzeitig bemerke.

ZEIT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, so etwas zu machen?

Helmut: Ich habe in Berlin dreißig Jahre lang meinen Beruf ausgeübt, hatte mein eigenes Geschäft. Ein Freund von mir ist Tischler, und der hat auf der Straße immer schöne Feten gemacht im Sommer. Und dann habe ich immer zur Belustigung und zur allgemeinen Freude ein Klavier oder einen Flügel dahin geschoben. Die Werkstatt war in der Nähe, und deshalb war das nicht so problematisch. Und dann hab ich da geklimpert. Und irgendwann sagte mal einer: »Mensch, damit könntest du doch Geld verdienen, das macht doch sonst keiner.« Eigentlich kann es auch keiner, der müsste erst mal Klavier spielen können, der müsste das Ding transportieren können und auch noch stimmen können, sonst würde sich das ja nicht lohnen. Ein Pianist kann zwar spielen, aber der kann das andere nicht. So gesehen, bin ich außer jeder Konkurrenz. So, und als ich dann meine Werkstatt zugemacht habe und mich zurückgezogen habe auf meine Rente, die klein ist, weil ich zu geizig war, größere Beiträge zu zahlen, da habe ich gesagt, na gut, ich will nicht zu Hause im Sessel sitzen, in die Glotze gucken und verblöden. Da ich gerne Klavier spiele, habe ich es probiert, und siehe da, es funktioniert.

ZEIT: Wie lange machen Sie das schon?

Helmut: Seit vorigem Sommer. Und dann habe ich festgestellt, die Straßenmusiker spielen ein, zwei Stücke, und dann ist da schon der Kollege, der sammelt. Die gehen den Leuten erst mal mit der Musik auf den Wecker, wenn sie schlecht ist – manche sind ja auch gut –, und dann die ewige Sammelei. Ich hab das dann ganz anders gemacht, ich hab erst mal gar nichts genommen, hab nur geklimpert und mein Klavier weitergeschoben. Da sind mir die Leute hinterhergelaufen und haben gesagt: »Aber Sie haben ja gar nicht gesammelt!« Und da habe ich gedacht, na ja, wenn die schon hinterherkommen, und habe
denen die Erklärung gegeben. Wenn ich die Leute schon belästige mit der Musik, dann will ich sie nicht auch noch belästigen mit der Bettelei. Und so hat sich das ergeben, dass die Leute von selber kommen und mir Geld aufs Klavier legen, oder ich leg meinen Hut da so hin, dann ist auch da Geld drin.

ZEIT: Was spielen Sie?

Helmut: Ich spiele zu neunzig Prozent klassische Musik. Jazz können andere besser, da bin ich nicht so versiert. Also, von Bach bis Strawinsky, sagen wir mal.

ZEIT: Sie machen keine Kompromisse?

Helmut: Nein, nein. Da kommen Leute, die sagen, können Sie mal das spielen und dies, und manche, die kennen zwei oder drei Stücke. »Spielen Sie mal Für Elise oder die Mondscheinsonate« , dann sag ich immer: »Nee, kann ich nicht.« (lacht) Oder da kommt einer und sagt:

»Spiel mal einen Boogie, ey, Alter, spiel mal einen Boogie.« Dann sag ich: »Nee, kann ich nicht.« Kann ich schon, aber mach ich nicht. Also, das ist mein Konzept.

ZEIT: Und wie finden die Leute das?

Helmut: Da sind Leute, die haben früher mal selber Klavier spielen gelernt, ältere Mädels oder so. Die erinnern sich dann an irgendwas. Und die sind dann ganz begeistert. Dann kommen andere, die sind richtige Profis und sagen: »Na, das hat ja wohl nicht so ganz gestimmt.« – Ich bin kein Purist, ich bin kein Pianist, ich kann halt Klavier spielen, aber nicht so, wie ich möchte. Ich würde lieber besser spielen, aber ich spiele eben so, wie ich es hinkriege. Und die meisten Leute sind zufrieden.

ZEIT: Gibt es Probleme mit den Behörden?

Helmut: Ja, ich hatte mal vor dem Atlantic eine Stunde gespielt. Plötzlich kommt das Ordnungsamt und tippt mir auf die Schulter. »Was ist denn das?« Und da hab ich ganz wahrheitsgemäß geantwortet: »Mozart.« – »Das wollen wir nicht wissen, was machen Sie hier?« – »Ich spiele Klavier.« – »Das wollen wir auch nicht wissen, das sehen wir selber.« So, und dann kam die richtige Frage: »Haben Sie eine Genehmigung?« Ich sage: »Nö, hab ich nicht. Eigentlich habe ich die noch nie gebraucht, das ist das erste Mal heute, dass jemand danach fragt. Und außerdem hat hier keiner eine Genehmigung.« – »Ja, aber Sie sind hier schon einschlägig aufgefallen mit Ihrem Klavier mit Verstärkung« – was überhaupt nicht stimmt, es hat keine Verstärkung – »und hier, mit Ihrer Rap-Musik« – was auch nicht stimmt, ich weiß gar nicht genau, was das ist. Rap ist eine andere Art von Musik, die ich auf dem Klavier ganz bestimmt nicht spielen kann, da braucht man ja alles Mögliche dazu. Das waren halt subalterne Ordnungsamtsleute.

ZEIT: Und dann?

Helmut: Dann standen alle Leute vor dem Atlantic auf und machten so einen kleinen Kreis und sagten: »Lassen Sie den Mann spielen. Das ist doch schön. Das ist doch schöner als die mit ihrem Scheißakkordeon, die können das ja gar nicht. Wir sind ja froh, wenn der hier spielt.« Dann hatte ich ein bisschen Mitleid mit den Ordnungsamtsleuten. »Nun lassen Sie doch die Leute, die machen doch nur ihren Ein-Euro-Job, die tun doch nur ihre Pflicht.« Da kommt so ein riesiger Kerl vom Ordnungsamt auf mich zu und sagt: »Und Sie kriegen eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung. Ich bin kein Ein-Euro-Jobber. Ich bin Beamter.« Dann habe ich gefragt: »Ist denn ›Ein-Euro-Jobber‹ eine Beleidigung? Dann müssten ja Millionen Deutsche beleidigt sein.« Und da wusste er auch nicht mehr richtig zu antworten. Na ja, und dann murmelte er: »Beim nächsten Mal kriegen Sie eine Anzeige.« Ich hatte natürlich alle Lacher auf meiner Seite. Und die sind dann ein bisschen bedröppelt abgezogen. •

Entnommen aus Die ZEIT Nr. 26, vom 24. Juni 2010

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