Kreuzberger Chronik
März 2010 - Ausgabe 115

Reportagen, Gespräche, Interviews

Esoterisches vom Mehringdamm


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von Kajo Frings

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Sie treffen sich im Hinterhof. Hoch oben unter dem Dach. Nach ihren Sitzungen schweben sie.


Foto: Michael Hughes
Mehringdamm 32, Hinterhof. Eine Treppe führt zu den Räumen des Instituts für Lebenskunst und Tantra. Die Treppe zieht sich. Schon die Tatsache, dass man es überhaupt ohne Fahrstuhl bis ins Dachgeschoss geschafft hat, macht glücklich. Die Etagentür steht einladend offen und die rund hundert Schuhpaare in der Diele machen deutlich, dass heute etwas Besonderes stattfindet. Im Vorraum warten die Menschen auf den Beginn einer Veranstaltung. Man kennt sich, spricht leise miteinander, umarmt sich, trinkt Tee. Fast jeder war schon mal hier. Eine Zimbel ertönt. Die Bitte, Ruhe und Achtung zu wahren, wird erhört. Der große und helle Raum ist beeindruckend. Eine Buddhastatue, ein hölzerner Indianerkopf, eine tanzende Hindugottheit und ein siebenarmiger Kerzenleuchter. Dies ist ein ganz besonderer Ort.

Frank Fiess und Michaele Kuhn haben die Räume eingerichtet, als sie das Institut für Lebenskunst und Tantra gründeten. Heute nennt es sich etwas zeitgerechter schlicht Institut für Lebenskunst. Als sie ihre Entscheidung bekannt gaben, Kreuzberg zu verlassen, um sich am Stadtrand niederzulassen, dämmerte es den Besuchern von »Tantra im Alltag« und »Bewegung und Berührung«, dass hier ein Ort der Begegnung, ein Ruhepol im umtriebigen Kreuzberg verloren zu gehen drohte. Viele der Anwesenden hatten in den Seminaren den »Weg der Liebe« gefunden, in Oster- oder Pfingst-»Celebrations« sich ihren Gefühlen hingegeben, sich in Tantra- oder Massagekursen berührt und berühren lassen. Eine spontane Spendenaktion rettete den neu gegründeten Verein für Lebenskunst und garantierte zumindest für das nächste halbe Jahr die Miete am Mehringdamm.

So konnte sich die kleine Gemeinde auch im Januar noch einmal in »ihren« Räumen unter dem Dach am Mehringdamm versammeln, um einem Vortrag über die »Essenz« zu lauschen. Frank Fiess ist Anfang Fünfzig und erinnert ein wenig an Michel Piccoli. Er ist ein sympathischer Mann und Autor eines Buches mit dem Titel: »Sei der Mann deines Lebens«. Ausweislich des Klappentextes ist Frank Fiess jedoch nicht nur Autor, sondern auch Diplom-Pädagoge, Heilpraktiker für Psychotherapie, Tantra-, Yoga-, Feuerlauf-Lehrer und Therapeut für integrative Körperpsychotherapie.

»Joy, joy, joy on earth, joy, joy, joy for the whole wide universe«. Es ist ein flehendes Gebet, wobei in den nächsten Strophen »Joy« durch »Peace«, »Light«, »Love« und »Grace« ersetzt wird. Freude, Frieden, Licht, Liebe und Gnade -die Menschen in dem großen Raum singen voller Inbrunst.

Der Vortrag, der folgt, handelt von den drei einzigen möglichen Wegen, durchs Leben zu gehen: dem Weg des »Agenten«, der jedem gefallen will, und der nichts tut ohne Berechnung; dem Weg des Bokkigen und Widerborstigen, der sich die Erkenntnis der Wahrheit vom Leib hält wie der Teufel das Weihwasser; und dem Weg desjenigen, der mit sich und der Welt im Reinen ist, der im Lot steht und »verbunden ist mit dem großen Geist«.

Frank Fiess verweist auf das neue Zeitalter, das angebrochen sei. 3.000 Jahre nach Christi Geburt haben wir die einmalige Chance, die Welt zu verändern. All das, was in den Veden niedergeschrieben sei, was Heilige seit 3.000 Jahren predigen, sei nun endlich durch Quantenphysik und Bewusstseinsforschung bewiesen. Das Magnetfeld der Erde strukturiert sich um, die Energie schwingt immer schneller, Formen, die nicht mehr passen, werden umstrukturiert. Das klingt wie die aktuellen Schriften der »Rosenkreuzer« in ihrem »Tempel« in Neukölln: »Nichts ist mehr, wie es war... Normen und Werte lösen sich auf, Hierarchien und autoritäre Strukturen brechen zusammen... feinstoffliche Wirklichkeiten werden von Menschen bewusst wahrgenommen«.

Frank spricht vom Jahr 2012, und jeder im Raum versteht: Am 21.12.2012 ist nicht der Weltuntergang, aber das Ende des Kalenders der Maya. Einige Esoteriker erwarten deshalb einen Quantensprung in der Entwicklung der Menschheit. Die Vorläufer dieser »galaktischen Superwelle« in Form erster sanfter Wellen erreichen uns schon jetzt.

Frank redet sich in Rage: Wer hätte vor 2 Jahren gedacht, dass ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird, wer hätte vor 6 Monaten geglaubt, dass Dubai Pleite ist. Auch die Existenz einer weiblichen Kanzlerin zeige an, dass wir an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter stünden. Frank Fiess lässt keinen Zweifel. Er besitzt die Gabe der Rede, wirkt nicht wie ein baptistischer Fernsehprediger, wie ein Bibelverkäufer, wie eine jener traurigen Gestalten, die den »Wachturm« feilbieten. Er erinnert viel mehr an die Verkäufer der »Roten Fahne«, die in jedem Arbeiterfurz den Duft der kommenden Revolution wahrnahmen. Oder an die langhaarigen Ikonen der Hippiebewegung Ende der 60er und ihre Prognosen vom Zeitalter des Wassermanns. Schon im Kultmusical »Hair« hieß es: »Harmonie und Recht und Klarheit, Sympathie und Licht und Wahrheit, niemand will die Freiheit knebeln, niemand mehr den Geist umnebeln, Mystik wird uns Einsicht schenken und der Mensch lernt wieder denken«.

Unverbesserliche Skeptiker könnten dennoch fragen, was der Meister nun eigentlich wolle: Mystik oder Denken? Für Frank Fiess jedoch ist das kein Gegensatz. Im Gegenteil: Nach seiner Erfahrung werden immer mehr Menschen hellsichtig und beginnen die Aura zu spüren, das morphogenetische Feld, die Matrix Gottes, die wir durch Klang und Gesang verändern können. Denn »Universum« bedeute ja nicht mehr und auch nicht weniger als »ein Lied«. Spätestens, wenn Frank davon spricht, dass wir uns der Hilfe der Engel und der Erdgeister versichern sollen, vergewissert sich der skeptische Zuhörer durch einen Blick in die Runde, dass man sich in einer Dachetage am
Mehringdamm befindet - und nicht bei Prof. Dr. Trostdorf im Urban- Krankenhaus. Doch hier sitzen keine jenseitigen Spinner. Hier sitzen ernsthafte Esoteriker, die Gesamtschullehrerin neben dem Versicherungsmakler, der Arzt neben dem Physiker, der Journalist neben dem Programmierer. Und alle lauschen sie Franks Ausführungen: »Die ansteigende Schwingung auf der Erde bringt all das, was nicht mehr stimmt, ans Tageslicht! Wenn wir unsere Lektionen nicht rechtzeitig lernen, dann lehrt uns die Existenz durch Krankheiten, Schicksalsschläge und Trennungen das Loslassen von den alten Formen.«

Genau dabei will Frank uns helfen. Zusammen mit Michaele wird er auch in den nächsten Jahren wieder sein Jahrestraining abhalten, und alles wird einfließen: »das indianische Energierad, tantrisches und taoistisches Wissen, östlich-spirituelle und westlich-transpersonale Ansätze, neueste sexualwissenschaftliche Erkenntnisse, Humanistische Psychologie, Körperpsychotherapie, Elemente aus der Familienaufstellung, die Ordnung der Liebe, Yoga und Kriya-Yoga, ein reiches Spektrum an Meditationen verschiedenster Traditionen, Energie- und Chakrenarbeit, Tanz und Gebet«. Und für diejenigen, die hier immer noch nicht das richtige gefunden haben, gibt es neben dem »Institut« unter dem Dach Nr. 32 noch »Ali und Friends« mit ihren Meditationen, den Frauenabenden und dem Männersingen, der Begegnung und Berührung für Menschen über 50...

Der Bestsellerautor Manfred Lütz schrieb nicht ohne Biss und Ärgernis, in der spirituellen Bewegung des 21. Jahrhunderts würde »ein Funken östlicher Weisheit mit einer Fülle von westlichem Schwachsinn verschweißt und markttauglich angeboten«. Das klingt besorgniserregend, wäre Lütz nicht Psychotherapeut und bekennender Katholik - also von der Konkurrenz und Mitglied einer Kirche, der die Mitglieder in Scharen davon laufen. Während im Kreuzberger Nachbarbezirk bei der jüngsten »Nacht der spirituellen Lieder« eine angemietete Kirche zeitweilig wegen Überfüllung geschlossen werden musste.

Am Ende seines Vortrages greift Frank noch einmal in die Tasten des indischen Harmoniums. Gemeinsam singt man ein Sanskrit-Mantra. Man greift sich im Kreis an den Händen und summt die »heilige Silbe«.... »Om«.

Mit leichter Seele steigt man dann die Treppen wieder hinab, vorbei an »Kim‘s Karaoke«, wo gerade jemand inbrünstig »love is in the air« krächzt. Raus auf den nasskalten Bürgersteig, vorbei am Chicken-Döner, wo tote Vögel geröstet werden, vorbei an Curry 36, deren Bratwürste mit und ohne Darm nicht eben sonderlich »feinstofflich« duften. Autos hupen, die Schlepper der Tabledance-Bar versuchen Kunden zu ködern, Alkis in der U-Bahn verkaufen gebrauchte aber noch brauchbare Fahrscheine. Die aber, die von Franks Dachetage herunterschweben, fühlen sich ganz entspannt im Hier und Jetzt. •


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