Kreuzberger Chronik
Juni 2010 - Ausgabe 118

Kreuzberger
Meike Gieschen




linie

von Helmut Unverzagt

Titelfoto: Michael Hughes

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Kerosin, das riecht immer ein bisschen nach Ferne«


Foto: Privatarchiv
Irgendwo am 63. Breitengrad, 16.30 Uhr Ortszeit. Bei Meile 185 auf dem Alaska Highway No. 4 nach Fairbanks bleibt ein Kleinbus mit deutschem Kennzeichen stehen: Auf dem Straßenschild steht »Paxson«, und daneben: »Welcome at LUCKY MOOSE. Wed and Sat HAPPY HOUR 17:00 – 19:00 every 1.st Sat LIVE MUSIC.«


Weil gerade Happy Hour und der 1. Samstag ist, biegt der Kleinbus in den bezeichneten Seitenweg. Nach wenigen Metern steht er vor einem Blockhaus. »Lucky Moose« steht über dem Eingang, darunter hängt der respektable Kopfschmuck des Namensgebers. Auf dem Parkplatz stehen Dutzende Pickups, Wohnmobile, Harleys und Oldtimer. Die Wirtin, der man nichts mehr vormachen kann, steht hinter dem Tresen und zapft Batterien von Budweiser. Als die neuen Gäste in ungelenkem Schulenglisch ihre »Buds« bestellen, lacht sie: »Ihr könnt auch Deutsch reden. Ich bin Meike. Aus Berlin.« -»Aus Kreuzberg wahrscheinlich...« - »Stimmt. Vom Chamissoplatz«, antwortet Meike. Natürlich wollen die Reisenden sofort wissen, was diese Frau hierher ans Ende der Welt verschlagen hat. Aber »die Geschichte ist zu lang. Da müsst Ihr nochmal wiederkommen. Hier ist auch gleich die Hölle los! Da spielt ne wahnsinnig gute Band aus Kanada.«

Irgendwo zwischen dem 52. und 53. Breitengrad, 2.45 Uhr Ortszeit. Meike steht nicht im Lucky Moose, sondern im Heidelberger Krug. Man schreibt das Jahr 2010. Meike ist die gleiche, aber das Publikum im Krug ist anders als das Publikum im Elch: Keine Fernfahrer, keine Abenteurer, keine »echten Männer« mehr, die tagelang in ihren Trucks unterwegs sind und noch Geschichten erzählen können. Von den Männern, die um diese Uhrzeit die dienstälteste Kneipe am Kreuzberger Chamissoplatz bevölkern, kennt die Wirtin die meisten. Auch ihre Geschichten kennt sie. Ein Blick in die Runde reicht, und sie kann abschätzen, ob der Abend ruhig bleiben, oder ob es Turbulenzen geben wird. Sie weiß, wer mit wem am Tisch sitzen kann, und wer nicht; bei welchem Pärchen sich was anbahnt, und bei welchem es zu Ende geht; wer sich heute abend sinnlos betrinken wird, und wer gerade schlecht gelaunt und trocken ist. Meike kennt ihre Pappenheimer.

Das liegt nicht etwa daran, dass sie ihre Nase gern in die Angelegenheiten anderer stecken würde. »Wenn du am Tresen stehst, kriegst du alles mit, ob du willst oder nicht.« Wobei die Verschwiegenheit des Dienstpersonals natürlich Ehrensache ist, so wie im Hilton, also auch im Heidelberger Krug. Und weil alle wissen, dass Meike so verschwiegen sein kann wie die Wälder in Alaska, und dass sie nicht weitertratscht, was ihr jemand unter Alkoholeinfluss unaufgefordert anvertraut, hört sie seit den dreizehn Jahren, in denen sie im Krug aushilft, wenn der Wirt um Hilfe ruft, mal schlimme, gute, lustige, langweilige, wahre, erfundene und manchmal sogar böse Geschichten. Die meisten dieser Geschichten aus dem Heidelberger Krug sind unendlich. Manche enden abrupt und sinnlos, aber einige von ihnen haben einen echten Schluss, manche sogar ein Happy End.

Aber viele dieser Geschichten wiederholen sich, die hört sie seit Jahren immer wieder. Obwohl sie gar keine guten Geschichten sind. Weil die meisten der Erzähler viel zu wenig unterwegs waren in der Welt. Dann erzählen sie unaufgefordert Banalitäten, berichten, dass sie schlecht geschlafen hätten, dass der Nachbar ein Idiot sei, dass sie morgens zu früh aufstehen müssten, dass die Arbeitskollegen sie verleumden würden... – lauter alltäglichen Kleinmist. Und Meike hört zu. Weder widerwillig noch gelangweilt, selten fasziniert, aber immer geduldig.

»Wie ich das aushalte? Das ist doch mein Job! Die Leute kommen ja nicht, um zu trinken, das können sie zu Hause billiger haben. Das hier ist Sozialarbeit, und in so einem unpersönlichen Laden in Mitte würde ich auch niemals arbeiten!« Sagt Meike, hebt die Schultern und stellt das Bier hin wie ein Ausrufezeichen. Meike erweckt den Eindruck, als hätte sie nie etwas anderes getan, als hier zu stehen. Als hätte sie ein Leben lang Bier gezapft. Doch dieser Eindruck täuscht. Meike hat viel getan. Nur wissen das die wenigsten. Erzählen tun ja immer die anderen. »Sie wissen vielleicht, dass ich Saxophon spiele, weil ich im Krug schon mal meinen Auftritt hatte. Oder dass ich fotografiere, weil ich hier oder da schon mal ausgestellt habe. Oder weil meine Fotografien hier an der Wand hängen.« Aber sonst wissen sie nichts von Meike.

Doch wenn es manchmal noch ein bisschen später wird, und wenn dann da einer ist, der nicht nur erzählt, sondern zuhört, dann kann es passieren, dass Meike diesen Gast ganz plötzlich und innerhalb weniger Minuten bis nach Afrika entführt. Sie war erst elf Jahre alt, aber die Bilder sind alle noch da. Wenn sie von sich erzählt, dann ist es, als hätte ihr Leben eigentlich erst in Afrika begonnen. An die Jahre davor, die Kindheit in Köln, hat sie kaum noch Erinnerungen. Aber in Südafrika, da stand sie unvermittelt einer völlig anderen, größeren, faszinierenden Welt ge
Foto: Privatarchiv
genüber. Da lernte sie plötzlich eine fremde Kultur, neue Sprachen, andere Landschaften, fremde Menschen und Tiere kennen.

Deshalb kommt sie jedes Mal ins Schwärmen, wenn sie von der Wüste Namib erzählt. Dann nimmt sie ihre Zuhörer mit auf Safaris durch Südafrika und Namibia, reitet mit ihnen durch die Weiten der afrikanischen Landschaft. Beobachtet die Tiere der Savanne und der Wüste, übernachtet im Jeep, hört Löwen brüllen, Elefanten durch den Busch brechen. Und ihre Kamera ist immer dabei.

Zwei Jahre blieb die Familie in Afrika. Dann mussten die Deutschen gehen. Weil Meikes Vater den Kindern der schwarzen Haushälterin erlaubt hatte, im Haus zu übernachten. Obwohl es verboten war, die Schwarzen als Menschen zu behandeln. Als die weißen Nachbarn Anzeige erstatteten, gab es Ärger, die deutsche Familie musste zurück nach Deutschland. Meike kam auf die Schule in München. Eine Zeit, von der sie wenig zu erzählen weiß, höchstens von den Demonstrationen, die sie als Schulsprecherin anzettelte.

Dann folgen noch ein oder zwei Sätze von der Ausbildung zur Gymnastiklehrerin und Masseurin. Aber dann ist sie auch schon wieder weg aus München, steht plötzlich auf Elba und blickt aufs Meer. Aus dem geplanten kleinen Urlaub wird ein ganzes Jahr, und als das Geld ausgegeben ist, bezieht sie eine Höhle am Strand. Als sie Arbeit in einer Boutique findet, mietet sie eine Hütte voller Skorpione in einem Bergdorf. Und will eigentlich bleiben. Skorpione, das waren doch alte Bekannte aus Afrika!

Nach München will sie auf keinen Fall zurück. Das ist ihr »zu eng und zu spießig«. Wenn überhaupt zurück, dann »nach Berlin«. Ihre erste Wohnung bezieht sie in Neukölln, gleich neben dem Flughafen Tempelhof. »Wenn die Flugzeuge zur Landung ansetzten, wurde es dunkel, so dicht flogen sie übers Haus hinweg! Aber das Kerosin roch so gut nach Ferne.« Kein Wunder, dass sie wieder auf Reisen geht, dass es nie etwas wurde mit einem geregelten, spießigen Lebenslauf. Zwar findet sie bald Arbeit, doch bleibt sie nur so lange, bis sie genügend Geld zusammen hat, um das nächste Ticket zu kaufen. Und diesmal geht es um die ganze Welt.

Mit ihrem Freund möchte sie durch Kaschmir bis nach Tibet reisen. Doch in Kaschmir herrscht ein Bürgerkrieg, für Ausländer gilt ein Reiseverbot. Die Berliner aber interessiert das wenig, sie setzen sich über alle Grenzen hinweg, nur nach Tibet kommen sie nicht. Doch sie bereisen Nepal, durchqueren ganz Indien, Thailand und Malaysia. Wo es ihnen gefällt, bleiben sie. Das Leben ist ein Fest. Und die Kamera ist immer dabei. »Aber in Malaysia bekam ich dann ganz plötzlich den Asienkoller. Da haben wir spontan einen Flug nach San Francisco gebucht.«

Dort kaufen sie sich ein altes Auto und kreuzen durch die Südstaaten. In Las Vegas versuchen sie, ihre Reisekasse aufzubessern, und trotz des Umweges über Mexiko sind sie pünktlich zum Jazzfestival in New Orleans, wo die besten Jazzbands der Welt sind. Das Geld wird langsam knapp, und sie teilen sich zu ermäßigten Preisen in einer Absteige das Zimmer mit Kakerlaken. Das Auto wird verkauft, und um an ein günstiges Ticket zu kommen, besorgen sie sich gefälschte Studentenausweise, und sie landen glücklich wieder in Berlin.

Das Fest ist vorüber, das Leben wird ernster. Meike beginnt, bei der Aidshilfe zu arbeiten, kümmert sich um Kranke und um Sterbende. Das ist härter als Kneipe. Nach drei Jahren machen die Nerven nicht mehr mit. »Das hält niemand auf die Dauer aus! Entweder du stumpfst ab, oder drehst durch.« Also geht sie zum Kinderzirkus Cabuwazi, wo sie die kleinen Akrobaten trainiert. Weil das mit Musik viel besser geht, und weil jeder Depp Gitarre spielen kann, greift sie sich ein Saxophon. Als die Subventionen für den Kinderzirkus wegfallen, fällt auch Meikes Arbeitsplatz weg.

Und dann, irgendwann vor 13 Jahren einmal, da brauchte Manne dringend eine Tresenhilfe für seinen Heidelberger Krug. Und weil Man-ne so ein richtiger Mann war, so einer, der eigentlich gut zu den bärtigen Gestalten im Lucky Moose gepasst hätte, hat Meike zugesagt. Und hat ihr erstes Bier im Krug gezapft. Seitdem hilft sie immer wieder mal aus, wenn der Wirt um Hilfe ruft.

Das Saxophon hat sie trotzdem nicht gleich an den Nagel gehängt. Die Kamera auch nicht. Im Gegenteil: Sie beginnt, auch in Berlin zu fotografieren, erhält den Auftrag, ein Projekt zur Förderung junger Einwanderinnen in Berlin zu dokumentieren. Bannt den Chamissoplatz auf Zelluloid. Doch das Fernweh ist längst chronisch, es dauert nicht lange, da kommt der nächste Schub. Ein kräftiger Schub, der sie weit fortkatapultiert. Erst in Alaska findet sie wieder festen Boden unter den Füßen. Und wieder ist die Kamera dabei. Und als der Überlandbus plötzlich anhält und sie den Grizzly am Straßenrand sieht, da ist es fast wie damals in Afrika, und sie steigt aus, pirscht sich heran, nimmt den Bär ins Visier, und dann: »Klack, Klack«. Alle erschrecken. Sie glauben, Meike »hätte durchgeladen«...

Wochenlang durchstreift Meike Gieschen mit ihrer Freundin die Wildnis, campt und fischt, sitzt am Feuer, rollt sich in den Schlafsack, kämpft gegen Mücken. Bis sie eines Tages hinter einer einsamen roten Zapfsäule am Highway ein Blockhaus entdeckt. Es ist die letzte Tankstelle vor der Grenze nach Kanada, an der hölzernen Wand hängen noch die alten Sägen, die Waage, die Pfanne, die verrostete Schaufel, mit denen sie einst nach Gold gruben. Und über der Tür das gigantische Elchgeweih. Und ein Schild: »For Sale«. Jetzt weiss sie, wo sie hingehört. »Ich hatte schon als kleines Mädchen immer davon geträumt, an irgendeinem Highway an der Tanke zu stehen. Irgendwo kurz vor dem Nirgendwo.« Irgendwo am 63. Breitengrad. Drei Grad vor dem Polarkreis.

Vielleicht wird sie die Tanke einem anderen überlassen. Einem echten Mann vielleicht. Aber in dem Blockhaus wird sie eine Kneipe aufmachen. Und über dem Geweih wird in großen Lettern stehen: Zum Glücklichen Elch -Lucky Moose. Denn manche dieser vielen Geschichten aus dem Heidelberger Krug haben einen echten Schluss. Manche sogar ein Happy End. •

Foto: Privatarchiv



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