Kreuzberger Chronik
Juni 2010 - Ausgabe 118

Essen, Trinken, Rauchen

Der neue Gast


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von Michael Unfried

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Es war 9 Uhr morgens, die Markthalle leer, aber bei El Naranco stopften sich zwei Männer bereits eine fette Tortilla rein und bestellten »zwei Tinto!« Der Mann mit dem Laptopkoffer neben der Tasse Kaffee beäugte die Hungrigen eher skeptisch. Sie waren unrasiert und unfrisiert, trugen ausgebeulte Hosen und alte Pullover. Das Besteck ignorierten sie und zupften mit den Fingern am spanischen Eierkuchen herum.

»Diese Tortilla, super: Pilze, Schinken, Chorizo, Paprika, Zucchini... – alles drin, was Spanien zu bieten hat. Oder die Albondigas en vino tinto, wie köstlich die schon aussehen, diese kleinen dampfenden Fleischbällchen in dieser rotglänzenden Rotweinsoße. Weißt du, ich war bei Tim Raue, im Paris-Moskau, in San Sebastian im teuersten Herrenclub. Und ich sag dir: Klaus ist der Beste. Klaus hat keinen Stern auf der Brust, aber er hat den Löffel in der Hand«, sagte der Unfrisierte und fuhr sich mit dem Handrücken über die fettigen Lippen.

Der Mann am Nebentisch verzog den Mund.
»Das Lamm mit Fenchelgemüse zum Beispiel. Ich hasse Fenchel. Viel zu aufdringlich. Aber hier, das ist phantastisch...«
Der Mann mit dem Laptop hob den Finger: »Zahlen bitte!«
»Klaus, hast du Kaninchen mit Lorbeerblättern und Zimt?«
»Zahlen bitte!«, rief der Kaffeetrinker.

Klaus hörte nichts. Klaus war am Kochen. Plötzlich aber stand das Kaninchen auf dem Tisch, daneben ein Teller mit vier Spargelröllchen, grünem Spargel, eingewickelt in Serranoschinken. »Die spendier ich!«, sagte Klaus und strahlte ein bisschen.

»Ich möchte jetzt bitte zahlen!«, sagte der Mann und hob den Finger wie in der Grundschule.

Klaus Brünger sah zu, wie die beiden Männer sich auf das Kaninchen stürzten. »Leute gibts hier!«, sagte er dann. Die Männer kauten. »Hier sind neuerdings Leute, sag ich euch, ganz komische Leute. Solche Leute gabs hier früher nicht. Samstags reißen die sich die Stühle unter dem Hintern weg, um ein Glas Wasser zu trinken, ständig wollen sie was, und dann wollen sie es wieder nicht. Das eine ist ihnen zu teuer, das andere zu billig. Unangenehme Leute, ganz unangenehme Leute. Trinken morgens ihren spanischen Kaffee, aber reden kein Wort. Und dann heben sie den Finger und glauben, ich würde springen.«

»Ich möchte jetzt bitte endlich zahlen!«

»Geht aufs Haus«, sagte Klaus Brünger. »Vorausgesetzt, Sie beehren mich nicht noch einmal.«

»Und dann diese Alubias blancas á la Asturia, ich sage dir, solche Bohnen wie bei Klaus hast du noch nicht gegessen...« •


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