Kreuzberger Chronik
Juni 2010 - Ausgabe 118

Geschäfte

GrünWest - politisch korrekte Kleidung


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von Erwin Tichatschek

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Ursula Avalos macht es wie die Bio Company: Sie sucht sich einen Standort mit politisch grüner Klientel. Doch ist bei GrünWest alles etwas anders


Die Dielen sind alt und abgelaufen, die Wände weiß und grob verputzt. Keine Dekoration, keine werbenden Schriftzüge. Nur rechts neben der offenen Tür, wo weiße Leinenvorhänge zwei Garderoben verraten, ist mit grasgrüner Farbe das Logo »GrünWest« auf den Stein gemalt. An zwei langen Metallstangen hängen die Kleiderhaken mit Jacken, Pullovern, Shirts und Hemden aus Paris, London und Berlin. Nichts lenkt ab von dem, worum es hier geht: Mode.

Doch nicht irgendwelche Mode. GrünWest verkauft Biomode. Und nicht nur bio allein, sondern auch »Fair Made«, »Recycled«, »Handmade« oder für »Veganer«, die nicht erst bei geschlachteten Robben, sondern schon bei einem winzigen Knopf aus Perlmutt oder blank poliertem Horn unter Gewissenskonflikten leiden.

Ursula Avalos wundert es nicht, dass Christines Trödelladen voller Pelzmäntel zwischen den zeitgerechten Biosupermärkten keine Chance mehr hatte. »Pelze sind out«, sagt die neue Modeverkäuferin. Deshalb musste sie nach einem Nachmieter suchen, während Ursula Avalos gerade auf der Suche nach einem geeigneten Standort für ihre Idee mit den Grünen Klamotten war. Auf der Wunschliste standen alle Grünen Bezirke, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Schöneberg, Kreuzberg. Die Friesenstraße kannte sie noch nicht, doch jetzt ist sie begeistert. »Die Leute hier sind total nett«, und viele von ihnen sind genau wie sie erst seit kurzem in der Straße. So wie mjot an der Ecke zur Arndtstraße, wo Il Ghiottone mit seinem kleinen Mittagstisch und italienischer Feinkost fünfzehn Jahre lang den Kreuzbergern mehr und mehr ans Herz gewachsen war. Jetzt gibt es dort nichts mehr für den Alltag, sondern eine Art Kindergeschenkladen mit exquisiter Kinderkleidung, Gummistiefeln, Kindergeschirr und Brottaschen aus Filz für 35 Euro. Luxuriöses, eher für den Feiertag als für den Alltag. Und weniger für die Einheimischen als für jene, die zum Shoppen nach Kreuzberg kommen.

Viele der neuen Geschäfte setzen auf Laufkundschaft, am liebsten auf internationale, so wie Sascha und Juan mit ihrer »Go lightly Coffeebar« und ihren zwei Tischen in der Sonne, an denen auch Ursula und ihr Freund Jost Kaffee trinken. »Die Atmosphäre ist wirklich nett, man kennt sich und hilft sich. Prenzlauer Berg ist da schon anders. Und es sind auch nicht alle neu hier. Uschi mit dem Möbelladen ist schon eine Ewigkeit hier«, sagt Ursula Avalos, und meint mit der Ewigkeit zehn Jahre.


Foto: Michael Hughes
Wer von den Neuen in der Straße nicht auf Laufkundschaft setzt, der spekuliert auf die Pseudo-Alternativen, die nach erfolgreichem Studium, ersten Stufen auf der Karriereleiter und Gründung einer vierköpfigen Familie in Kreuzberg ein angenehmes Wohnumfeld suchen, und bei denen alternative Kochschulen mit werbewirksamen Namen sofort in a la munde sind, und die vom phantastischen Angebot an Shiatsu-Studios und Biosupermärkten in Kreuzberg noch schwärmen können. Und auf den ersten Blick scheint es, als wolle auch Ursula Avalos auf diesen Zug aufspringen und schnell noch eine Marktlücke ausfüllen. Doch Ursula Avalos ist anders. »Ich müsste das nicht machen. Ich habe meinen Job, mein Freund auch. Und wenn wir abends nach der Arbeit in den Laden kommen, dann fragen wir uns manchmal, warum wir das eigentlich machen. Verdienen tun wir eh nichts damit im Moment!«

Ursula Avalos kam nach der ersten Etappe ihres Studiums als Aupairmädchen nach Frankfurt, wo sie Jost kennenlernte, der sie nach Berlin mitnahm. Jetzt hat sie ihr Studium abgeschlossen, arbeitet als Redakteurin in einem Schulbuchverlag, sitzt tagsüber vor dem Computer und ist froh, wenn sie danach in den kleinen Laden mit den Holzdielen kommen und die biologische Baumwolle ihrer Pullover glatt streichen kann. Wenn Menschen zu ihr hereinkommen, denen sie von ihrem Onkel in San José de Costa Rica erzählen kann, der jeden Sonntag mit ihr zum Fluss ging, nur um den Müll herauszufischen. Von der Mutter, die ihre Familie schon damals makrobiotisch ernährte und 3 Kilometer mit dem Auto fahren musste, um den Papiermüll zu einer Sammelstelle zu bringen. »Hier steht in jedem Hof eine Tonne, und Bio-Socken gibt es bei C&A. In Costa Rica ist umweltbewusstes Leben noch harte Arbeit.«

Nein, Ursula Avalos geht es nicht ums Geld. Sie ist eine Überzeugungstäterin. Wie jene, die in den Siebzigern in den ersten Bioläden winzige Kartoffeln verkauften. Mode, das hat sie »eigentlich nie wirklich interessiert«. Jetzt hat sie nur ausgesuchte Stücke in ihrer kleinen Kollektion. Die schwarze Baumwolljacke mit dem Gürtel fällt ins Auge, der Pullover sieht trotz Troddeln und Zöpfen kaum nach romantischer Naturbewegung aus. GrünWest hat Stil. Nur die Unterwäsche sieht noch etwas frühchristlich aus. Aber eines Tages wird es bei GrünWest vielleicht auch Wäsche aus 100% biologischer Seide geben. Maulbeerbäume sind genügsam. Nur die 100%igen Veganer, die müssten weiter Baumwolle tragen. •


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