Kreuzberger Chronik
Juli 2010 - Ausgabe 119

Essen, Trinken, Rauchen

Das Café Stresemann


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von Horst Unsold

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Currywurst und Art Déco


Das Café Stresemann ist die pure Nostalgie. Nicht nur der Art Déco der Einrichtung, der noch aus alten Mokka-Express-Zeiten und dem späteren Schottenhaml stammt, nicht nur die dunkel getäfelten Wände, die Marmortische und die vom Alter ächzende Holztreppe, die sich elegant die Galerie hinaufschwingt, von wo die Gäste über die Balustrade hinweg einst einen unverstellten Blick auf die Tür genossen und genau beobachteten, wer mit wem kam und wer mit wem ging - nicht nur das erinnert an die glanzvollen Tage, als sich unter dem Stuck der Rauch würziger Orienttabake zu einem undurchdringlichen Nebel verdichtete, in demzwielichtige Geschäfte abgewickelt, Karten gemischt und Mädchen geküsst wurden und das Leben ein einziges Fest war.

Nein, auch die Öffnungszeiten erinnern an die Zeiten des Aufbruchs, als die Tage nicht um 10 Uhr, sondern um 7 begannen, und um 3 endeten. Sogar die Speisekarte mit ihrer »mediterranen Reispfanne« und dem obligaten »Wiener Schnitzel« weist Reminiszenzen wie den »Sauren Matjes« und die »Kalbsleber nach Berliner Art« auf. Doch der Preis der »Curry mit Pommes« katapultiert den Gast mit Lichtgeschwindigkeit in die Gegenwart zurück: 8,25 kostet das Stück.

»Sagen Sie, ist das nicht übertrieben?«, fragt schüchtern ein Gast. »Sie müssen es ja nicht essen«, antwortet der Kellner ganz nach Berliner Art. Doch der Gast versteht den Berliner Spaß nicht. Die Gäste sind ja auch keine Berliner mehr. Keine Droschkenfahrer, die zur morgendlichen Stulle kommen, keine Reisenden vom gegenüberliegenden Anhalter Bahnhof, keine leichten Mädchen mit von Tränen verwischten Lidschatten spät in der Nacht. Heute bevölkern Touristen das Café. Lauter Menschen, die auf dem Weg vom Potsdamer Platz zum Jüdischen Museum, oder vom Jüdischen Museum zum Potsdamer Platz vorbeikommen. Familien mit Kindern, Ehepaare, Studenten, Lehrer, Rentner, schwule Bildungsreisende aus Bielefeld oder Osnabrück, Reisegruppen aus Gera oder Tokio, und zwei blondierte Freundinnen aus Mannheim, die sich über den Urlaub auf Mallorca unterhalten.

Steif und ungelenk sitzen sie in ihren hellblauen und hellrosa Anoraks auf ihren Stühlen, hilflos schauen sie auf den Frühstücksteller mit Schinken und Käse und Ei und der obligaten Orangenscheibe. Unsicher pieksen sie mit dem Zahnstocher nach den Trauben, die immer wieder vom Teller hüpfen wollen. Und ganz kleinlaut fragen sie dann den Kellner, ob sie »noch ein Brötchen« haben können.

»Ne Schrippe wolln Se oder was?« fragt der Kellner nach Berliner Art. Die blonden Touristinnen nicken brav nach westfälischer Art. Als er endlich weg ist, fragt die mit dem gehäkelten Schultertuch: »Weißt du eigentlich, was ne Schrippe ist? •

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