Kreuzberger Chronik
Juli 2010 - Ausgabe 119

Herr D.

Der Herr D. im Fahrstuhl


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von Hans W. Korfmann

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Warum der Herr D. den Journalisten nicht mochte

Im Haus des Herrn D. wohnten nur noch wenige Hausbesetzer. Die meisten waren Hausbesitzer. Auch dieser Journalist aus dem fünften Stock, der kaum ein Wort wechselte mit dem Herrn D. Doch kürzlich, als die beiden wieder einmal schweigend im Fahrstuhl standen, fragte er: »Was machen Sie denn jetzt mit Ihrem Geld?« Der Herr D. sagte, dass er kein Geld hätte. »Aber, wenn Sie nun mal was...« Da ging die Tür auf, Frau Goldstein aus dem zweiten Stock trat ein – frisch frisiert und parfümiert auf dem Weg zur Bank.

»Und was machen Sie mit Ihrem Geld?«, fragte der aus dem Fünften. »Sie sind doch vom Fach!« – »Gold«, sagte Goldstein. – »Weils auch gerade so billig ist, was!«, höhnte der Zeitungsmann. Die Tür ging auf, Herr Berger aus dem ersten Stock stieg zu.

»Ich hab kein Geld, nur Gold« sagte Berger – »Und wo haben Sie das gekauft?«, fragte der Journalist. »Luxemburg, da sparen Sie die Mehrwertsteuer. 19 Prozent!« -»Und da sind Sie einfach zur Bank gegangen und haben gesagt, ich möchte Gold?« – »Ja, genau. Ich war mit meiner Frau da. Erst haben wir uns ein Hotel genommen, gute Lage, dann sind wir in die Bank. Die haben uns bedient, als würden wir ne Wurstsemmel kaufen. Und dann haben wir den Mann am Schalter nach einem netten Lokal gefragt. Da sind wir dann auch hingegangen. Das war sein Glück«, lachte Berger. - »Wieso?« – »Weil er sich verrechnet hatte. Zu unseren Gunsten. Und als wir aus dem Lokal wieder rauskommen, da stand er vor der Tür und fragte ganz schüchtern, ob wir ihm das überschüssige Gold wieder zurückgeben könnten!«

Der aus dem Fünften lachte. Die Goldstein auch. »Ich sagte, dass das Gold im Hotel sei, aber dass ich es am nächsten Tag vorbeibringen könne.« – »Das hätte ich auch gesagt«, rief der Journalist. »Aber der wollte Sie doch sicher sofort ins Hotel begleiten?«, fragte die Goldstein. »Überhaupt nicht. Er bedankte sich und ging wieder.« – Die Nachbarn lachten noch lauter, und der Herr D. dachte, die Geschichte sei zu Ende. Doch Berger erzählte weiter: »Als wir das Gold am nächsten Tag zurückbrachten, kam der Chef der Bank und bedankte sich bei uns.« Da hörte man einen Moment lang nur noch die Drahtseile des Fahrstuhls. Dann prustete die Bankerin los: »Na, davon können Sie jetzt aber auch keinen Kaffee mehr trinken!«, der Journalist bekam einen Lachanfall. Berger sah den Herrn D. verständnislos an.
»Die Herrschaften meinen, dass Sie noch blöder waren als der Banker. Sie hätten mit dem Gold verschwinden müssen!«
»Ach wissen Sie«, sagte Berger, »wenn die Banken und ihre Kunden nur halb so ehrlich wären wie wir damals, dann säßen sie heute nicht auf einem Haufen wertloser Papiere.« •


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