Kreuzberger Chronik
Februar 2010 - Ausgabe 114

Kreuzberger
Karl Ringena

Ich bin dafür, dass ich dagegen bin


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

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Kalle seufzt, wenn er die Bilder aus den Siebzigern sieht. Die Partys bei ihm oben auf dem Dach. All diese Mädchen, eine schöner als die andere, halb nackt lagen sie auf dem Dach, auf dem Sofa. »Ach«, sagt er dann, »das war auch eine ganz Süße!« Es klingt wie ein ehrliches Kompliment. Und ein kleines bisschen traurig.

Karl Ringena sitzt am Schreibtisch, drei Bildschirme vor sich, alte Zeitungen, Hobo, die Erstausgabe der zitty, alte Fotografien. Er schneidet und kopiert gerade alte Super-Acht-Filme auf CD-Scheiben. Filme, die sein Vater, der Pfarrer von Hoogstede, seit dem Jahr 1957 über seine kleine Gemeinde an der holländischen Grenze gedreht hat. Szenen von Hochzeiten, Beerdigungen, Feierlichkeiten, dem Hochwasser oder der Ernte. Entstanden ist eine bemerkenswerte Chronik, ein Zeitdokument auf fünf DVDs. Auch die vielen Schwarzweißfilme, die der Pfarrerssohn mit der Edixa verknipste, hat er eingescannt. Es hat Monate gedauert, nun ist sein Leben in chronologischer Ordnung.
Sentimental ist Karl Ringena trotz der übermächtigen Vergangenheit nicht geworden. Er genießt das Rentnerleben, fährt mit seiner Freundin nach New York, nach Hongkong, auf die Kanaren. Sie essen beim Italiener, gehen auf Konzerte, besuchen Freunde in Hamburg. Ständig klingelt das Telefon, taucht Besuch auf in seiner Wohnung unter dem Dach am Mehringdamm. Seit 1971 wohnt er hier. Ein Jahr zuvor hatte der Kunststudent seine Mappe bei der Akademie für Grafik, Kunst und Werbung, der späteren HDK, vorgelegt; der Professor sah ihn an udn meinte: "Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was ich mit Ihnen anfangen soll". Karl Ringena fiel die Kinnlade herunter. "Sie können doch schon alles!"

Seitdem ist Karl Kalle. Ein Berliner. Zuerst wohnte er bei Frau Haupert in der Witzlebenstraße. Sie stellte dem Pfarrerssohn jeden Morgen eine Thermoskanne mit Kaffee auf den Tisch. Als er eines Tages sagte, er habe eine Fabriketage in Kreuzberg gefunden, antwortete sie: »Überlegen Sie sich das! So gut wie hier ham Ses nirgends mehr«.
Doch Kalle war nicht zu halten. Er kann sich noch gut erinnern, wie er zum ersten Mal in den Höfen am Mehringdamm stand. An einem Samstag 1971. In der Morgenpost hatte er gelesen: »Atelier, auch zu Wohnzwecken geeignet, für 250 Mark zu vermieten.« Der Besichtigungstermin war am Mittwoch, aber Kalle war nicht zu halten. »Im ersten Hof hingen über dem Geländer zum Kellereingang frisch gegerbte Felle zum Trocknen. Die gehörten Klöditz, dem Kürschner, von dem alle erzählten, er sei Millionär. Er sah Kalle an, sagte eine Weile gar nichts, und dann murmelte er: »Das Leben ist nur ein Verdacht!« Noch heute bringt dieser Satz Kalle zum Grübeln. Trotz der vielen Bilder, die Kalles reale Existenz beweisen.

Kalle ging weiter bis in den 3. Hof, stieg die 111 Stufen bis zum Dachgeschoss hinauf, stand endlich vor der schweren Eisentür, auf der ein Zettel klebte: »Bitte stark klopfen!« Kalle klopfte noch einmal, wartete, endlich hörte er ein Schlurfen. Wenig später sah ein langhaariger Architekt durch den Türspalt. »Der Termin ist doch erst Mittwoch!« Aber Kalle war nicht zu halten, er drängelte, bis der Hippie nachgab: »In einer halben Stunde, es ist gerade ungünstig«. Zwei Stunden später lag die Frau noch immer nackt im Bett auf der Matratze, dem einzigen Möbel im Atelier. Außer dem Lager, der Stereoanlage und dem Telefon war die riesige Dachwohnung komplett leer geräumt.
Es war Februar, und die Dampfheizung produzierte eine tropsiche Hitze. Kalle war begeistert, da sagte der Langhaarige, es gebe noch ein Problem. Kalle fiel die Kinnlade herunter. Der Mann wollte Abstand. Doch dann deutete er auf das Waschbecken, das er montiert hatte. "40 Mark will ich dafür schon haben!" Kalle strahlte wieder.
Seitdem wohnt Kalle über den Dächern von Berlin, mit Sonnenschirm und Sitzecke zwischen Schornsteinen, frühtstückt mit Kaffee und gekochtem Ei, Zeitung und Radiomusik, Freunden oder Freundinnen. Lässt den Blick über die Stadt schweifen und erinnert sich an die Partys, die sie einst hier feierten. "Es gab ja jede Woche irgendwo ne Party damals!" Die Party in der Dachluke zum Beispiel, wo lauter Teenies tanzten, alle um die fünzehn, eigentlich "nicht wirklich die Kragenweite" von Kalle und seinen Freunden. Aber sie gingen halt mal rüber, und plötzlich fingen sie auf der Tanzfläche zu raufen an, und Diskjockey Gunter "schwang sich übers Pult".
Wenig später standen alle drei friedlich am Tresen, Bierflaschen
Gunter Fabriel mit Kofferradio auf dem Dach Foto: Privatarchiv
an den Lippen. Kalle war beeindruckt, stellte sich daneben, und Gunter fragte: »Willste auch ´n Bier?« Stunden später drückte der Streitschlichter dem neuen Freund zum Abschied eine Schallplatte in die Hand, signierte sie und schrieb das Datum darauf: 9. Dezember 1972. Gunter Gabriels Scheibe hat heute einen Ehrenplatz unter Kalles 150.000 Singles.

Denn der 9. Dezember war der Beginn einer langen Freundschaft. Immer wieder kam der Schlagersänger nun zum Mehringdamm und machte es sich mit einem Drink und einem Kofferradio bei Kalle auf dem Dach bequem. Sie feierten Partys und Weihnachten zusammen, verbrachten den Sommer am Strand auf Juist, der eine als Diskjockey, der andere als Rettungsschwimmer. Und irgendwann, viel später, schrieb Kalle sogar einen Text für den Sänger zum Thema Tempelhof: »Der Flugplatz der muss weg, so spricht der Häuptling von Berlin -Doch ich bin dafür, dass ich dagegen bin...«
Anfang der Siebziger hatte Kalle mit Musik nicht viel zu tun. Vormittags studierte er und nachmittags saß er bei Hobo, dem Vorläufer der zitty. Saß in einer Reihe mit den anderen Grafikern, die im langen Flur an den Lichttischen hockten. Und jeder, der hereinkam, musste sich zwischen ihnen hindurchzwängen. Auch die Handverkäufer, die ständig zum Abkassieren kamen. Als Kalle sah, wie viele Scheine da die Besitzer wechselten, ließ er die Kunst Kunst sein und verdiente fortan nicht mehr sechs, sondern dreißig Mark die Stunde. Und klopfte den armen Kollegen an den Lichttischen jedesmal freundlich auf die Schulter, wenn er zum Abkassieren bei ihnen vorbeikam.
Kalle war ein guter Verkäufer. Sogar eine nackte Flitzerin brachte er zum Stillstand. Als die nackte Dauerläuferin den charmanten Zeitungsjungen vor dem Café Bleibtreu sah, blieb sie augenblicklich stehen. Obwohl sie ja eigentlich »gerade kein Geld dabei« hatte. Zufällig war Boris, der Fotograf zur Stelle. Für ein Bier überließ er dem Hobo-Verkäufer die Aufnahme, die heute zu jenen Bildern in Kalles Sammlung gehört, die ihn am lautesten seufzen lassen. So wie das Bild von Birgit im Viktoriapark auf dem Kreuzberg. Birgit hatte ihm noch einen Pullover gestrickt, dann war sie auf dem Cover des Playboy, jetzt ist sie in New York. Kalle seufzt.

Die kaufmännische Laufbahn des Straßenverkäufers endete, als Kalle in Tempelhof als Kunstlehrer begann. Die ersten Jahre waren lustig, der Lehrer war kaum älter als die Schüler. Die Bilder von den Schülerpartys auf dem Dach zeigen eine ausgelassene Gesellschaft. Mit der Zeit jedoch wurde die Schule zum trockenen Brot. Die Enge
1974, als Starverkäufer von Hobo Foto: Privatarchiv
der Räume schmeckte anders als die große Freiheit, die ihn nach Berlin gelockt hatte. Wären da nicht die Partys gewesen, hätte Kalle die Lehrerlaufbahn wahrscheinlich bald wieder verlassen.
Doch die Partys gingen nie aus. Auch 1979 nicht. Ein entscheidendes Jahr für Kalle. Da nämlich lernte er Dagmar kennen. Und da war diese Party bei »Hübi«, dem stadtbekannten Drummer. Auf der er Jutta kennen lernte. Sie sah auf seine verschieden farbigen Plateauschuhe und fragte, ob er nicht in ihrer Band spielen wolle, sie hätten gerade einen Sänger verloren. »Nee, ich glaub, das ist nix für mich«, sagte Kalle. Aber als Jutta zwei Tage später anrief, wurde Kalle schwach. Und wurde der Sänger von Sunday.

Und dann irgendwann kam der denkwürdige Tag, als Kalle sich in seiner Lieblingssendung wiedersah: Szene 79, moderiert von Thomas und Anthony. Freitagnachmittag um 17 Uhr im 1. Programm. »Das musst du dir mal vorstellen, da tauchst du plötzlich in deiner eigenen Lieblingssendung auf! Heute undenkbar!« Aber damals war alles möglich. Thomas Gottschalk trug noch Latzhose, als er »Sunday aus Berlin« ankündigte, und Motörhead gebärdete sich in der Umkleide noch genau so, wie sich richtige Rocker eben benehmen. »Die waren komplett besoffen und grölten rum. Wir haben uns da lieber fern gehalten.« In allen möglichen Fernsehsendungen sah Kalle sich plötzlich wieder, in der Drehscheibe und in Michael Schanzes Show-Express, eines Tages stand er neben Indianerhäuptling Pierre Brice, und die BZ titelte: »Vier auf Erfolgskurs, nur so zum Spaß. «Tatsächlich blieb Sunday immer eine Amateurband. »Wir hatten alle unsere Jobs«, es wurde nie Ernst aus der Sache. Zwei Singles produzierte er mit Sunday, tourte über Bühnen und durch Fernsehstudios. Natürlich hat Kalle alle Auftritte »in Funk und Fernsehen« auf DVD gebrannt. Auch den letzten
Foto: Privatarchiv
Auftritt, zwölf Jahre nach der eigentlichen Auflösung der Band. Das Revival sollte eine Überraschung für den Chef des Café Keese auf der Reeperbahn sein. Jahrelang war Sunday dort zu Silvester aufgetreten, und zum 65. Geburtstag des alten Reeperbahnkönigs standen sie plötzlich als Überraschungsgäste auf der Bühne. Und der alte Klaus Tietje hatte Tränen in den Augen.

Danach war endgültig Schluss mit Kalles Bühnenexistenz. Allerdings markierte das Ende seiner musikalischen Karriere den Beginn der Karriere von Dieter Bohlen. Er war für Kalle eingesprungen und hatte zwei Platten mit den singenden Mädchen produziert. Heute ist er einer der bestverdienenden Profis im Showgeschäft.
Kalle sieht das neidlos. Er sortiert die alten Fotografien. Sitzt vor seinen vier Rechnern, den drei Bildschirmen, flaniert an seiner gewaltigen Plattensammlung vorüber, der Armbanduhrensammlung, den bunten Bildern und dem bunten Globus, den Willi Mühlenhaupt mit einer Welt bemalt hatte, wie er sie sich vorstellte. Sitzt inmitten all der kleinen Fundstücke, die sich im Laufe eines Lebens so ansammeln. Manchmal träumt er von damals und seufzt leise. Bis das Telefon klingelt. Es ist Dagmar. Seit 1979 sind sie ein Paar. 1979 war ein Schicksalsjahr. Dagmar hat Lust, zu verreisen. Kalle wirft einen Blick auf seinen Bildschirm, es zeigt die Beiden hoch oben, über den Dächern der Welt. Nicht im Viktoriapark, sondern auf dem Victoria Peak in Honkong. Er hält den Hörer in der Hand und denkt: »Nee, ich glaub, das ist nichts für mich!« Dann sagt er:»OK, machen wir!« •

Foto: Privatarchiv


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