Kreuzberger Chronik
Februar 2010 - Ausgabe 114

Reportagen, Gespräche, Interviews

Mulitkulti comes back


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von Horst Unsold

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Immobilienhaie und Politiker schwärmen vom Karneval der Kulturen. Einen Radiosender für die Berliner aus 180 Nationen wollen sie nicht.


Am 31. Dezember 2008 um 12 Uhr Mitternacht herrschte auf der Ultrakurzwellenfrequenz 96,3 – dort, wo zuvor türkische, arabische, spanische Musik erklang – für einen kleinen Moment Funkstille. Danach übernahm der WDR die Frequenz. Der RBB hatte dem vielsprachigen Berliner Kultsender endgültig gekündigt. Doch schon zwei Stunden zuvor hatten sich die Radiomacher von Multikulti an einem anderen Ort wieder bemerkbar gemacht. Von einem Schiff im Treptower Hafen aus versorgten sie ihre Fans über das Internet mit ihrem Programm. Und schon in den ersten Wochen meldeten die alternativen Radiomacher 50.000 Zuhörer.
Das Verschwinden des Senders aus dem terrestrischen Raum war peinlich für die Hauptstadt. Nachdem 1997 der heimliche Ost-Sender Radio Brandenburg spurlos aus dem Äther verschwand, waren es nun die ausländischen Bewohner Berlins, die »ihren« Sender verloren. Während die Stadt Millionen in ihr multikulturelles Image investierte, hatte sie für einen vielsprachigen Radiosender kein Geld mehr.

Dabei war Radio Multikulti mehr als nur billige Imagepflege. Multikulti war ein reales Angebot für die Bewohner dieser Stadt. Besonders für die 230.000 Türkisch sprechenden Bewohner. Jetzt hören sie Metropol, einen Privatsender, der seine Landsleute eher mit Nachrichten aus der Heimat als mit Beiträgen aus Berlin versorgt. »Nichts gegen Metropol«, sagt Ebru Tasdemir, die 1997 bei Multikulti ihr Praktikum absolvierte und anschließend in der deutschen Redaktion arbeitete, »aber das ist doch eher so ein türkischer Hausfrauensender. Was wir brauchen, ist ein anspruchsvolles Radio, das Berlin-spezifische
Themen aufbereitet. Sarrazins verbale Ausrutscher zum Beispiel wären doch ein schönes Thema gewesen. Mit deutschem O-Ton und türkischem Kommentar. Die deutschsprachigen Medien berichteten reichlich darüber. Aber die, die es anging, brachten lieber Musik.«
Auch der WDR mit seinem »Funkhaus Europa« böte wegen seiner geographischen Distanz zu Berlin keine Alternative zum multikulturellen Hauptstadtradio. Außerdem muss auch der WDR seit Januar auf einige seiner fremdsprachigen Sendungen verzichten, so auf die griechischen und spanischen Beiträge, die der Hessische Rundfunk für den WDR produzierte. Doch die Hessen haben, Koch sei Dank, die Produktion ausländischer Sendungen eingestellt. Ebru Tasdemir sieht die türkische Sprache, und damit ein Stück türkischer Kultur, »auf dem Rückzug. Sogar DPA hat seinen Service in türkischer Sprache eingestellt.«

Doch Multikulti könnte dem Untergang der Vielsprachigkeit ein Schnippchen schlagen. Britta Gabrin, die Geschäftsführerin von multicult2.0, dem Internetauftritt des Radiosenders, jedenfalls ist optimistisch. »Als wir vom Hafen aus zu senden begannen, waren es vielleicht 20 Leute. Aber es gab einen ziemlich großen Sympathisantenkreis. In einem Monat hatte sich die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter verdreifacht. Irgendwann waren da 120 Leute.«
Auch Sponsoren fanden sich schnell. »Geldspenden, Computer, elektronische Ausrüstung, wir bekamen alles geschenkt«. Sogar die Software zum Schneiden. Nur die Telekom lehnte ab, als die Radiomacher feststellten, dass sie ein leistungsstärkeres DSL-Kabel durch die Spree legen mussten. Der rosarote Konzern hatte für das bunte Volk wenig Sympathie. Also musste das Team sein Tonstudio auf der »MS Heiterkeit« verlassen und zurück ins Haus der Kulturen der Welt ziehen -dorthin, wo die Geschichte vor 15 Jahren mit dem Clubradio begonnen hatte.
Damit begann ein Nomadenleben für die Radiomacher, schon bald zogen sie weiter und quartierten sich mit Mischpult und Computern in verschiedensten Wohnungen ein. Oder sie schlugen ihr Zelt – »das sah wirklich wie ein Zelt aus, weil wir unser Studio dort nur mit Hilfe von dicken Decken und Planen schalldicht bekamen« - in einer leer stehenden Galerie auf. Derzeit senden die Radionomaden aus einem Studio in der Naunynritze. Womit sie endlich da gelandet sind, wo sie eigentlich auch hingehören: in Kreuzberg.

Und da wollen sie auch bleiben. Als die Radiomacher auf der Suche nach Sponsoren durch die Marheinekehalle liefen, erfuhren sie
von der leer stehenden Galerie. Dort soll nun ein gläsernes Studio entstehen. Ein Studio mit drahtlosem, superschnellem Anschluss an die Öffentlichkeit. Ein Sender auf dem Marktplatz, nur eine Treppe entfernt vom traditionellen Umschlagplatz der Meinungen. Das Radio »vor Ort« wird auch der imagegeschädigten Markthalle gut tun. Mit dem geplanten Café im ersten Stock könnte die Galerie zur Bühne, das Studio zum Treffpunkt werden. Zumal dort »Live-Sendungen mit kulturellen und politischen Inhalten« produziert werden sollen. Musiker könnten auftreten, Filmemacher erzählen, Politiker streiten. Während sich hinter dem Glas die Tonmeister um die Technik kümmern, können die Redakteure im Café oder aus der Halle O-Töne einholen. Der Ort ist ideal für ein modernes Radio, das auf den Dialog zwischen Hörer und Sender und neue technische Möglichkeiten setzt.

»Bislang schickten die Sender ihre Redakteurinnen und Reporter in die Welt hinaus, um O-Töne einzufangen. Heute kann jeder, der eine Zweizimmerwohnung und einen PC hat, eine Sendung produzieren«, die er dann an den Sender schickt. So wie Autoren ihre Artikel an die Zeitungen schicken. Sagt Britta Gabrin.
Dabei stand die Moderatorin, die zehn Jahre das Mittagsmagazin gestaltete und lang konventionelles Radio gewohnt war, dem Internetradio zunächst skeptisch gegenüber. Doch sie sah ein, welche Möglichkeiten es bot. Seit Dezember sendet multicult2.0 die erste fünfminütige Sendung in mehreren Sprachen gleichzeitig. Per Mausklick können die Zuhörer zwischen verschiedenen Sprachen wählen, wenn sie die Kindergeschichten von »Multipieps« wollen. »Internetradio ist das Radio der Zukunft«, sagt Gabrin, »aber wir leben eben noch in der Gegenwart. Und deshalb brauchen wir dringend ein paar terrestrische Sendestunden.«

Auch Ebru Tasdemir hat das Gefühl, dass die Deutschen »an ihrem Küchenradio hängen. In Amerika ist das Internetradio schon viel weiter.« Also haben die Radiomacher sich um eine neue Frequenz beworben. Einige Stunden am Tag wollen sie auch im Äther wieder unüberhörbar sein. Wer sonst sendet in Berlin auf Albanisch, Arabisch, Polnisch, Kurdisch? Bis heute ist Multikulti der einzige Sender in Deutschland, der ein vietnamesisches Programm ausstrahlt. Demnächst wollen sie chinesisch senden, komplett unzensiert, »darauf warten die Chinesen in ganz Europa!«

Multikulti hat seinen Platz im Äther verdient. Doch auch, wenn sie keine Frequenz bekommen sollten, werden sie weitersenden. Via Internet, 23 Stunden am Tag. Aus der Marheinekehalle. Auch wenn Politiker wie Sarrazin das Gefühl haben sollten, dass fremdsprachige Sendungen der Bildung von Subkulturen und Parallelgesellschaften Vorschub leisten. »Wenn ein Spanier hierher kommt und Deutsch lernen möchte, dann muss ich den doch erst mal auf Spanisch ansprechen, das ist doch selbstverständlich«, sagt Klaus Brünger, der in der Halle Chorizo und Vino Tinto verkauft. Doch nicht nur Gemüsehändler und Biobäcker begrüßen den Sender. Auch Rashidii Graffity, der im Sommer seine Gitarre vor der Halle auspackt, um ein paar Euro zu verdienen, ist ein Fan und ein alter Bekannter von Multikulti. Jetzt könnte sein Livingroom ein Programmteil des Radiosenders werden. Vor einigen Tagen traf sich der Musiker aus Philadelphia mit Freunden, um eine erste Sendung aufzunehmen: Live aus Rashidiis Livingroom. Und damit mitten aus dem Herzen Kreuzbergs. •


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