Kreuzberger Chronik
Februar 2010 - Ausgabe 114

Herr D.

Herr D. trifft die Augen des Meeres


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von Hans W. Korfmann

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Es glich einem Wunder, dass der Herr D. noch gerne las. Nach all den schlechten Büchern und den peinlichen Buchmessen, in denen es nicht mehr um Worte, sondern nur noch um Zahlen ging.
Aber das Lesen war seine Passion. Auf der Suche nach den Körnern im Spreuhaufen der Gegenwartsliteratur las er das Feuilleton. Obwohl es meist nicht die Literaturkritiker waren, die ihn auf die richtige Spur brachten. Meistens war es der Zufall. Einer ereignete sich an der Rezeption einer kleinen Pension an der Südküste Kretas. Der Herr

D. besah sich die schmalen Rücken der Bücher in der aus zwei ungehobelten Brettern bestehenden Bibliothek, die Maria Gianedakis aus all den vergessenen, ausgelesenen Hinterlassenschaften ihrer Sommergäste zusammengestellt hatte. Maria zog eines heraus und sagte: »Unsere beste Autorin. So wahr das hier die Küste des Libyschen Meeres ist und dahinter Afrika liegt«.
Also las der Herr D. »Die Frauen von Andros«, einen Titel, zu dem der Fan des Moby Dick nie gegriffen hätte. Doch es war ein Buch über das Meer, ein faszinierendes, von einer dichten und eindringlichen Sprache schweres und betörendes Buch. Seitdem stand der Name Karystiani ganz oben auf der Bestsellerliste des Herrn D, seitdem durchsuchte er jeden Samstag das Feuilleton nach ihrem Namen. Vergeblich. Bis sie eines trüben Januartages, als der Herr D. auf der Suche nach einer Spur von Licht zum Griechen um die Ecke ging, auf dem Tisch lagen: Die Augen des Meeres von Ioanna Karystiani.
Sie lagen ganz allein da. Keine Leserin saß vor dem Tisch mit dem Buch, kein Glas Wein stand daneben. Es schien eines jener vergessenen Bücher der Pension am Ende Europas zu sein. Der Herr D. schlug eine Seite auf und las: »Athos III, ein Handysize-Frachter mit einer Tragfähigkeit von 38.000 Tonnen, Wassermarke schwarz, Rumpf rot, Einwohner zwanzig, ein Männerdorf, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist.«
Sofort erkannte er es wieder, das Stakkato der Bilder, knapp, präzise, einprägsam. Er schlug eine andere, ruhigere Seite auf: »Das Leben ist Wiederkehr. Die Erinnerung legt den Rückwärtsgang ein und gräbt viele kleine, über die Jahre verstreute Geschichten aus, nach dem fünfundsechzigsten, dem siebzigsten Lebensjahr wird das Tempo der Wiederkehr schwindelerregend, und es reichen dir zehn Minuten, um dich auf den Rückweg zu machen, die Geschichten aufzusammeln und festzustellen, dass sie nichts als verbrauchte Flickenreste einer Vergangenheit sind, die mittlerweile weit von dir entfernt ist. Und je älter du wirst, desto größer wird der Abstand«.

Niemand war da, Maria nicht, Jorgos nicht, der Herr D. war der einzige Gast im Restaurant. Blitzschnell griff er zu, lief nach Hause und war wenig später Tausende Meilen von Kreuzberg entfernt. •


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