Kreuzberger Chronik
Februar 2010 - Ausgabe 114

Geschäfte

Dr. Susanne Keil


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von Horst Unsold

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Die Praxis in der Gneisenaustraße hat Tradition. Seit53 Jahren kümmert sie sich um die Kreuzberger Fauna


Sie wollte nicht im Büro sitzen. »Ich wollte etwas mit Menschen zu tun haben«, sagt Susanne Keil. Und hat deshalb eine Tierpraxis eröffnet. Denn selbstverständlich müssen Herrchen und Frauchen mitbetreut werden, wenn es dem vierbeinigen Liebling nicht gut geht.
»Tiere«, sagt die Tierärztin, »sind für Stadtmenschen zum Sozialpartner« geworden. Besonders für die Einsamen. Das Tier schlüpft in die Rolle des verstorbenen Ehegatten, es zwingt die Stadtmenschen dazu, einzukaufen und spazieren zu gehen, nicht aufzugeben, und wenn Frauchen verreist, bleibt Waldi beim Nachbarn.

Deshalb gehört zu einer guten Tierärztin mehr als nur veterinärmedizinisches Wissen. Sie braucht Gespür für Menschen. Sie muss bei der Therapie der Katze die Mondphasen berücksichtigen, wenn sich ihre Besitzerin auch immer nach den Sternen richtet. Sie muss die richtigen Worte finden, wenn Kinder weinend in der Ecke stehen, weil ihr Meerschweinchen die letzte Spritze bekommt. Sie muss Mut machen, auch wenn der halb erfrorene Spatz in ihren Händen, mit dem sie plötzlich im Wartezimmer stehen, kaum eine Chance hat. Oder den traurigen Kinderblick zu dem gigantischen Schädel lenken, der auf dem cremefarbenen Medikamentenschrank steht. Er ist so groß, dass nicht nur die Kinder sofort an einen Dinosaurierkopf denken.
Der riesige Pferdeschädel stammt noch aus der amtstierärztlichen Praxis ihres Großvaters. Auch der hatte schon ein Herz für Tiere. Ebenso wie die Tante, die ihre Praxis in der Wohnung hatte, in der sie zusammen mit Susanne und deren Mutter wohnte. Immer waren irgendwelche Tiere in Susannes Zimmer, und in der Voliere im Wartezimmer zwitscherten Waldvögel. Susanne Keil ist in einem Haus der Tiere aufgewachsen, mitten in Kreuzberg.

Vor 53 Jahren hat die Tante die Praxis in der Gneisenaustraße eröffnet, inzwischen hat Susanne Keil die Geschäfte übernommen. Als sie von der Nummer 36 in die 39 umzog, nahm sie Leo und Luzie, die beiden Katzen, die als Patienten kamen und bei ihr blieben, gleich mit. Ihre Kunden hat sie auch alle mitgenommen, die meisten noch alte Bekannte der Tante. Aber auch die Kreuzberger Tierfreunde, die einst in besetzten Häusern und in der Punkerszene lebten, gehören inzwischen zur Stammkundschaft. Sie sind nicht immer finanzkräftig, aber ihre Tiere sind gepflegt. Und natürlich empfindet die alte Kreuzbergerin so etwas wie Solidarität mit und hilft auch dann gerne, wenn die Tierhalter gerade ihren Antrag auf Hartz IV gestellt haben. Dann wird Dr. Susanne Keil selbst zum Sozialpartner. Für Hund und Mensch


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