Kreuzberger Chronik
Dez. 2010/Jan. 2011 - Ausgabe 123

Kreuzberger
Zwei Kreuzberger - Teil 2: Gerlinde Kolberg

Ich wusste sofort: Der isses!


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Michael Hughes

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Gerlinde nahm den Barhocker und schlug zu. Der sonst so standfeste Seemann taumelte ein bisschen, drehte sich um, sah Gerlinde an - und beschloss, doch noch ein Bier zu trinken. Später ist er dann »ganz brav mit nach Hause gegangen«, und »seitdem«, sagt Gerlinde, »ist es mit dem Abhauen bei ihm auch endgültig vorbei.«

Ein richtiger Seemann braucht eben auch eine richtige Braut. Eine, die auch mal das Steuer in die Hand nimmt. Eine, die nicht nur Suppe kocht, sondern eine, mit der man Feste feiern kann. Gerlinde Kolberg ist so eine Frau. Wenn Gerlinde Weihnachtskekse bäckt, dann nicht nur für Jürgen, die Kinder, Enkel und Urenkel, sondern immer auch für die Freunde. Vor ein paar Jahren, als sie noch die große Wohnung in Riehmers Hofgarten hatten, lud sie halb Kreuzberg ein, da standen »an die fünfzig Teller mit selbstgebackenem Gebäck auf dem Tisch, alle akkurat mit kleinem Namensschild versehen«, für all diese Künstler, Freunde und Freundesfreunde. »Hier war immer »offenes Haus am Heiligen Abend«, die Weihnachtsnächte bei Gerlinde waren Kreuzberger Nächte, die nicht selten bis zum Morgen dauerten.

Aber natürlich braucht so ein Seefahrer auch keine Stubenhokkerin. Er braucht eine, die gern unterwegs ist. Gerlinde pendelte schon in den Sechzigerjahren ständig mit ihrem silbergrauen Porsche zwischen Mönchengladbach und Paris hin und her, nur, um ein paar Tage bei ihrem Freund in der Rue Lafayette zu verbringen. Und um in ihrem Mini – »der ging gerade mal bis knapp übers Knie« – über den Pariser Flohmarkt zu schlendern. Dieser ganze Trödel faszinierte sie, und er fasziniert sie heute noch, jeden Samstag ist sie auf dem Flohmarkt am Marheinekeplatz. Und heute noch hat sie den Vogelkäfig, den sie einmal aus Paris mitbrachte. Nur die Vögel sind irgendwann ausgeflogen. Sie suchten die Freiheit. So wie ihr Seemann.

Auch der Wecker ist noch da, ein gewaltiges Gerät, dessen phänomenales Schlagwerk ihr nicht nur Freunde einbrachte. In der Bremme in Mönchengladbach zum Beispiel, wo er jede Nacht pünktlich um Eins das nahende Ende des Abends ankündigte. Einer der Gäste, der partout nicht nach Hause wollte, warf den französischen Wecker kurzerhand ins Spülwasser. Gerlinde fischte ihn wortlos wieder heraus, »überall lief Wasser raus, aber klingeln tut er heute noch wie´n Weltmeister.« Gerlinde wirft nicht gerne etwas weg, sie hält Altgedientem gern die Treue. Und natürlich brauchen Männer wie Jürgen Grage Frauen, die treu sein können. Frauen wie Gerlinde Kolberg.

Trotzdem müssen diese Frauen Rauchen und Trinken können, sie müssen was von Kneipen verstehen. Gerlinde versteht was von Kneipen. Gerlinde war die Wirtin der Bremme. Jeden Abend trafen sich die Beuys-Schüler bei ihr, lauter trinkfeste Studenten, nur Günter Netzer
Foto: Privatarchiv
trank meistens Saft. Der Borusse fiel trotzdem kaum auf, »der war immer witzig und gut gelaunt.« Als die Gäste zu Gerlindes Geburtstag ein Fußballspiel organisierten -»Jungen gegen Mädchen, lauter Stammgäste, wobei die Tore der Mädchen doppelt zählten« - mimte Netzer den Schiedsrichter. Ein vergilbtes Foto zeigt ihn von Mädchen umringt beim Anpfiff.

Es war keine schlechte Zeit. »Wo nette Leute sind, da fühl ich mich zuhause«, sagt Gerlinde Kolberg. Und die Bremme war ihr Zuhause. Dort holte sie »die Jugend nach«, die sie verloren hatte, als sie mit Achtzehn schwanger wurde. Im prüden Nachkriegsdeutschland am Ende der Fünfzigerjahre, als Hochzeit noch der einzige Ausweg war. Doch einige Jahre nach der Hochzeit war sie wieder allein, musste sich durchschlagen, war tags die Mutter und nachts die Wirtin von der Bremme.

Bis eines Tages ein Schauspieler vor ihr stand. Er hatte in Wien mit Klaus Maria Brandauer gespielt und Gerlinde zur Premiere des Musicals »Hair« nach München eingeladen, wo sie nach der Vorstellung Grethe Weiser traf, eine kleine, quirlige Frau, die ihr imponierte. Gerlinde Kolberg hat ein Faible für Künstlernaturen und besorgte anlässlich der Düsseldorf-Premiere des Hippiemusicals die Quartiere für die langhaarige Truppe, kümmerte sich um Restaurants und um die Presse. Auch die Haarigen hatten ein Faible für Gerlinde, sie wollten sie gleich mitnehmen, doch Gerlinde hatte zwei Kinder. Also zogen sie ohne Gerlinde weiter, zurück blieb eine Langspielplatte mit den Fotografien ihrer Freunde auf der Rückseite. Sie hat sie heute noch.

Aber auch Gerlinde blieb nicht für immer in Mönchengladbach. 1972 feierte sie Abschied von der Bremme, mit all ihren Gästen. Die »Mr. Felix Brass Band« spielte, bis die Polizei kam. Dann fuhr sie mit ihren zwei Söhnen nach Berlin, zu ihrem Schauspieler. Doch Gerlinde war nur eine von vielen Verehrerinnen, und eines Abends in der Nulpe stand sie dann plötzlich diesem Seemann gegenüber. Sie »wusste sofort: Der isses!« Auch ihn hat sie heute noch.

Weil nämlich Frauen wie Gerlinde Kolberg Männer wie Jürgen Grage brauchen. Männer, die nicht viele Worte machen. Die sich eines Abends in der »Weltlaterne« an den Tisch des Schauspielers setzen, der gerade mit einer anderen Schönheit flirtet, und die sich dann ein bisschen zum Rivalen hinüberbeugen und flüstern: »Du, was ich dir noch sagen wollte: Ich steig mit deiner Ollen auch ab und zu in die Mulde.«

So wurde Kreuzberg Gerlindes Zuhause. Kreuzberg mit seinen netten Leuten, seinen Künstlern, seinen Kneipen, seinen Trödelläden, und mit dieser großen Wohnung, die sich ständig veränderte, weil Jür-• gen mit Antiquitäten handelte. Und immer, wenn ein schöner Schrank, ein schönes Sofa, ein schöner Tisch im Laden auftauchte, der Gerlinde besser gefiel als der heimische, dann tauschten sie die Möbel aus. Inzwischen ist ihre Wohnung eine Mischung aus Trödelladen und Museum mit einer Jugendstilecke und einer Biedermeierecke, und mit alten Puppen, Teppichen, Vasen, Gläsern, Kleinodien -und alten Bildern natürlich. Bildern von Künstlern. Weil sie ein Faible für Künstler hat, Bilder von Gerhard Tenzer, von Tuula Tähtelä, Rudi Lesser, Peter Gramlich, all diesen Kreuzberger Malern.

Es sind kleine Kunstschätze, und es sind Erinnerungen. Erinnerungen an Freunde, die noch leben, und an Freunde, die nicht mehr leben - wie Karl-Heinz Grage, den Gerlinde »bis in den Tod pflegte«. Noch heute, zwanzig Jahre danach, herrscht Trauer in dem stillen Zimmer mit den Bildern und Mappen und hölzernen Druckplatten jenes Mannes, der einem seiner letzten Werke den Titel gab: »Ich schließe die Augen und sehe«.

Manchmal, wenn Gerlinde Kolberg Besuch hat, führt sie ihre Gäste durch die Zimmer mit ihren Bildern wie durch Stationen ihres Lebens. Am Ende steht sie in einem Zimmer mit bunten Bildern von einer fernen Insel, Bildern von Tieren, Bäumen, Schiffen, tropischen Früchten. Es sind die Bilder der Frau eines Seemannes. Bilder von Gerlinde Kolberg. Es vergeht kein Jahr, in dem sie nicht ein paar Monate auf ihrer Insel im Indischen Ozean ist. Weil sie da auch ein Zuhause hat. »Wenn einer von uns mal stirbt«, sagte Gerlinde einmal zu Jürgen, »dann geh ich nach Mauritius«. Womit sie klarstellte, wer zuerst stirbt.

Mauritius ist ihre zweite Heimat. Obwohl es dort im indischen Ozean keine Weihnachtskekse gibt. Und obwohl nicht klar ist, ob sie ohne Weihnachtskekse leben kann. Früher stand sie von morgens um sechs bis kurz vor Mitternacht in der großen Küche in Riehmers Hofgarten und knetete Teigkugeln, große, kleine, braune, gelbe, schob Blech für Blech in den Ofen, Vanillekipferl, Spritzgebäck, Printen, »immer gleich drei auf einmal«. Zwischendurch buk sie Buchteln für die Männer, die im Nebenzimmer Skat spielten und ihr sonst alle Kekse weggegessen hätten. Und für die anderen, die gar nicht mitspielten und nur der Buchteln wegen gekommen waren.

»Ich bin eben ein Flüchtlingskind«, sagt Gerlinde Kolberg. »Ich fühle mich da zuhause, wo nette Leute sind.« Sie kann sich noch erinnern an das Sudetenland, wo sie geboren wurde, an die Kriegsjahre, an die Flucht 1945, an den Puppenwagen voller Habseligkeiten, mit dem sie in der Dunkelheit der Nacht heimlich die Grenze nach Westen passierten, an das Jahr 1948, wo das Mädchen, fast zehn Jahre alt, zum ersten Mal seinen Vater sah, der aus der russischen Gefangenschaft heimkehrte. »Und Mutti hatte einen Streuselkuchen gebacken, den besten Streuselkuchen, den ich je gegessen habe!« Gerlinde Kolberg lächelt. Streuselkuchen. Sie macht ihn heute noch. •

Foto: Privatarchiv

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