Kreuzberger Chronik
Dez. 2010/Jan. 2011 - Ausgabe 123

Geschichten & Geschichte

Kreuzberger Winterträume


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von Werner von Westhafen

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Da, wo die Berge am weitesten entfernt sind, ist die Sehnsucht nach ihnen am größten.


Als die Berliner nach dem Krieg damit begannen, den Schutt ihrer 400.000 zerstörten Häuser aus der Innenstadt zu räumen, häuften sie die Hälfte davon im Norden zum höchsten Berg Berlins an. Den ersten Stein zu diesem Teufelswerk hatte Hitler 1937 noch selbst gelegt: Es war der Grundstein der »Wehrtechnischen Fakultät« seines »Tausendjährigen Reichs«. 13 Jahre später schütteten die ersten Lastwagen ihre Ladungen in den sinnlosen Rohbau. Heute liegt seine Kriegsakademie unter 26 Millionen Kubikmetern Kriegsschutt begraben in 100 Meter Tiefe. 22 Jahre wuchs der Berg, bis zu 800 Lastwagen fuhren täglich zur Trümmersammelstelle im Grunewald, bis er endlich seine Höhe von 114 Metern erreichte.

Anschließend wurde Berlins höchster Berg mit einem Restaurant, Schneekanonen, Skiliften und Sprungschanzen ausgestattet. Am 28. Dezember 1986 erlebte Berlins Müllberg dann seinen alpinen Höhepunkt: 15.000 Zuschauer säumten die 400 Meter lange Piste, um den ersten Weltcupslalom Berlins auf der mit Kunstschnee präparierten Piste zu erleben. Markus Wasmeier, frühzeitig ausgeschieden, kommentierte: »Super organisiert, tolle Resonanz!«

Die Sehnsucht der Berliner nach Eis und Schnee ist alt. Schon Prinz Albrecht hatte 1837 im Garten seines Palais am Stadtrand eine künstliche Eisbahn anlegen lassen. Die »aufgebauten Rutschbahn-Eisberge nach Art der russischen werden trotz der Kälte zahlreich besucht und gewähren für Liebhaber solcher kalten Partien hohen Genuß«, schrieb ein Zeitzeuge. »Selbst die Damen schließen sich nicht aus und finden daran großes Behagen. Ein paar Mal schon haben diese Rutschpartien selbst bei Abend und bei brillanter Illumination mit Trompetenmusik, die bei Albrecht de riguer ist, stattgehabt und sollen vielen Beifall gefunden haben«.

Postkarte aus Berlin Kreuzberg - "Impressionen aus alter Zeit", Röblitz
Vor allem im Süden der Stadt, wo Berlins höchste und steilste Hügel lockten, wurde der Wintereinbruch schon immer gefeiert. Sobald der erste Schnee fiel, machten sich die Flachländler auf den Weg zu dem kleinen Höhenzug, der sich vom Kreuzberg bis zur Hasenheide hinzog, um mit Kind und Kegel den Hang hinunter zu rodeln. Das alpine Lebensgefühl schlug sich auch am Fuß des bis zu 63 Meter hohen Bergrückens nieder. In den Tanzlokalen an der Talstraße wurden Alpenbälle veranstaltet, das Salzburger »Alpenbänkler-Terzett« spielte auf, die »engste Taille« wurde prämiert und der »jüngste Großvater«, und die Galerie der »Neuen Welt« in einen »Kraxelsteig« und eine »Gebirgsterrasse« verwandelt. Auf Plakaten warben die Lokale für die Alpenfeste mit bayrischem Bier, »Rodelbahn« und »Vergnügungsalm«.

Der Kreuzberg mit seinem Gipfelkreuz war sogar im Sommer noch ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderer und Bergsteiger, die den Wasserfall hinaufkletterten und das künstliche Mittelgebirge eroberten. Postkarten schmückten Berlins Hausberg mit Almen und Gämsen.
Postkarte aus Berlin Kreuzberg - "Impressionen aus alter Zeit", Röblitz


Doch nicht nur mit Bergsteigerausrüstung, Schlitten und Skiern waren die späteren Kreuzberger unterwegs. Auch auf dem blanken Eis der Spree und ihrer Kanäle trieben sie sich herum, und 1893 wurde anlässlich der Europameisterschaften im Eiskunstlauf der Männer der »Berliner Schlittschuhclub« gegründet. Auch die EM im Eisschnelllauf fand in diesem Jahr in Berlin statt. 1910 wurde dann mit dem Berliner Sportpalast die größte Kunsteisfläche der Welt eröffnet. Doch schon um die Jahrhundertwende hatten die Gebrüder Enderjat in der Urbanstraße Nummer 166 eine der ersten Eis-Bahnen überhaupt errichtet. Die sogenannte Süd-Eisbahn hatte bis elf Uhr nachts geöffnet und wurde mit einer Lichterkette beleuchtet. Am Rand der Bahn brannte ein Kanonenofen, um gänzlich Durchgefrorene wieder aufzutauen, es gab Wurst und Bier. Die Eisbahn im Süden erfreute sich besonders unter den Berlinerinnen großer Beliebtheit, täglich spielte eine Militärkapelle und begleitete die Eistänzerinnen in ihren wehenden und knöchellangen Gewändern, die vor den bewundernden Blicken der Herren ihre ersten Pirouetten drehten. Um auch im nächsten Jahr wieder eine gute Figur abzugeben, besuchten die Frauen die Bahn auch im Sommer noch – diesmal mit Rollschuhen. •


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